Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-03-23 · Heft 24 (23.3.1891) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 24 (23.3.1891)
Date
1891-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448147--31823-2479642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXII. Jahrgang, Israelit...... Jeschmun Zrltsihrlst zur FSrüemg |üd. Geistes unö |tö. §ede«s in Ans. GemMde »ist Ztzsle. Gentrat - Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 23. März 5651 (1S91). Da mit dem 1. April 1891 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleidet. Leitender Artikel. Keroy-Senulieu über AliiisenliliMils. Von Isaak Hirsch. Es ist ein freundliches Zeichen der Zeit, daß die Reaction gegen die wüste Agitation, welche der Fanatismus blind wüthender Leidenschaften unter der Fahne des Antisemismus gegen die Cultur des neunzehnten Jahrhunderts ins Werk gesetzt hat, früher einzutreten scheint, als nach der von ihr angestifteten Verheerung zu hoffen war. Die imposante Kundgebung der Londoner Bürgerschaft, an welcher hervorragende Männer des Britanischen Reichs theilnahmen, der mächtige Wiederhall, den dieser gegen moskowitische Barbarei zu Gunsten der mißhandelten Juden Rußlands eingelegte Protest jenseits des Atlantischen Meeres in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gefunden, die Kriegserklärung gegen die antisemitischen Bestrebungen von Hunderten zur Elite der deutschen Nation zählenden Männern, — diese und manche andere Manifestationen als: der Erlaß der obersten Kirchenbehörde im Großherzogthum Hessen, die Erklärung der Volksvertretung und Staatsregierung in eben diesem Lande, die Verfügung der höchsten Justizstelle in Steiermark u. s. w. bezeugen in unzweideutiger Weise, daß das Bewußtsein des Rechts und der Liebe doch zu feste Wurzel in dem Herzen der Menschheit geschlagen hat, als daß es der Gewalt und dem Hasse gelingen könnte, für die Dauer die Oberhand zu gewinen. Es mehren sich die Stimmen, welche für die Wahrheit eintreten, der Lüge die Larve abreißen, die mißleitete öffentliche Meinung in die Bahnen der rechten Erkenntniß zu lenken suchen, das Gewissen des Volks aufrütteln und im Namen des reinen Menschthums dem schändlichen Treiben des Antisemitismus Einhalt gebieten. Der Menschenfreund begrüßt alle diese Kundgebungen in herzlicher Freude als die Voten „jener von Gott verheißenen Zukunft auf Erden, in welcher der Wahn und das Unrecht aus dem Schooße der Menschheit geschwunden und mit der wiedergewonnenen Huldigung des einen einzigen Gottes die Herrschaft des Rechtes und der Liebe, und damit das Heil auf Erden eingekehrt sein wird." *) Unter diesem Gesichtspunkte verdient auch die in der „R-evue äes äeux mondes“ veröffentlichte Abhandlung des hervorragenden französischen Gelehrten Anatole Leroy-Beau l ieu's**) eine ganz besondere Würdigung. Leroy-Beaulieu meint, daß die ganze sogenannte „Judenfrage" in der einfachen Thatsache der winzigen Minderzahl der Juden ihre Erklärung finden möchte. Sieben oder acht Millionen unter vier oder fünfhundert Millionen Christen und Muhamedunern zerstreut, ist der lauteste Protest in unserm demokratischen Zeitalter, wo die Zahl allein den Ausschlag gibt; „der Jude zeigt, daß die Zahl nicht immer Alles ist," — das sei eine Lehre, verhängnißvoll und gefahrdrohend für den, der sie ertheilt. Die Juden seien viel zu wenig für den Platz, den sie einnehmen, ruft der große Haufe; und es scheint dem Verfasser ziemlich gewiß, daß es zu keiner Zeit so viel Juden gegeben habe, wie in der Gegenwart. Mit der wachsenden Zahl und Bedeutung der Juden aber habe das Vorurtheil und der Neid gegen sie gleicherweise zugenommen. Der Antisemitismus sei keineswegs eine rückbildende Erscheinung; wenn auch von einer vergangenen Zeit mit übernommen, so trage er doch ganz und gar ein modernes Gewand. Er versteht sich durchaus auf die Sprache der Gegenwart, er hat *) Hirsch's Einleitung zu den Psalmen S. IV. **) Les juits et l’antisemitisme.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.