Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 25 (26.3.1891)
- Date
- 1891-03-26
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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498 — Er faßte sich an denKovf; wer löst ihm dieses Räthsel? — Esther stand noch immer da mit marmorner Ruhe, im Begriffe zu läuten. Er sah ein, daß ein längeres Verweilen tactlos wäre. „Verzeihen Sie, mein Fräulein, es war nur die große Aehnlichkeit, die mich zu dem Glauben verleitete, in Ihnen eine liebe Freundin die ich als tobt betrauerte, wiederzufinden. Verzeihen Sie, mein Fräulein!" Und er entfernte sich. Endlich, daß er fort war! Es hatte ihrer ganzen schauspielerischen Kunst, ihrer ganzen physischen Kraft bedurft, um ihre Fassung zu bewahren. Aber sie mußte stark bleiben. Der Graf sollte nie die Wahrheit erfahren, damit das Geheimniß ihrer jüdischen Abstammung nicht verrathen werde. Hatte sie ja sogar, nm jede Spur ihrer orientalischen Abkunft zu verwischen' ihr schönes, schwarzes Haar goldblond gefärbt. Niemand sollte ahnen, daß die Wiege der schönen, hochgefeierten Sängerin Erna Palmreis in dem Ghetto eines polnischen Sädtchens gestanden habe! Sie haßte die Juden noch ebenso gründlich und unvermindert als je und vermied sorgsam jede Berührung mit ihnen. Nie kam eine Botschaft von ihr in's Vaterhaus Selbst ihre nicht unbedeutenden Ersparnisse hätte sie keinem Rothschild anvertraut, sie legte sie lieber bei einem echten, unverfälschten Arier an. III. In Wien, dem gemüthlichen, ewig lustigen Wien verursachte im Herbst des Jahres 1889 die überaschende Nachricht von dem Falliment einer hochangesehenen Firma ungeheure Sensation. Der Chef, eine „ehrenwerthe" Persönlichkeit, mit Titeln reich beladen, der seit vielen Jahren am Wiener Platze ein Bankgeschäft inne hatte, wurde wegen Malversationen verhaftet. Die Untersuchung ergab, daß derselbe ehrenwerthe Mann Namens K . . d . . r auf die unlauterste, schändlichste Weise die Leute betrog und ihnen ihr langjährig Erworbenes herauslockte. Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Wien. Die gutherzigen Wiener würden, wenn sie hätten können, den Mann gelyncht haben. Armen Menschen ihr Hab und Gut zu rauben! Empörend! Eine lange Liste enthielt die Namen der Beschädigten. Aber nicht alle waren darin verzeichnet. Es gab auch verschämte Gläubiger, die lieber auf jeden Anspruch verzichteten, als ihre Namen herumzerren zu lassen. Unter diesen letzteren befand sich auch Erna Palmreis. Aus Furcht, bei Gericht ihre Herkunft nachzuweisen zu müssen, meldete sie ihre Einlage gar nicht an. Allerdings würde sie wieder von vorne beginnen müssen; was verschlug es ihr? das Geld strömte ihr unablässig zu, ihre Triller und Passagen waren noch immer blankes Gold, obwohl sie nicht mehr die in herrlichster Jugendfrische prangende Esther war. Doch das Unheil schreitet schnell. — Eine Erkühlung, anfangs unbeachtet, artete in einen chronischen Kehlkopfkatarrh aus, infolgedessen sie ihre Stimme verlor und gezwungen war, der Bühnenlaufbahn zu entsagen. Doppelt niederschmetternd war für sie nun der Verlust ihres Capitals, dessen Zinsen ihr jetzt ihren Lebensunterhalt gewährt hätten. Und sie meinte, ihr Geld sei in christlichen Händen so gut geborgen! Nun stand sie von allen Mitteln entblößt da. Ihre Existenz war vernichtet und sie der Noth, dem Elend preisgegeben Die Aufregung warf sie aufs Krankenlager? Es blieb ihr kein anderer Ausweg als — das Spital. Ein hochgradiges typhöses Fieber bemächtigte sich des nicht mehr widerstandsfähigen Körpers Ihre Phantasien spiegelten ihr die Zeit ihrer künstlerischen Tätigkeit vor, sie wollte hinaus auf die Bühne, und hätte sie die Pflegerin nicht zurückgehalten sie wäre zum Fenster hinausgestürzt. Dann wieder wollte sie nicht Esther heißen. „Nein, nein, ich bin nicht Esther, ich will nicht Esther sein!" Endlich nach bangen Wochen gewann sie allmälig die Gesundheit wieder. Ihre Pflegerin leistete ihr während der Reconvalescenz häufig Gesellschaft. Esther empfand für das junge, schwache Mädchen, das unermüdlich, fast zärtlich für sie sorgte, dankbare Zuneigung Sie erkundigte sich nach ihren Eltern u. s.'f. Es war eine schlichte, traurige Geschichte. Ihre Ellern waren tobt, ihre Geschwister in der Welt verstreut, die älteste Schwester verschollen. Esther horchte auf und frug weiter nach ihrer Heimot Die andere nannte ein kleines polnisches Städchen Esther erschrak. Das war ja ihr Geburtsort. Eine Ahnung dämmerte in ihr auf. „Ihr Name!" rief sie athemlos. — „Mina Pollak" Esther stieß einen markerschütternden Schrei aus: „Meine Schwester!" Als hätte das Schicksal noch immer nicht alle Schleusen seines Ungemachs für sie erschöpft, als wäre der herbe, bittere Leidenskelch noch nicht geleert, so mußte es ihre eigene, verlassene Schwester sein, deren Pflege, sie in's Leben zurückrief, um dadurch feurige Kohlen auf ihr Haupt zu sammeln. Ob sie sie noch immer haßte, diese Juden? — — (Schluß folgt.) Verantw.Redact.: Oscar Lehmann in Mainz. — Exped. des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.