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Der Israelit · 1891-03-16 · Heft 22 (16.3.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 22 (16.3.1891)
Date
1891-03-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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412 höheren Werth, und unseren Reformjuden, die es dem Christenthum gerne nachthun möchten, sind gerade ihre Tempel ihr Alpha und Omega. Ihr Besuch ist meistens das einzige positive Moment, wodurch der Reformjude, d. h. der Jude, welcher der Religion der Väter verächtlich den Rücken kehrt, noch den Schein der Zugehörigkeit zu einer Religion bekundet. Ihre Tempel statten sie gerade mit einem Prunk und Luxus aus, der eben darthun soll, daß in ihnen ihre ganze Religion ausgeht. Ohne Tempel sind also die Reformjuden nichts, ohne Tempel kann man sie sich kaum denken. Ohne Hohepriester sind auch diejenigen Juden, welche die Religion ihrer Väter nicht verlassen haben, und die Thatsache, daß dieser Mangel ihrer Religion keinen Eintrag thut, beweist, daß auch hier Herr Pastor Seidel sich unter Hohepriesterthum etwas anderes denkt, als in jüdischen Kreisen darunter verstanden wird. Als Gott am Sinai Israel sein Gesetz anvertraute, hat er alle als ein Königreich von Priestern bezeichnet. Wo aber jeder einzelne zum Priester berufen ist, bleibt für den Hohepriester nicht die Bedeutung, die man in anderen Kreisen an den Pontifex maximus knüpft. Daß auch der abgesallene Jude, so lange er nur noch den Namen als Jude trägt, nicht ohne Opfer dahinlebt, dafür ist leider hinlänglich gesorgt. Diese Opfer noch zu erschweren und sie womöglich unerschwinglich zu machen, ist ja eben die Lebensaufgabe der Antisemiten. Aber wenn ihnen je ihre schwarzen Pläne gelingen könnten, eines werden sie niemals erreichen, daß nämlich der Jude, und wäre er der verkommenste, pflichtvergessenste, ohne Versöhnung mit Gott dahin lebe! Daß es einen Gott giebt, der vergiebt und zur Versöhnung bereit ist, jedem der reuig zu ihm zurückkehrt, das weiß die Menschheit durch uns Juden, durch unsere Geschichte, durch die heiligen, göttlichen Urkunden, welche die Menschheit uns verdankt und die heute Gemeingut Aller geworden sind. Allerdings weiß das Judenthum nichts von einem Mittler zwischen seinen Bekennern und ihrem Vater im Himmel, allerdings schüttet der Jude das Bekenntniß seiner Fehler und Irrungen nicht in die Brust eines gleich ihm fehlenden und irrenden Menschen, aber deßhalb lebte er ohne Versöhnung mit Gott, weil er wie das Kind selbst zum Vater hintritt, und seine Versöhnung erbitten und sicher erwarten darf? Der Tag der Versöhnung ist der letzte Faden, den auch der treubrüchige Jude nicht zerreißt, ist das Band, welches ihn alljährlich zusammenführt mit allen anderen Genossen, der ihn vor Gott betend mit den Worten hintreten läßt: „Du reichst die Hand den in Trotz sich Auf- „lehnenden hin, und Deine Rechte ist ausgebreitet „die Rückkehrenden aufzunehmen. Du hast uns „gelehrt, vor Dir uns selber und unsere Sünden „zu bekennen, damit wir nun von dem Unrecht „unserer Hände lassen.-Du gabst uns in „Liebe, Ewiger unser Gott, diesen Tag der Ver- „söhnung, der ein Ende, Verzeihung und Vergebung aller unserer Sünden bringen möge, „damit wir nunmehr von dem Unrecht unserer „Hände lassen und zu Dir zurückkehren, die Gesetze „Deines Willens mit ganzem Herzen zu erfüllen. „-Und Du, o Gott der Verzeihung, „Gnädiger, Erbarmungsvoller, Langmüthiger, „der Du reich an Liebe und Treue das Gute und „die Rückkehr der Schlechten willst, Du hast keine „Freude an ihrem Tode, denn so ist es uns ge- „sagt: „So wahr ich lebe, ist der Spruch meines „Herrn, Gottes, ich will nicht den Tod des „Schlechten, sondern daß der Schlechte von seinem „Wandel zurückkehre und lebe-denn Du „verzeihst Israel und vergiebst den Stämmen „Jeschuruns zu jeder und jeder Zeit, außer Dir „haben wir Niemanden, König, der Du „verzeihst und vergiebst."- So betet in der Scheidestunde des Versöhnungstags der gesetzestreue und der Reformjude, und beide vertrauen sicher auf die ihnen von Gott gewährleistete Versöhnung, auch wenn sie Herr Pastor Seidel ihnen abspricht. Und nun der Durst nach Macht und Lust und Geld, der an die Stelle des Durstes nach dem Ewigen getreten sein soll! Haben die Religionsgenossen des Herrn Pastor Seidel ein Monopol auf den Durst nach Macht und Lust und Geld, daß er es den Juden verübelt, wenn sie ihn auch haben? Und der Durst nach dem Ewigen? I Ist dieser Durst nach dem Ewigen sonst überall so reichlich, daß er nirgends vermißt wird als bei den Juden, welche die Religion ihrer Väter verlassen haben? „Es werden Tage kommen, ist der Spruch meines Herrn, Gottes, dann werde ich Hunger senden auf die Erde, nicht Hunger nach Brod und nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte des Ewigen." (Amos VIII. 11.) Welche hohe Meinung von den Juden gehört doch dazu, von den Religionslosen unter ihnen heute schon zu verlangen, was nach diesem Prophetenwort doch erst am Ende der Zeiten winkt! Mit den Schlußsätzen des Referats über den Vortrag des Herrn Pastor Seidel erklären wir uns einverstanden. Die Geschichte des Judenthums ist in der That eine gute Lehrmeisterin. Ohne Tempel, ohne Hohepriesterthum, ohne Opfer, und nach Herrn

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