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Der Israelit · 1891-04-01 · Heft 26-27 (1.4.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 26-27 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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504 Amerika. New-Dork, 20. März. Ein hier erscheinendes böhmisches Blatt „Hlaslidu" berichtet über eine schmähliche Behandlung von 75 armen Böhmen, russischen und polnischen Juden, welche nach West-Virginien an einer Eisenbahn zu arbeiten gebracht worden sind und dort wie Sklaven behandelt werden. Dieselben erbielten kärgliche und schlechte Nahrung, wurden säst täglich gepeitscht und mit dem Tode bedroht, falls sie sich den Drangsalen durch Entfernung zu entziehen versuchten. Die Behörden scheinen sich um die Unglücklichen nicht zu kümmern. Vermischtes. Berlin, 24. März. — Die von der Berliner Stadtverordnetenversammlung für ungiltig erklärte Wahl des Antisemiten Dr. Bachler hat der Bezirksausschuß für gültig erklärt. Frankfurt a. O., 26. März. Sein hundertstes Lebensjahr vollendete gestern der hiesige Handelsmann Tobias Cohn. An der Feier betheiligten sich in der herzlichsten Weise die israelitische Gemeinde und zahlreiche Freunde von Nah und Fern. Der verhältnitzmätzig noch sehr rüstige Jubilar zahlt über 40 Kinder und Kindeskinder. Schwerin i. M. Commerzienrath Samuel Salomon, der jüngste Sohn des in der „Stromtid" von Fritz Reuter verewigten alten „Moses" ist hier gestorben. „Der Verstorbene," schreibt das Hamburger Fremdenblatt, „besaß eine unverkennbare Aehnlichkeit mit seinem 1858 im Alter von 86 Jahren Heimgegangenen Vater und auch dessen Tugenden, indem er bei seinen Spenden sich nicht von religiösen Erwägungen leiten ließ. Für die israelitische Gemeinde in Schwerin ist der Tod ihres Oberraths ein sehr schwerer Verlust. Als er vor zwanzig Jahren aus Stavenhagen verzog, schenkte er der dortigen Behörde sein Grundstück zu Gunsten armer Leute. Schon durch seinen Vater reich, erwarb er sich noch mehrere Rittergüter. Die Leiche des Verblichenen wurde unter lebhafter Betheiligung aller Kreise der hiesigen Bevöklerung zu Grabe getragen. In dem zahlreichen Gefolge, in welchem wohl die männlichen Mitglieder der israelit. Gemeinde Hierselbst vollzählig vertreten waren, bemerkten wir u. A. den Bürgermeister Hofrath Bade und den Ersten Staatsanwalt Jnstizrath Giffenig. Einige zwanzig Droschken schlosien den Leichenzug. Auf die Initiative des Herrn Leopold Weil in Kippenheim (Baden) hat sich daselbst eine map gebildet, die beteite 25 Mitglieder zählt. Wien. Der erste jüdische Bezirksrichter wurde dieser Tage ernannt: Ignaz Mora wetz, Kreisgerichtsadjunct in Teschen wurde zum Bezirksrichter in Datschitz (Mähren) ernannt. Der Landesgerichtsadjunct Heinrich Fried in Brünn wurde kürzlich zum Rathssecretär in Teschen befördert. Der Concipist der Lemberger Finanz-Landesdiretion Herr Nathan Bier, ist zum Finanzcommissär bei derselben Behörde ernannt worden. Budapest. Am 9. v. Monat feierte die Pester Chewra- Kadischa ihr lOOjähriges Stiftungsfest. Im Jahre 1790 gegründet, ist die Chewra-Kadischa älter als die Gemeinde selbst. Bei ihrer Gründung hatte sie keinen Friedhof und sie war demnach gezwungen, die Leichname über die Donau nach Altofen zu schaffen, wo der jüdische Gottesacker sich befand. 