Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 26-27 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448149--31875-2479696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
505 nichts, was sie interessirte. Doch wie kommt heute die Kreuz-Zeitung auf ihren Tisch? Das muß ein Versehen der Trägerin sein. Sie sieht den Inhalt des Blattes durch und schreckt zusammen. Ihre Blicke haften wie gebannt an der Ueberschrift eines Artikels von Dr. Burckhardt: „Ein koscheres Fest des neuen Commerzienrathes". Sie las den Artikel und je weiter sie las, um so zorniger wurde sie. Ein solch' niederträchtiges, infames Machwerk voll beißenden Spottes und offenbaren Hohnes hatte sie noch nie gelesen! Wie waren ihre armen Eltern mitgenommen und zum Gegenstand des Spottes und Hohnes gemacht worden! Der Vater, die Mutter, sie selbst, die Gäste, kurz alles wurde von der Galle und Bosheit des Dr. Burckhardt besudelt. „Das Fest hat den Herrn Commerzienrath gewiß eine große Summe Geldes gekostet;‘ mehr als mancher christliche Beamte im ganzen Jahre zu verzehren hat. Was schadet es? Die christlichen Arbeiter des Herrn Commerzienrathes müssen dafür täglich eine Stunde länger arbeiten. Uns hat es nur gewundert, daß so wenig semitisches Blut vertreten war. Man scheint in den betreffenden Kreisen einzusehen, daß der Jude nicht in die Salons, in welchen unsere hohen Kreise verkehren, paßt, und selbst dann nicht angenehm sind — wenn der Gastgeber Vorsteher der Judengemeiude ist." So schloß der Artikel. Mit verächtlicher Geberde warf Bella die Zeitung auf den Tisch, so daß die Eltern von ihren Briefen anfsahcn. „Was hast Du? Warum wirfst Du die Zeitung über den Tisch?" fragte die Mutter. „Lies selbst," versetzte Bella, „und freue Dich; die Kreuz-Zeitung hat Dich berühmt gemacht." Sie reichte ihrer Mutter das Blatt hin und bezeichnete mit ihrem Finger den fraglichen Artikel. Die Eltern lasen das Pamphlet, und als sie fertig waren, sahen sie einander fragend und erstaunt an. „Gemein!" sagte der Commerzienrath. „Mehr als dieses", stimmte seine Frau bei; „das ist niederträchtig, infam, absurd. Nun, wir werden die Antwort nicht schuldig bleiben. Arthur Willig hat eine spitze Feder." „Rechne nicht auf ihn", sprach der Commerzienrath; „ich hatte heute Nacht eine Auseinandersetzung mit ihm, infolge bereu ich ihn bat, uns mit seinen ferneren Besuchen zu verschonen." „Das ist unbedacht von Dir gehandelt", rief mit scharfem Tone seine Frau. „Arthur Willig ist ein angenehmer Gesellschafter, ein liebenswürdiger Mensch, ein tüchtiger Jurist, der, wie mir die Frau Oberappellationsgerichtsräthin Dr. Langmuth sagte, bei ihrem Mann einen Stein im Brett und Aussicht auf eine glänzende Carriöre hat. Man will ihn ins Ministerium berufen, um ihn später der deutschen Gesandtschaft in Constantinopel zu attachiren." „Er hielt unserer Tochter einen Vortrag über den kindlichen Gehorsam und kam dabei zu Consequenzen, die weder mir noch Dir genehm sein konnten. Ich kam dazu und theilte ihm meine Ansicht über sein tactloses Benehmen mit; ein Wort gab das andere und wir schieden nicht als Freunde." „Auch hier wieder Bella die Schuldige? Du machst Deinen Eltern mehr Sorge und Kummer, als Du je verantworten kannst. Wie wollte ich das elende, mißgünstige Geschwätz dieses albernen Zeitungsschreibers verachten, könnte ich darauf mit Deiner Verlobungsanzeigc antworten! Sie würden sich nicht erdreisten, ihren Geifer auf uns zu werfen, wenn die Familie von Zobeltitz sich mit uns verschwägert hätte. Noch habe ich keine definitive Antwort ertheilt, Bella. Ich sagte, Du bätest Dir Bedenkzeit aus und versprach, bald mitzutheilen, wann der Herr Lieutenant sich bei Dir das Jawort holen könne. Nun sei vernünftig, mein Kind; Du weißt, daß alles, was wir thun, nur für Dich geschieht. Mache uns das Leben nicht noch schwerer und lasse jene kleinlichen Bedenken fallen." „Kleinliche Bedenken, nennst Du das, was mich bestimmt, Euren Wünschen nicht zu entsprechen! Kleinliche Bedenken hätten mich niemals veranlaßt, einen Wunsch, den Ihr geäußert, unerfüllt zu lassen. Wo aber mein Lebensglück, das Heil meiner Seele auf dem Spiele steht, da muß jede andere Rücksicht schweigen, und ich weiß es, ein Opfer verlangt mein Mütterchen nicht von mir, seine einzige Tochter will mein Väterchen nicht ins Unglück stürzen." Bella hatte die letzten Worte in bittendem Tone gesprochen und war zu ihrem Vater gegangen nud hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt, während ihre Augen sich mit Thränen füllten. „Sieh', Väterchen," sprach sie, „ist denn das Heirathen das größte Glück? Muß denn jedes Mädchen unter die Haube gebracht werden? Ich bleibe bei Euch, so lange Ihr lebt und suche mein Glück darin, mein Leben dem Eurigen zu weihen." „Das sind romanhafte Mädchenideen, mein Kind; ein Mädchen muß heirathen, sonst hat es seinen Beruf verfehlt", sprach der Vater. „Ja, Vater, Du hast in einer Hinsicht recht. Einen Beruf sollte jeder Mensch, demnach auch jedes Mädchen haben. Wer weiß, ob es jemals seinen nächsten Beruf, den als Gattin und Mutter ausführen kann! Darum sollte jedes Mädchen einen Beruf erlernen als Ersatz für den etwa zu verfehlenden natürlichsten. Noch habe ich keinen Beruf gewählt; aber ich bin noch jung und kann das