Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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413 Pastor Seidel sogar ohne Versöhnung leben die Juden schon Jahrtausende hin, während ihre Gegner dieses alles besitzen. Jahrhunderte, Jahrtausende haben Judenfeinde aller Länder und Zungen die Juden geknechtet, verbannt, verjagt, gemartert und getödtet, und doch waren die Juden nach Leroy- Boilieu noch niemals so zahlreich als sie heute sind! Die Antisemiten suchen sie deßhalb todtzulügen und durch Verleumdungen unmöglich zu machen. Wenn sie von der Lehrmeisterin der Geschichte sich wirklich belehren lassen wollen, so müßten sie das Wahnwitzige dieses Unterfangens wohl selbst einsehen. Wenn Herr Pastor Seidel dieses traurige Metier der Verhetzung nicht etwa auch unter die christlichen Ideale rechnet, so theilen wir seinen Wunsch, für die Hut der hohen idealen Güter der christlichen Kultur aus ganzer Seele. Wir Juden haben an dieser Hut ein ganz besonderes Interesse. Es ist unser geistiges Eigenthum, das da vor Verlust gehütet wird, auf das wir wohlverbriefte Prioritätsrechte haben. Unsere Hochachtung vor den christlichen Idealen wird nicht dadurch geschmälert, sie wird gesteigert durch den Umstand, daß sie auf unserem Boden gewachsen sind, daß man jede Prämie auf die Namhaftmachung auch nur eines einzigen dieser Ideale setzen könnte, das nicht in unseren heiligen Urkunden schon enthalten ist. Aber Steine und Schmutz in den Brunnen zu werfen, aus dem man getrunken hat, ist kein idealer, ist ein ganz häßlicher Zug, auch wenn man den Wurf auf diejenigen zu richten vorgiebt, die das Judenthum der Väter verlassen haben. Die Fadenscheinigkeit dieses Vorwandes wurde bereits in Nr. 6 dieser Blätter dargelegt. Aber daß das Reformjudenthum und seine Anhänger diesem wüsten Treiben durch ihr bloßes Vorhandensein einen solchen Vorwand bieten, ist und bleibt eine betrübende Thatsache. Wer daher in Wahrheit dem religiösen und confessionellen Frieden dienen will, muß dem Reformjudenthum den Krieg erklären. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 15. März. Eine Anzahl hervorragender Mitglieder hiesiger Gemeinde fand sich heute im Club zur Geselligkeit zusammen, um unter dem Namen „Israelitischer Hilfsverein" eine Gründung in's Leben zu rufen, welche hauptsächlich dem Zwecke dienen soll, durch Alter, Krankheit und sonstige Gebrechen nothleidende Glaubensgenossen, die seit längerer Zeit am hiesigen Platze wohnen, ausreichende Unterstützung angedeihen zu lassen. Wünschen wir dem jungen Verein den besten Erfolg. Darmftadt. Wie wir hören wird der Cour, des R. Josef ibn Namias zum Buche Esther, nach der Münchener Handschrift 264/4 durch Herrn cand. phil. M. L. Bamberger in Darmstadt, Sohn des Herrn Distrikts-Rabbiner S. Bamberger, Aschaffenburg — demnächst veröffentlicht werden. Die Arbeit dürfte für alle gebildeten Kreise Jntereffe haben, da der Verfasser ein Schüler des twn war. Berlin, 15. März. Soeben gelangte durch den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" Flugblatt Nr. 3 zur Ausgabe. Dasselbe widerlegten klarer sachlicher Weise die stets wiederholte Lüge der Judenfeinde, daß der Antheil unserer Glaubensgenossen an Verbrechen größer sei, als der ihrer christlichen Mitbürger. Wir hoffen, daß auch dieses Flugblatt, das in Berlin W., Leipzigerstraße 134 durch das Bureau des Vereins zu beziehen ist, eifrig gekauft und verbreitet wird. Berlin. Die Eheleute Herz und Amalie I o st feierten am Sonntag, den 8. März ihre goldne Hochzeit. Der Familientafel ging eine Feier in der Synagoge „Bne-Britli“ voran, bei welcher der Rabbiner Dr. Croner die Ansprache hielt und ein Glückwunschschreiben aus der Kabinetskanzlei Sr. Maj. des Kaisers, das unmittelbar vor dem Synagogengang durch einen königlichen Courier überbracht wurde, verlas. Das ehrwürdige Jubelpaar, das von sieben Kindern und zwölf Enkelkindern, einem großen Verwandtenkreise und einer zahlreichen Freundesschaar umgeben war, erfreut sich noch einer vorzüglichen Rüstigkeit, von welcher der Jubilar, der das Minchahgebet vortrug ein, beredtes Zeugniß ablegte. Berlin. — Der seit 55 Jahren bestehende Verein zur Fürsorge für jüdische Proselyten beging gestern Abend in der Bethlehemskirche sein Jahresfest. Den Bericht erstattete Pastor Bieltng. Die Einnahmen des Vereines sind von 2119 in 1889, auf 1735 in 1890 zurückgegangen. 150 Mark überwieß der Kaiser als Beitrag; 600 Mk. wurden vom Verein zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden gezahlt. Verausgabt wurden 1672 Mk. Zu Weihachten wurden 30 Proselytenfamilien beschenkt. Große Schwierigkeit bereite es, geeignete Beschäftigung für die übergetretenen Juden zu finden. Leipzig, 10. März. Dr. Böckel ärgert sich neuerdings über die Deutsch-Sozialen. Sein „Reichsherold" kann diese Bruderpartei gar nicht anerkennen. Dasselbe Blatt schreibt in seiner Nr. 382 vom 13. Februar 1891: „Bitte an die Partei-Genossen! Unterstützt nur die drei