Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 22 XXXH. Jahrgang Israelit «* Jeschumn Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Br. Lehmann in Mainz. Montag, den I«. März SttU (1891). Leitender Artikel. Resvrmjildellthuw und Aülisemttlsms. Von Bezirks-Rabbiner Di. Ehrmann in Baden (Schweiz.) Die Anzeichen mehren sich, nach welchen der ganze Antisemitismus nicht dem Judenthum und seinen Bekennern, sondern nur jenem Zwitterjudenthum gilt, dessen Anhänger sich gewöhnlich Reformjuden nennen. Wer die in Betracht kommenden Blätter liest, findet diese Behauptung in allen Variationen wiederkehren. Sie haben in Nr. 6 bereits auf eine diesbezügliche Aeußerung des Stöckcr'schen „Volk" verwiesen und unsere Stellung dazu dargelegt. In diesem Sinne äußern sich auch neuerdings die antisemitischen „Deutsch-Sozialen Blätter" in einer Notiz aus An germünde, gelegentlich einer Versammlung des dortigen deutsch-sozialen Vereins. Herr Pastor Seidel hielt dabei einen Vortrag über: „DasJudenthumzurZeitdesStifters der christlichen Religion," und constatirte bei dieser Gelegenheit: „Daß das Judenthum der Jetztzeit, „da es die Religion der Väter verlassen, noch „tiefer gesunken sei. Ohne Tempel, ohne Hohe- „priefterthum, ohne Opfer, also ohne Versöhnung „mit Gott" — so sagte der Redner — „leben „sie dahin, an Stelle des Durstes nach dem Ewigen „ist der Durst nach Macht, Lust undGeld „getreten. Lassen wir uns die Geschichte des „Judenthums eine Lehrmeisterin sein. Hüten wir „uns, die hohen, idealen Güter, die uns in un- „serer christlichen Cultur gegeben sind, zu ver- „lieren!" Herr Pastor Seidel ist zunächst von einem argen Jrrthum befangen, wenn er glaubte, das Judenthum der Jetztzeit habe die Religion der Väter verlassen, auch wenn es nicht das Judenthum, sondern die Juden heit der Jetztzeit ist, die er im Auge hat. — In der „Revue des deux mondes“ veröffentlicht soeben Leroy-Beaulieu einen hochinteressanten Aufsatz: „Die Juden und der Antisemitismus." in welchem die Gesammtzahl der Juden auf 7—8 Millionen gegen eine christliche und mohamedanische Gesammtbevölkerung von 400 oder 500 Millionen angegeben wird. Die überwältigend große Mehrzahl dieser 7—8 Millionen Juden hängt in unerschütterlicher Treue an der Religion der Väter fest. Vielleicht verdienen die Juden, die gerade Herr Pastor Seidel persönlich zu kennen Gelegenheit hatte, den schweren Vorwurf der Religionslosigkeit, den er gegen sie erhebt, aber die allgemeine Form, in welcher er ihn ausspricht, entspricht sicher nicht der Wahrheit. — Wer sich je den Druck, die Schmach, die Verfolgung und die Verführung klar gemacht hat, unter welchen die Judenheil seit Tausenden von Jahren leidet, kann sich billigermaßen nicht darüber wundern, daß sie auch einen kleinen Procentsatz fahnenflüchtiger Elemente hat. Herr Pastor Seidel verkennt aber die Verhältnisse vollends, wenn er selbst Denen, welche die Religion der Väter nicht beachten, Tempel, Hohepriester, Opfer und Versöhnung abspricht. Das Gegentheil ist der Fall. Das Judenthum ist keine Tempcl- und Kirchenreligion, kein Bekenntniß, das seinen Schwerpunkt in Kirchen und Tempeln hat, sondern das sich im täglichen Verkehr und Leben zu bewähren und zu vollziehen hat. Gott hat seinen Weltbund mit Israel am Sinai, ohne Tempel geschloffen und ihn für ewige Zeiten, also auch für diejenigen eingesetzt, in welchen es keine Tempel haben sollte. Als der Gottesdienst im Tempel in grellen Widerspruch mit dem Gottesdienste getreten war, wie er sich draußen im Leben vollziehen sollte, siel das nationale Heiligthum, und unsere Synagogen sind nur Tempel in verjüngten! Maßstabe. — Das Christenthum legt auf Kirche und Kirchlichkeit einen