Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1891)
- Date
- 1891-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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45? kein Gewissen daraus gemacht haben, Judenkinder ihren Eltern zu entreißen, allerdings nicht, um sie zu schlachten, aber um sie zum Tausbecken zu führen, was dem Herzen der Eltern noch schrecklicher gewesen ist. Und das geschah nicht im Geheimen, nein, öffentlich, unter der Sanktion des Gesetzes, auf Befehl der Obrigkeit, und zwar in manchen Ländern, wie namentlich in Spanien und Portugal, an Tausenden und Zehntausenden von jüdischen Kindern. Und wenn man nach Belegen für diese Thatsache aus nicht so alten Zeiten in einem Nachbarlande suchen will, so widersteht es uns, sagt Leroy- Beaulieu, davon zu reden. Es ist für einen Katholiken das Beste, daran zu vergessen. Die aufgeklärten, gebildeten Classen hegen heute allerdings dieses Vorurtheil nicht mehr. Selbst in dem östlichen Europa, in Ungarn, Rumänien und Rußland, glauben diese nicht mehr, daß die Juden Christenkinder stehlen, um sie dem Schächtmesser zu überliefern, und daß die Synagoge Christenblut für die Feier des Passafestes gebraucht. Da erhebt man eine ganz andere weniger kindische und kroteske Anklage gegen die Juden: Der Jude soll der geborene Feind der sogenannten „christlichen Civilisation" sein, eine Anklage, welche gerade wegen ihres unbestimmten Inhalts vielleicht die stärkste ist, die gegen Israel erhoben worden ist. Wenn es auch nicht wahr ist, sagt man, daß der Talmudjude sich am Christenblut letzt, so üben die Juden doch — und speziell die aufgeklärten — ein weit Schlimmeres: sie haben sich das Ziel gesetzt, den christlichen Glauben, die christliche Moral, die christliche Civilisation zu vernichten, sie wollen Europa „entchristlichen". Und darum handelt es sich — um mit Hosprediger Stöcker zu reden — nicht um einen Angriff auf die Juden, sondern um eine Vertheidigung gegen sie. So führt der Antisemitismus eine Art „Kulturkampf" gegen die offenen und geheimen Feinde der christlichen Kultur. Es sei nicht das Spiel des Zufalls, meint der Verfasser, daß der Antisemitismus seine Wiege in dem Deutschland des Fürsten Bismark hat und in dem Augenblick zur Welt gekommen ist, wo der Kampf zwischen dem neuerstandenen Reiche und der katholischen Kirche zum Ausbruch -gelangte. Der wahre Kulturkampf, schrieb die „Germania", das Organ der Ultramontanen, ist der gegen die Herrschaft des jüdischen Geistes und des jüdischen Geldes geführte. Und die „Kreuzzeitung" übertraf an Wuth noch die „Germania", und der „Ruß" des Moskowitm Aksakof und die rumänische „Civilta cattolica“ stimmten mit ein. Alle — Slaven, Romanen, Germanen und Magyaren — waren darin einig, daß der Jude der Parasit, der Träger des Giftes sei, das den Adern des Staats und der Gesellschaft eingeimpft werden soll. Leroy-Beaulteu weist diese Anklage in glänzendster Weise zurück. Waren Voltaire und Diderot Juden, oder nichts anders als die Vorläufer der Juden? ^„Israel war noch hinter den Gittern des Ghetto eingepfercht, als bereits die Grundmauern der alten christlichen Gesellschaft von Händen unterminirt worden sind, die niemals bei den Rabbinen in der Lehre gewesen!" Wie? Das Volk, welches während fünfundzwanzig bis dreißig Jahrhunderten sein ganzes Dasein auf nichts Anderes, als auf die Bibel und das Wort des lebendigen Gottes gestellt hat, soll mit einem Male der Urheber des Skeptizismus und der Lehre der Bibel- und Gottesleugner gegeworden sein? Rein, so scharf auch^ derH jüdische Geist sein mag, er hat nicht die kirchliche und politische Umwälzung erzeugt. Der Jude kann sich mit Recht rühmen, das Haupt niemals ^vor den Göttern der Nationen gebeugt zu haben, sein Dasein allem war während zwanzig Jahrhundertealt Protest: aber dieser Protest ist erstickt worden in den Flammen der Scheiterhaufen, welchem seine Lehre und Schriften überantwortet worden sind. Aber der Jude hat unsere Revolutionen nicht gemacht, denn sein Protest stützte sich auf seine Ueberlieserung; und nicht in deren Namen hat sich die Revolution vollzogen, welche der Welt eine Neugestaltung gegeben. Wahrlich, der Jude ist nicht der Schöpfer der Verneinung, des Geistes der Revolte und des Skeptizismus. Möglich,^daß auch^ der Jude damit getränkt ist; dann aber hat er ihn von uns, den Ariern, empfangen. Die Brandfackel, welche in die christliche Welt geschleudert sein soll, ist nicht von dem Juden entzündet worden, er hat sie aus christllichen Händen empfangen. Wohl sind Steine aus Palästina zum Aufbau der neuen Gesellschaftsform der Gegenwart entnommen. Die Idee der sozialen Gerechtigkeit ist israelitisch; die Herrschaft des Rechts auf Erden ist das Ideal Judas. Aber dieses entstammt'Alles der Bibel, nicht den Juden. Dort, wo man sich am meisten über die „Verjudung" der Gesellschaft beklagt, sind die Juden am wenigsten wirkliche Juden geblieben. Wenn man den Juden zum Vorwurf macht, daß sie eifrige Anhänger des modernen Geistes der Verneinung und der Zersetzung seien, so haben diese Juden sich von dem Judenthum losgesagt, von dem Glauben und den Ueberlieferunzen Israels. Der moderne Jude, den man uns als Zerstörer unserer christlichen Civilisation schildert, ist recht eigentlich ein Geschöpf derselben. Er ist der Träger des Contagiums, von welchem er selbst erst infizirt worden ist. Der materialistische, nihilistische Jude ist durch den Eontact mit den Ariern also geworden.