Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 25 (26.3.1891)
- Date
- 1891-03-26
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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406 der Glanzpunkt der Aufführung. Mit einem Worte, ihre Schönheit öffnete ihr alle Pforten, die ihr, der Jüdin, fonst verschlossen geblieben wären. So geschah es, das; als Graf Wladimir aus der Garnison in fein väterliches schloß einzog, er, von dem bildschönen Mädchen ebenfalls 'bezaubert, sich an ihren Triumphwagen spannte. Was Wunder, wenn es ihr gar nicht so außerordentlich erschien, dereinst Fräu Gräfin zu werdend Es gibt ja Beispiele genug und wahrlich, Esthers schöne Stirne verdiente es, mit einer Grafenkrone geschmückt zu werden. Mochten auch ihre Freundinnen zweifelnd den Kops schütteln imb ne vor allzu großer Vertrauensseligkeit warnen: „Esther, er nimmt Dich nicht, trotz der vielen Blumen, die er Dir schickt," was focht es sie an Es war nur Neid „O wir werden sehen!" sagte sie dann mit strahlender Miene, während ihr Auge siegesbewußt ansleuchtete. Dabei sog sie den süßen Duft der Rosen ans dem gräflichen Garten ein Und nun diese Niederlage! So hatten diese Unglücksraben doch Recht behalten! Finstere Gedanken durchschwirrten ihr Hirn. Hinaus wollte sie, hinaus ans dieser dumpfen, kleinlichen Atmosphäre! - Da klopfte es, und ein Diener des Grasen trat ein mit einem riesigen Bouquet. Sie hatte. sich gleich Anfangs Geschenke jeder Art auf's Entschiedenste verbeten Der Gras wagte es nicht, sich gegen Esthers in ihrer schonen, ursprünglichen Weise geäußerten Willen anfzulehnen, war aber dafür desto verschwenderischer mit Blumen — Beim Anblick dieses täglichen Blumengrußes blieb sie starr Er that als ob nichts vorgefallen wäre! Jede Faser vibrirte in ihr! In Heller Wnth entriß sie dem Diener den kunstvoll gebundenen Strauß, schleuderte ihn ans den Boden nnd zertrat ihn Doch nicht genug damit, sie ergriff das zertrümmerte Bongnet und nutrf es zum Fenster hinaus in die brausende Flnth des vorübertließenden Baches, der gerade jetzt durch Gebirgswasser hoch angeschwollen war. Der Lakai stand verdicht da. Sie wies ihm stumnt mit einer hoheitsvollen Geberde die Thüre. Als sie allein umv, brach der langverhaltene Schmerz in Thronen ans „Er häuft Schmach auf Scknuach" schluchzte sie, „und das alles, weil ich eine Jüdin bin! weil ich das Unglück habe, dieser niedrigen, beschimpften Rasse anzugehören. C, wie ich sie hasse! Nein, nicht länger null ich in Gemeinschaft mit ihnen stehen! Fort mit diesen Fesseln, fort ans dieser Knechtschaft!" Mit einer heftigen Bewegung raffte sie sich auf. In athemloser Hast öffnete sie Kästen ilnv Schubläden, mit nervöser Hand da und dort etwas hervorholend. Da lag auch ein sorgfältig zusammengeknüpftes Päckchen, das Erbtheil ihrer verstorbenen Mutter, ihr werthvollster Besitz. Zögernd griff sie darnach. Gemahnte es sie vielleicht an die Pflichten, die sie schnöde verlassen wollte, ihre Pflichten als Aelteste sowohl gegen ihren Vater als auch gegen ihre kleinen verwaisten Geschwister. Doch nur einen Moment war sie unschlüssig. Dann hüllte sie sich in ein Tuch und huschte wie ein Schatten in die Dunkelheit hinaus. "Nächsten Tag war das ganze Städtchen in Aufregung. Esther Pollak war verschwunden. Der Graf lelbsi leitete alle "Nachforschungen. — Ein kleiner Knabe fand an einem Strauch am User einen Fetzen von Esthers Umhängetnch Man gab der Vermnthnng Rauin. Esther sei ertrunken und durchschaute das Wasser nach allen Richtungen. Vergebens! Esther war und blieb verschwunden. Ihr alter Vater war von Kunitner und Graui niedergebeugt. Ihre kleinen Geschwister nieinten. Allgemein trauerte man um das schöne Mädchen. Graf Wladimir verließ sehr betrübt kurz danach den Ort. H. Ein ungewöhnliches Leben herrschte auf den öffentlichen Plätzen und in den Kaffeehäusern der Landeshauptstadt L. Heute ging ein neuer Stern, am Theaterhimmel auf. Es -var das Debüt einer jungen Sängerin, die eine zweite Patti, Lncca und wer weiß was, zu werden versprach. Dabei sollte sie ein Wunder an Schönheit und Anniuth sein. Das Theater wor gedrängt voll. Ein blühender Kranz liebreizender Damen füllte die Logen, von einem Heer von Cavalieren nmfchwärmt. Es war ein Gewoge von Spitzen nnd Federn, ein Funkeln nnd Schimmern von Juwelen und Geschmeide. Das Theater trug das bunte, glänzende Gepräge eines aniinirten Abends. Gleich beim Eintritt empfing die Sängerin rauschender Beifallssturm. Eine schönere Elsa hatte es wohl nie gegeben! Erna Palmreis errang einen vollständigen Erfolg, sie konnte mit ihrem Debüt zufrieden sein. In der Loge des Grafen Wladimir C. war es die junge Gräfin, welche enthusiastisch Beifall klatschte. Aber mit dem Grafen ging etwas Merkwürdiges vor. Er lehnte an der j Brüstung bleich, die Künstlerin mit den Attgen l verschlingend, nnd als ob seinen Blicken magnetische Kraft innewohne so traf ihn jetzt auch der Blick der Sängerin, ein trinmphirender, siegender Blick. „Ich sie ist's, sie ist es," mur-! Hielte er, „doch ich muß mir Gewißheit verschaffen." Wie gebannt hing sein Auge an der entzückenden Erscheinung.