Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1891)
- Date
- 1891-03-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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458 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutsch! and. Leipzig, 8. März. Der hiesige „Tages- Anzeiger" druckt die jüngst im „Israelit" bekannt gegebene Aufforderung wegen Verfolgung von Veleumdungen in der antisemitischen Presse ganz gedehnt und groß nach und macht dazu folgende Bemerkung. „Wir sind den Herren für ihre Offenheit wirklich dankbar. Wir wußten ja längst, daß eine gewisse Gesellschaft die Anstiftung von antisemitischen Prozessen als „Sport" betreibt. Es ließ sich aber, wie so manches andere schwer beweisen. Wir haben Herrn Karl Wiesenthal bisher für einen eigenthümlichen Herrn, aber doch für einen Menschen gehalten, der aus Ueberzengung, wenn auch nicht immer mit den edelsten Waffen, gegen uns kämpfte. Daß er aber dem Angeberthum Geschmack abgewinnen würde, das hätten wir nicht für möglich gehalten. Wir nageln diese neueste „jüdische Gründung" fest und übergeben sie hiermit der Prüfung aller anständigen Menschen, gleichviel, welcher politischen Richtung sie angehören mögen." Man sieht, die Herren in der Brüderstraße wissen alles zu finden, was für sie einigermaßen Interesse hat. Nur irren sich die Herren Fritsch und Lucko darin, wenn sie meinen, eine „gewisse Gesellschaft" treibe es als „Sport" antisemitische Prozesse anzuknüpfen. Wer die praktischen Erfolge der Arbeit des Herrn Fritsch kennt, wird nicht behaupten, daß man mit dieser Abwehr „Sport" betreibe, sondern gern eingestehen, daß es sich hierum Wahrun g berechtigterIn terssen Hände l t! Die antisemitische Bewegung ist von denkenden fühlenden Israeliten niemals unterschätzt worden — und jetzt sind auch anderen Leuten, die nichts von der ganzen Sache hielten, die Augen aufgegangen — und sie sehen mit Erschrecken die Folgen der antisemitischen Wirksamkeit des Herrn Fritsch! Alles, was am Antisemitismus „wahres" ist, wollen wir gern eingestehen. Wir wissen, daß der Antisemitismus keine vorübergehende Aufwallung ist, sondern daß er durch viele Thatsachen groß wurde; aber wir wissen auch heute, daß der Antisemitismus für die kleineren Leute unseres Glaubens ein großes und herbes Unglück ist! Die Flugblätter, die Fritsch zu Millionen verbreitet, haben besonders in Sachsen die antisemitische Stimmung gestählt — und Referent kann Leute bezeichnen, die durch die Hetzereien notorisch zu Grunde gegangen sind. In ganz Deutschland hat man in allen jüdischen Gemeinden die Flugblätter des Herrn Fritsch mit tiefem Verdruß verbreiten sehen. Referent, dessen Familie nahezu ein halbes Jahrhundert in Leipzig lebt, kann aus Erfahrung behaupten, daß nie so viel Verdruß, Uneinigkeit und Gehässigkeit unter den Leipziger Bürgern aller Eonfessionen war, als seit den letzten fünf Jahren, wo Herr Techniker Fritsch die antisemitische Bewegung anfachte. Wir müssen also entschieden mit Herrn Fritsch rechnen; er ist ein so gewaltiger Gegner, daß nur der starke Arnr der Gerechtigkeit seiner Judenfeindschaft Damm halten kann. Aus allen Theilen Deutschlands hat man sich beim Referenten über Herrn Fritsch beklagt, erkundigt — und zu informiren gesucht. Erst die letzten Prozesse haben viele Israeliten ermnthigt, nunmehr in allen Fällen gleichfalls klagbar zu werden. Herr Fritsch kann sich wirklich nicht über die Zahl feiner „energischen Feinde" beklagen. Obwohl Referent seit Jahren inimer und immer darauf hingewiesen, daß man in Fritsch keine „Kleinigkeit" erblicken könne, so rümpften doch die besseren Israeliten in Leipzig die Nase — und machten ihre Geschäfte! zu meiner Partei, die es sich zur Ehre gemacht, mit natürlichen Mitteln gegen diese kränkenden und tief beleidigenden Anfeindungen Stellung zu nehmen, standen nur wenige geringe Männer, denen aber die Schamröthe in's Gesicht trat, als sie die Theilnahmlosigkeit in Leipziger israelitischen Kreisen der Agitation des Herrn Fritsch gegenüber gewahrten. Den Großkaufleuten hat diese Bewegung noch nichts geschadet, sie schaareu sich uni so enger zusammen. Mit aller Gewalt aber warf sich die antisemitische Hetze in die Reihen Derjenigen, die um das tägliche Brod kämpfen. Wenn Herr Fritsch und seine Hintermänner dies nicht cinsehen, so ist es mit ihrer Sache schlimm. — Zum Angeberthum bekenne ich mich nicht! Werde ich nicht befragt, so werde ich nicht antworten! Die Herren, welche Prozesse anregen wollen, sind .Kaufleute — und vertreten berechtigte Interessen! Ich will und muß ihnen dabei behilflich sein! Wird Herr Fritsch seine KampfeSweisc ändern, so wird er sich und anderen Leuten manches Unangenehme ersparen. Sollte aber der von Herrn Fritsch eingeschlagene Weg nicht verlassen werden, so sieht Referent sehr schwarz! K. W. Würzburg. Vorüber ist der 12. März, dahin der höhere Festtag des bayerischen Volkes; doch zu tief waren dessen Eindrücke, als daß mit seinem Entschwinden auch das Gedächtniß daran dahin wäre, nein unvergeßlich wird er den Zeitgenossen, unverwischlich in der Geschichte Bayerns bleiben. Wurde sich doch jeder einzelne Bayer von hoch bis nieder, von groß bis klein, von arm bis reich bewußt, welchen Glückes wir teilhaftig, einen so hochedlen Fürsten in Sr. Kgl. Hoheit des allgeliebten Prinz-Regenten Luitpold zu besitzen und welch' himmlischer Gnade wir es verdanken, daß dieser wahrhaft liebevolle Landesvater seinen 70, Geburtstag in solcher Rüstigkeit feiern kann. Wahrlich ein Gefühl der Liebe, der höchsten Verehrung gegen