1794 erhielt sie eine Begräbnißstätte in der Nähe des Gebäudes des Österreichisch-Ungarischen Staatsbahnhofes, 1808 verkaufte ihr die Stadt Pest einen Platz hinter dem aufgelassenen Waitzner Friedhof um den Preis von 2100 fl. Im verflossenen Jahre betrugen die Einnahmen der isr. Cultus-Gemeinde 272 390 fl. 73 kr. die Ausgaben 257.817 42 kr., es ergab sich sonach mit Ende 1890 ein Gebahrungs- Ueberschuß von 14.573 fl. 31 kr. Der Vorstand beantragt, diesen Betrag sowohl, wie 10.605 fl. 43 kr. aus dem Reservefond zur Bedeckung der Mehrausgaben zu verwenden, welche sich beim Bau des neuen Spitals ergeben haben. Der Bau und die Einrichtung dieses Spitals kouete nämlich 547.335 fl. 62 kr., während für diesen Zweck nur 522.156 fl. 88 kr. zur Verfügung standen, so daß noch 25.178 fl. 74 kr. zu bedecken sind. Für das Jahr 1891 sind präliminirt an Einnahmen 277.327 fl. 88 kr., an Ausgaben 280 691 fl. 37, sonach betragen die Mehrausgaben 3363 fl. 49 kr. Prag. Vor dem hiesigen Bezirksgerichte fand jüngst die vor Kurzem vertagte Verhandlung gegen den Mediciner Herrn Hubert Weber statt, welcher bei einer Schiedsgerichtsverhandlung der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten den Jurinen Herrn Rudolf Neuberg mit dem Worte „Judenjunge" beschimpft und ihm einen Schlag versetzt hatte. Weber stellte in Abrede, den Neuberg beschimpft zu haben, gestand jedoch zu, ihm anläßlich eines von dem Kläger provocirten Wortwechsels in der Aufregung einen Schlag versetzt zu haben, wobei nach seiner Angabe jede antisemitische Grundlage fehlte. Ter Vertreter des Klägers Herr Tr. Bendiener bemerkte hieraus, es sei sehr bedauerlich, wenn junge Leute, die auf Bildung Anspruch machen, sich soweit hinreißen lassen, und es wäre wohl angezeigt, zur Vermeidung ähnlicher Vorfälle einmal die Strenge des Gesetzes walten zu lassen, gleichwohl erkläre er sich bereit, auf einen Ausgleich einzugeheu und die Klage zurückzuziehen, wenn Herr Weber sein Bedauern über den Vorfall anssprechen, dann 10 Gulden zu Händen des israelitischen Nächstenliebe-Vereines erlegen und die Kosten bezahlen würde, welche Herr Dr. Bendiener gleichfalls dem israelitischen Nächstenliebe-Vereine widme. Herr Weber erklärte sich damit einverstanden, gab zu Protokoll, daß er den Vorfall bedanre und verpflichtete sich, den Betrag per 10 fl. und die vom Richter Herrn Landesgerichtsadjunet Kwis mit 10 fl 50 kr. zugesprochenen Kosten — zusammen 20 fl. 50 kr. — dem israelitischen Nächstenliebe- Vereine zu bezahlen. Der Verhandlung wohnte ein zahlreiches Auditorium von Studirenden bei. Feuilleton. K o 8 c Kreise, Novelle von H. Berge r. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Unterdessen waren auch die Bewohner des ersten Stockes wach geworden. Bella war die Erste, welche im Wohnzimmer am Frühstückstisch erschien; bald daraus kamen auch die Eltern. Bella ging denselben entgegen, bot ihnen guten Morgen und küßte sie. Man setzte sich an den Tisch und frühstückte wortlos. Das andauernde Schweigen wurde Bella unerträglich und mehr als einmal wollte sie sprechen, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Da brachte das Mädchen die Zeitungen und die Post, und während die Eltern die Briefe durchlasen, überflog Bella die Zeitungen. Sie fand

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