Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1891)
- Date
- 1891-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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432 ler der Geschichte wird damit die hochbedeutsame Thalsache gelehrt: Also auch „Cham" ward der Erhaltung für die neue Zukunft würdig erachtet, auch er und seine Nachkommen müssen also für die Erreichung der Ziele der Menschheit ihre Bedeutung haben. Mit dieser Erwägung aber wird sofort unser Urtheil vor jener Einseitigkeit in der Schätzung bewahrt, die nur den geistig gehobenen Völkern das Menschthum mit allen daran geknüpften Berechtigungen zuerkennen möchte, und wir werden vielmehr gemahnt, auch in den für unsere Anschauung tiefstehenden Nacen den, wenngleich vielleicht noch schlummernden, doch unverlierbar vorhandenen göttlichen Funken zu ahnen und zu achten. Ist diese Mahnung bereits durch die Civilisation der civilisirtesten Völker der Gegenwart gegenstandslos geworden? Findet der traurige Erfahrungssatz, daß zu den blutigsten Blättern der Geschichte diejenigen gehören, die von der Berührung der Culturvölker mit den Naturvölkern erzählen, nur noch in der Vergangenheit seine Berechtigung? Stehen die Greuel, die in den letzten Monaten aus dem Westen und in den letzten Wochen aus dem Osten des „dunklen Erdtheils" berichtet werden, hinter den Thatcn der Conquiftadoren zurück? Gottlob, ein großer, ein gewaltiger Fortschritt ist ja zu verzeichnen, und wir sind wahrlich die Letzten, ihn zu verkennen. Der Schrei des Entsetzens, den diese Kunde in der ganzen civilisirten Welt und nicht zum mindesten bei den Völkern weckte, deren Angehörige jene Schaudthaten begangen hatten, zeugt von dem mächtigen Fortschritte, den die dem Alten Testamente entstammende Humanitätsidee im letzten Jahrhundert gemacht hat. Allein, liegt nicht dem ganzen Vorgehen gegenüber den „Eingeborenen", mehr oder minder ausgesprochen, der Gedanke zu Grunde, daß sie nicht eigentlich die vollberechtigten Besitzer der von ihnen gleichwohl seit unvordenklichen Zeiten besessenen Länder seien? Verurtheilt mau nicht hochmüthig und gedankenlos die Bedürfnißlosigkeit der Naturvölker und bemüht sich, künstlich in ihnen Bedürfnisse zu erzeugen, zum Vortheile der höherstehenden, allerdings nicht bedürfnißlosen Culturvölker, während man doch die Genußsucht des arbeitnehmenden Theiles dieser Culturvölker nicht scharf genug geißeln kann? Liegt aber diesem ganzen Vorgehen, das selbst vor skrupellos genährter Trunksucht nicht zurückschreckt, nicht eben eine Anschauung zu Grunde, die eine Erinnerung an die von uns berührte alttestamentarische Wahrheit denn doch in hohem Grade als zeitgemäß erscheinen läßt? (Fortsetzung folgt.) Zur Warakteristik des Königs Achaschwerosch. Von Di-. I. Lehman n. III. Infolge der Ueberliefcrnng altjüdischer Aufzeichnungen wird es möglich, einen Blick in das Familienleben erster Ehe des Achaschwerosch zu Weesen. Hier wird die Wascht! als die Tochter des Königs bezeichnet, den Achaschwerosch gestürzt oder verdrängt hatte. Er wollte nun feiner Vergewaltigung den Schein der Legitimität, des Rechts geben, ähnlich wie Richard III. durch die Heirath mit der Kronprinzessin-Wittwe Anna. Dem Mörder ihres Gatten oder Vaters, der ihr Haus gestürzt, sie mit Leid und Elend überhäuft, dem soll Waschti als Gattin folgen, den soll sie lieben? Unmöglich! Und dabei ist sie stolz, die Waschti, sie haßt den König nicht allein, sie verachtet den illigitimen, nicht auf dem Throne geborenen Ursurpator. Vielleicht erwartet sie mit Sehnsucht eine Gelegenheit, das verhaßte Joch zu brechen. Eine unbequeme, unangenehme Gemahlin, von der Achaschwerosch sich zu befreien trachten mußte]), wenn er den Vollbesitz seines Thrones in Ruhe genießen wollte. Auch war von Achaschwerosch die Heirath aus politischen Rücksichten, nicht aus Liebe, geschlossen worden. Mit Richard III. konnte er sprechen: Ich heirathe die Prinzessin aus „Liebe nicht sowohl, als anderer tief versteckter Zwecke halber, die diese Heirath mir erreichen muß." (Richard III., I, 1.) „Ich will sie nehmen, doch nicht lang behalten." (Richard III.. I, 2.) Sobald ich meine „tief versteckten Zwecke" durch die Heirath erreicht haben werde, ist sie ein verbrauchtes Mittel, dessen ich mich baldmöglichst entledigen muß. Wahrscheinlich gab es auch eine Parthei im Lande, die es dem Usurpator übel nahm, daß er aus dem früheren, vielleicht verhaßten Königsgeschlechte eine Gemahlin gewählt. Die Beseitigung der Waschti war beschlossen, jeder Tag, den sie länger lebte, konnte gefährlich werden. Richard III. tödtet die Anna durch Gift, Achaschwerosch ist nicht so plump; er braucht keinen Mord gegen das Gesetz auszuführen, denn er versteht es, durch das Gesetz seine „tiefversteckten Zwecke" zu erreichen. Siehe Malbim.