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Der Israelit · 1891-03-12 · Heft 21 (12.3.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 21 (12.3.1891)
Date
1891-03-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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397 Mutter berief. Sie entschuldigte sich bei der Freundin und folgte dem voranschreitenden Diener. Die Frau Commerzienräthin saß in merklicher Aufregung auf einem Sopha im Erfrischungszimmer. Nicht weit von ihr stand ein älterer Herr im Gespräche mit ihrem Gemahl. Bella ging, freundlich nickend, an beiden Herren vorbei und trat zu ihrer Mutter: „Du hast mich rufen lassen, liebe Mama! was wünschest Du von mir?" „Setze Dich an meine Seite, mein Kind und höre aufmerksam zu. Ein großes Glück habe ich Dir zu verkünden." Bella blickte der Mutter überrascht ins Antlitz, und diese fuhr lächelnd fort: „Ja, ja, manche Menschen sind vom Glücke förmlich beimgesucht, ohne daß sie sich darum bemühen, schüttet es seine Gaben über sie ans." „So daß sie in Gefahr laufen, daran zu ersticken", schaltete Bella sarkastisch ein. Ohne sich aber beirren zu lassen, fuhr die Mutter fort: „Höre also. Soeben hat der Herr Wirkliche Legationsrath Freiherr von Zobeltitz für seinen Sohn Ernst um Deine Hand angehalten. Papa und ich sind nach dem, was der Herr Wirkliche Geheime Legationsrath, Freiherr von Zobeltitz uns über die Vermögensverhältnisse seines Sohnes, des Lieutuants von Zobeltitz, und über seine eigenen zweiunddreißig Ahnen mitgetheilt Hat, nicht abgeneigt, seinen Antrag zu acceptiren. Dein proponirter Bräutigain ist ein hübscher Mann, der sich in den höchsten Kreisen einer großen Beliebtheit und eines guten Rufes erfreut, und um den Dich manches junge Mädchen beneiden wird. Ferner —" „Verzeihe, Mama!" warf Bella hier ein, „Du vergaßest etwas. Ich bin Jüdin und Herr von Zobeltitz —" „Wird in Anbetracht Deiner Liebenswürdigkeit Deine semitische Abstammung zu vergessen suchen, respective sicher vergessen. Als seine Frau, die Freiin zu u. auf Zobeltitz wirst Du hoffähig werden und Deine Abstammung wird dadurch, daß man uns den Adel verleiht, doch nicht so tief unter der Deines Gatten stehen. Auch darüber haben wir schon gesprochen. Wenn Du Dich rasch entschließen kannst, Deine Eltern haben ja die Verhältnisse genügend geprüft, so wird Herr Ernst sofort um Deine Hand anhalten und wir würden Eure Verlobung heute noch proklamiren." Bella hatte ihre Mutter ruhig zu Ende reden lassen. Während sie mit zusammengepreßten Lippen ihr zuhörte, jagte eine Blutwelle nach der andern über ihr feines Gesicht und tötliche Blässe wechselte mit dunkler Röthe. So war ihr der Kampf doch nicht erspart geblieben, so hatten ihre Eltern sich doch auf jenen Weg leiten lassen, den sie selbst nicht betreten wollte, nicht wandeln konnte, nicht wählen durfte. Zum erstenmale mußte sie sich dem Wunsche der Eltern ungefügig zeigen, und damit dieselben ihre Weigerung nicht als Laune betrachten sollten, beschloß sie, ihrer Mutter ein für allemal zu erklären, was eigentlich keiner Erklärung hätte bedürfen sollen. Sie zögerte einige Sekunden und als ihre Mutter zu ihr sagte: „Nun, mein Kind, Deine Antwort!" da traten Thränen in ihre Augen, sie warf sich an den Hals der Mutter und sprach leise, doch mit fester Stimme: „Nein, liebe Mutter, beim heil'gen Gott schwöre ich es Dir, nie, nie werde ich einen Nichtjuden heirathen!" Darauf riß sie sich los, eilte, ohne Aufsehen zu erregen, durch den Saal, stürmte die Treppe zum zweiten Stock hinan in das Zimmer des Großvaters, der gemüthlich mit dem Referendar plaudernd auf dem Sopha saß und warf sich an den Hals des alten Herrn und weinte bitterlich. Erschrocken sprang der junge Mann von seinem Platze auf, während der Großvater das Mädchen zu beruhigen suchte. „Was ist denn vorgefallen, mein Kind?" fragte er das schluchzende Mädchen, während der junge Mann sich diskret entfernen wollte. Doch Bella richtete sich auf und rief: „Nein, bleiben Sie, Arthur! Sie haben mich weinen sehen, Sie sollen auch wissen, was mich dazu veranlagte." Und sie erzählte, was Arthur ja gesehen und gehört, wie sie und die Mutter im eigenen Hause beleidigt worden und fuhr aufgeregt fort: „Aber Mam.a scheint unempfindlich für solche Kränkungen zu sein, denn sie hatte nicht ein Wort der Abwehr. Noch mehr; Herr Lieutenant von Zobeltitz hat heute Abend um meine Hand bitten lassen und meine Eltern" — sie stockte und sah flehend zu dem alten Manne empor; dieser legte seine Hand auf ihren Scheitel und sprach: „Nun, mein Kind, und Deine Eltern?" „Meine Eltern wünschen, daß ich die Werbung annehme!" „Unmöglich!" rief der junge Mann erschreckt aus; „Bella, das werden Sie nicht, nie — „Warum soll meine Enkelin das nicht thun, was ihre Eltern wünschen," entgegnete in herbem Tone der alte Mann, während Bella sich erschreckt aufrichtete; „Gehorsam ist des Kindes erste Pflicht und —" „Nein, nnd tausendmal nein", unterbrach Arthur die Bitterkeit des Großvaters. „Auch der kindliche Gehorsam hat seine Grenzen; hier ist eine solche Grenze und sie zu überschreiten wäre Sünde

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