Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1891)
- Date
- 1891-03-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448147--31824-2479643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
456 die deutschen Universitäten absolvirt, Darwin studirt und unter Bismarck gedient. Er kennt sich auch in den Theorien Malthus, und anderer Volkswirthschaftslehrer aus; er weiß auch die Gesetze der geschichtlichen Pragmatik für sich anzurufen, ebenso auch, wenn nöthig, die Schriftsteller des Tages; er verschmäht es auch nicht die Miene pedantischer Gelehrsamkeit anzunehmen. Der Judenhaß ist ihm wirklich ernst; die modernen Ideen habe ihm neue Nahrung verliehen. Das neunzehnte Jahrhundert ist eine Epoche des Kampfes auf religiösem, nationalen und wirthschaftlichen Gebiete, ebenso gibt sich der Antisemitismus in dieser dreifachen Gestaltung von der religiösen, nationalen und wirthschaftlichen Seite. Er wird deßhalb in dieser Abhandlung unter diesem dreifachen Gesichtspunkte betrachtet. Was nun den aus religiösen Motiven abgeleiteten Judenhaß aubetrifft, so wird der religiöse Fanatismus allerdings nicht zeitgemäß erachtet. Dennoch wirkt der aus der Vergangenheit übernommene Religionshaß gegen die Juden instinctiv nach, wenn auch die ursprünglich bewegende Kraft aufgehört hat. Möglich indessen, daß es auch heute noch Christen gibt, die allen Ernstes sich verpflichtet halten, an den Juden die alte „Kreuzigung" zu ahnden. Haben denn die damaligen Juden nicht gerufen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder"? Diese vergessen aber, daß aus derselben Quelle auch der Ausspruch überliefert ist: „Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" So kann sich denn in Wirklichkeit der Antisemitismus nicht auf das Evangelium stützen und der Haß gegen die Juden entstammt keineswegs einer christlichen Gesinnung, sondern vielmehr höchst unchristlichen Leidenschaften. In der That ist auch das Kreuz von Golgatha nicht die einzige Anklage des Christen gegen den Juden. Die Feinde der Juden finden in dem Evangelium zu wenig Nahrung für ihren Haß. Es muß deßhalb das Judenthum selbst dafür herhalten, der Talmud, die jüdischen Religionsgesetze und Gebräuche und die Sittenlehre des Judenthums. Das alte Judenthum ist weder todt, noch neigt es zum Sterben, trotz seiner dreißig oder vierzig Jahrhunderte. Trotz des ihm von vielen Juden nicht mehr so unbedingt entgegengebrachtcn Gehorsams, werden seine Riten und Vorschriften vielleicht getreulicher beobachtet, als diejenigen irgend einer der christlichen Kirchen. Es läßt sich wohl behaupten, daß der Jude der religiöseste Mensch ist. Wir müssen es uns versagen, hier auf den Vergleich des Verfassers zwischen Christenthum und Judenthum näher einzugehen und dessen theilweise unrichtige Kennzeichnung des Talmuds zu berichtigen. Wir beschränken uns auf Weniges. Leroy-Beaulieu weist darauf hin, daß die Lehre von der sich auf alle Menschen erstreckenden Nächstenliebe sowohl in den Gesetzen der Thora, wie in dem Schöpfungsberichte und der Messiashoffnung des Judenthums enthalten sei, und daß auch der Talmud das Gleiche lehre. Einzelne Aussprüche in dem Talmud, die dieser Grundwahrheit zu widersprechen scheinen, zählten eben nicht zur Halacha, sondern zur Hagada, welche keine bindende Gesetzeskraft habe. Sie beziehen sich auch nur auf die alten Heiden, auf die Perser und Römer, die die Juden knechteten und marterten. Im Uebrigen aber wirft er die Frage auf, ob denn die Christen, für deren Moralgesetz doch kein Unterschied zwischen Christen und Ungläubige zngestanden werde, behaupten könnten, daß sie die Juden immer als ihren „Nächsten" behandelt hätten? Hat man denn dem Juden jene christliche Liebe erwiesen, welche, nach der Lehre eines Heiligen, auch in den Thieren des Waldes und den Vögeln der Lüfte den „Bruder" erblicken soll? Und er weist auf die Mißhandlungen hin, denen in allen Ländern die Juden, selbst auch heute noch, ausgesetzt sind. „Bevor wir berechtigt sind, von dem Juden zu verlangen, daß er uns als Brüder behandeln solle, müßten wir ihm doch erst ein Weniges von jener christlichen Liebe zeigen, welche den Inhalt des Gesetzes und der Propheten ausmacht!" Er zeigt sodann die Lächerlichkeit und Haltlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Anklagen der Hostienschändung und Blutbeschuldigungen, die in keinem anderen Grunde wurzeln, als in dem Aberglauben der Christen des Mittelalters und des unwissenden zeitgenössischen Pöbels in wenig kultivirten Ländern. „Wer anders, als die Juden hätten dieses Mädchen morden sollen?" lautete die naive Frage eines stupiden Zeugen in dem Mordprozeß von Kutais im Jahre 1880; und dieser Ausruf der Verwunderung spiegelt die Anschauung des großen Haufens am Fuße des Kaukasus sowohl, wie in den ungarischen Putzten wieder. Dagegen hilft nichts, nicht die wissenschaftlichen Gutachten der Aerzte, nicht die Ausführungen der Rechtsgelehrten, selbst nicht die freisprechenden Erkenntnisse der Gerichte, die aus Christen und Muhamedanern bestehen. Der hartnäckige antisemitische Fanatismus läßt sie nicht gelten und zeiht die christlichen Richter der Käuflichkeit durch jüdisches Gold. Selbst die Zeugnisse der Päpste hat sich ohnmächtig gegen diesen eingefleischten Haß erwiesen. Wenn es niemals im Laufe der Jahrhunderte erwiesen werden konnte, daß der jüdischen Glaubenswut!) Christenkinder zum Opfer gefallen sind, meint der Verfasser, so steht es dagegen leider außer jedem Zweifel, daß die Christen beider Kirchen sich