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Der Israelit · 1891-04-06 · Heft 28 (6.4.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 28 (6.4.1891)
Date
1891-04-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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530 beglücÜings'Rezepte, seinen Wählern goldene Berge versprochen, so versprechen sich jetzt ihrerseits seine einstigen Wähler wieder goldene Berge davon, daß es ihnen gelungen, sich Herrn Fiegl's zu entledigen. Jedenfalls wird von den gegenwärtigen Erwartungen der Badener weit mehr in Erfüllung gehen, als von den Versprechungen ihres ehemaligen antisemitischen Vertreters, wenngleich die Folgen ihres einstigen Jrrthums nicht so rasch gut gemacht sein werden, wie es sich einzelne der damals Jrregeführten und jetzt Bekehrten vorzustellen scheinen. Welche sanguinischen Hoffnungen dieselben in Folge der Korrektur ihres Wahlfehlers auf die heurige Saison setzen, das beweist recht drastisch das nachfolgende Geschichtchen: Ein Wiener Ingenieur wollte im vorigen Jahre eine Sommerwohnung in Baden miethen. Die Hauseigenthümeriu verlangte für die Wohnung einen Zins von 400 fl. und ließ durchblicken, daß auch diese Forderung noch nicht ihr letztes Wort sein würde. Das Geschäft zerschlug sich jedoch, weil die Gattin des Ingenieurs einen Sommeraufenthalt an der Westbahn vorzog. Heuer nun entschied sich Frau K. für Baden. Ihr Gatte begab sich deßhalb vorgestern dorthin und sofort in die im vorigen Jahre angebotene Wohnung, weil dieselbe seinen Wünschen und Bedürfnissen sehr gut entsprochen hatte. Die Wohnung war frei und Herr K. eben im Begriffe, den Mietvertrag mit einem Angeld zu besiegeln, als er vorsichtswcise die Hausfrau nochmals um die Höhe des Zinses befragte. „Sechshundert Gulden", lautete die Antwort. — „Aber", wendete der Ingenieur ein, „Sie haben doch im vorigen Jahre gleich nicht mehr gefordert als vierhundert Gulden".— „Ja", erwiderte die Hausfrau, „heuer koft's zweihundert Gulden mehr, alle Wohnungen san thcurer." — „Warum denn?" fragt Herr K. — „Na", entgegnete treuherzig die Befragte, „weil mir halt kane Antisemiten mehr san." Und dabei blieb's. Die Geschichte ist sehr lehrreich. Die Badener veranschlagen also den ^Schaden, welchen ihnen der Antisemitismus zugefügt, auf 60 Prozent des Mietherträgnisses. Die dortigen Hausbesitzer haben somit durch sechs Jahre eine Art antisemitischen Kriegszuschlages von 50 Prozent für das Vergnügen bezahlt, Herrn Fiegl zu ihrem Abgeordneten erwählt zu haben. Wien. Der Universitätsprofessor der Theologie und Konsistorialrath Dr. Josef Schöpf in Salzburg hat an den Wiener Gemeinderath Dr. Alfred Stern ein ausführliches Schreiben gerichtet, welches ein vernichtendes Urtheil über den Antisemitismus enthält. In diesem Briefe, welchen die „Leopoldstädter-Zeitung" veröffentlicht, sagt Doctor Schöpf u. A.: „Ja, wirklich schweres Leid ist über Ihre Glaubensgenossen gekommen. Gemeiner Neid, Rohheit und Niedertracht verbittern ihnen das Dasein. Und das in einem Rechtsstaate!! Welcher Hohn! Und das von Seite Angehöriger des Christenthums, dessen höchstes Prinzip allgemeine und ausnahmslose Liebe ist. Welcher Widerspruch, welche Schande! Wahrhaftig, ich schäme mich für meine Standesgenossen, die, ganz verblendet, das Verabscheuungswürdige des Antisemitismus nicht einsehen — nicht einsehen wollen. In Betreff der wirklich antisemitischen Geistlichen wette ich Tausend gegen Eins, daß Keiner derselben die Schriften der Urheber und Träger des derzeitigen Antisemitismus — eines Dühring, Fritsch u. s. w. — je gesehen, geschweige gelesen oder studirt hat. Wer diese Schriften gelesen, muß sich als Christ und noch mehr als Priester mit Abscheu von dem Antisemitismus abwenden. Aber eben weil die antisemitischen Geistlichen die Sache nicht studirt, schreien sie um so lauter. — Facile pronuntiat qui pauea considerat. Sie toben über die Köpfe ihrer legitimen geistlichen Oberen hin, die diesen Phraseologen viel zu wenig energisch und „entschieden" sind. Ich habe als vieljähriger Vorstand des katholischen Gesellenvereins oft und viel mit dem derzeitigen Wiener Oberhirten Dr. Gruscha verkehrt, ich habe — in Wahrheit gesagt — niemals in meinem Leben einen wohlmeinenderen, selbstloseren und edleren Menschenfreund kennen gelernt, aber auch dieser grundedle Mann wird von Ihren sauberen Antisemiten mit Gift und Galle bespritzt. Manche antisemitischen Kleriker meinen noch dazu, daß sie bona flde mitschreien. Sie identifiziren Antisemitismus mit Corruptionismus und sind fest überzeugt, daß alle und jede Korruption nur von den Juden herstamme. Als wenn die Christen an der Korruption sich minder betheiligten als die Juden! Wäre die Scham mit der Unwissenheit ebenso verknüpft, wie mit der Unsittlichkeit, so müßte mancher der geistlichen Schreier über und über roth erscheinen. Sie fragen: „Wird denn das grausige Treiben nicht bald enden?" Bei energischem Einschreiten der Staats- und Kirchengewalt muß der Antisemitismus bald von der Bildfläche verschwinden. Verschwinden muß er überhaupt, weil er nicht auf das Prinzip der Gerechtigkeit, sondern des Unrechtes, der Lüge und Uebertreibung basirt ist. Ob bald, ist fraglich. Er ist Mode, Leidenschaft und Deckmantel." Frankreich. Paris. Die Ernennung eines neuen Grand- . Rabbin für die hiesige Gemeinde bildet, wenn auch ihre Entscheidung nahe gerückt, momentan das Hauptgespräch der jüdischen Kreise. Der Reigen der Probereden der in Aussicht genommenen Candidaten hatte zwar schon längst begonnen, trotzdem konnte wegen Abwesenheit des Consistorialpräsidcnten

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