Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 25 (26.3.1891)
- Date
- 1891-03-26
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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497 „Aber Wladimir, Du applaudirst gar nicht? Sie ist ja einzig köstlich", klang es' jetzt von seiner jungen Frau herüber. „Ja, ja," sagte er in tiefes Sinnen verloren. Der Borhang siel. Wladimir reichte seiner Frau den Mantel und führte sie zum Wagen. „Adieu, Wanda, ich sonpire heute im Clnb " „Adieu, Wladimir, kommst Du bald?" „Gewiß, gewiß!" und schon fausten die Pferde im Galopp davon. Erna Palmreis saß in ihrem reizend ausgestatten Boudoir. Ihr prachtvolles Goldhaar hatte sich gelöst und schmiegte sich wie ein goldener Mantel um ihre Schultern/ Ein Lächeln der Befriedigung schwebte über ihren seingeschnittenen Zügen, als sie die D Nationen des heutigen Abends an ihrem Geist vvriiberziehen ließ _ Das Werk war gelungen, sie hatte ihr Ziel erreicht, war gefeiert und bewundert. Da verdunkelte plövlich eine Wolke ihr heitere Miene. Düstere Bilder ans der Vergangenheit tauchten in ihrer Seele aus. Sie sah sich wieder als Esther Pollak zuhause in drückenden Berhältnisscn, aus denen sie sich, ach! so sehr heraussehnte. Dann die Episode mit dem Grasen Wladimir. — Wie ein Schleier senkte es sich ihr über die Augen - Nach dem Bruch mit dem Grasen war keines Bleibens mehr für sie. An jenem Tage hatte sich ihre Zukunft entschieden Sie erinnerte sich der Schauspielertruppe, die in dem Städchen damals Vorstellungen gab und — als dieselbe des anderen Morgens die Stadt verließ, war Esther darunter Der Direetor hatte die Schöne mit Freuden engagirt. — Bei der nächsten Haltestelle angelangt, war ihr erster Weg zum Pfarrer, sich taufen zu lassen. Damit war der erste Schritt gethan, die hemmenden, entwürdigenden Bande des Judenthums abzustreifen. Bald daraus wurde durch Zufall ein Kunstmäeen auf den Wohlklang ihrer Stimme aufmerksam und ließ sie ausbilden. Sie war eilte ebenso gelehrige, als talentvolle Schülerin und nach fünfjährigem eifrigem Studium konnte sie öffentlich aüftreten. In den vielen, der rastlosen Arbeit geweihten Jahren, wenn ihr oft fast der Math bei den zu überwältigenden Schwierigkeiten sinken wollte, tröstete sie nur die Erwartung eines solchen Abends wie der heutige Ihr Triumph war noch erhöht durch die Anwesenheit des Grafen. Sb er in ihr, der Gefeierten, das einst von ihm verschmähte Mädchen erkannt hat? —- Doch was war das? Sie richtete sich lauschend auf. Vernahm sie nicht Graf Wladimirs Stimme? „Lassen Sie mich ein, ich muß die Diva sprechen!" „Das Fräulein empfängt Niemanden," war die abwehrende Antwort Saschas, der Kammerjungfer. „Aber hören Sie, ich muß sie sehen, sprechen", bat er beschwörend. „Geben Sie ihr diese Karte." Mascha brachte die Karte mit den entschuldigendeu Worten: „Der Heer will sich nicht abweisen lassen.' „Ich kenne iint Herrn nicht und empfange Niemanden, absolut Niemanden, Du weißt es." Sascha ging hinaus. „Aber ich muß sie sprechen," ries draußen der Graf verzweifelt „und ich werde sie sprechen!" Da stand er schon auf der Schwelle. „Verzeihen Sie, mein Fräulein" weiter kam er nicht. Esther schaute den Eindringling so erzürnt an, daß ihm das Wort im Munde erstarb. Bis jetzt hielt er sich für überzeugt, daß die Sängerin Esther und keine andere sei, aber nun ward er irre. Konnte diese Dame mit dem Tizianhaar die dunkelhaarige Esther sein? Würde ihm Esther so fremd, mit so vollständiger Gleichgiltigkeit begegnen? „Verzeihen Sie, inein Fräulein" begann er, nochmals mit unsicherer Stimme, „wenn ich es gewagt, hier einzudringen. Ich glaubte, eine Bekannte in Ihnen zu finden" und indem er nähertrat, setzte er hinzu „und - ich glaube es noch — in Ihnen die schöne Esther wieder zu erkennen." Sie blieb vollkommen ruhig, keine Blutwelle stieg in ihr Antlitz. Sie maß ihn nur mit einem kalt staunenden Blicke. „Mein Herr, ich verstehe kein Wort von dem. was Sie da sagen. Meine Name ist Erna Palmreis; was veranlaßt Sie, mich Esther zu nennen?" „Seien Sie nicht so grausam, schöne Esther. Sie sind es ja, leugnen Sie nicht. Unmöglich können sich zwei Geschöpfe so ähnlich sehen. Wie habe ich um Sie getrauert! Haben Sie mich ganz vergessen? Seien Sie milde, Esther!' flehte er. „Esther! Esther!" wiederholte sie ungeduldig „weshalb nennen Sic mich so behaarlich bei diesem Namen? Ich kenne Sie nicht." Dabei näherte sie sich der elektrischen Klingel. Graf Wladimir war bestürzt. Sollte ihn wirklich nur eine phänomenale Aehnlichkeit getäuscht haben? Und doch, und doch, je länger er sie betrachtete - trotz des Goldhaars, trotz des noch imposanteren Wesens.