Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1891)
- Date
- 1891-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448144--31759-2479575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
394 Seele des Menschen. Das Undenkbarste, Widerspruchsvollste, cs wird einfach und natürlich, sobald wir es verstehen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzerr Deutschland. Aus dem Groftherzogthunr Hessen. Vor mehreren Wochen erschien im „Schnlbote für Hessen" eine Notiz aus Offenbach, in welcher ein Lehrer die Berechtigung des Antisemitismus nachzuwcisen sich bemüht. Der Noliz folgte eine äußerst scharf gehaltene Nachbemerkung der Redaktion genannten Blattes, in welcher der Antisemitismus in sehr energischer Weise verurtheilt wurde. Heute läßt sich nun auch eine Stinmie aus Offenbach in folgender Weise vernehmen: „In der vorletzten Nummer des Schnlboten befand sich ein von Offenbach datierter Artikel, der als eine Stimme aus der Offenbacher Lehrerschaft gedeutet werden könnte, und auf welchen darum wenigstens mit einigen Worten von hier aus Bezug genommen werden muß. Der betreffende Herr — Antisemit setzte sich nämlich in jenem Artikel auf den hohen Gaul, um einmal gründlich zu lehren, was der Antisemitismus eigentlich sei, was die meisten gar nicht zu wissen schienen, — gleich als ob der Antisemitismus so schwer zu verstehen sei und bereits als eine Spezialwissenschaft wie Mathematik und Naturwissenschaft studirt werden müsse. Zu dieser hohen Meinung vom Antisemitismus können wir uns freilich mit ntchten aufschwingen. Wir wissen, abgesehen von unserem Standpunkt allgemeiner Humanität, gar wohl, was für Leute sich alle in dem Lager des Antisemitismus zusammen finden. Wir erkennen da drüben vor allem als Widder unter den Schafen, die Gestalten eines Böckel, Stöcker und Treitschke, und auch die Gesichter ihrer dunklen Hintermänner oder ihrer hinteren Dunkelmänner wollen uns gar bekannt Vorkommen. Wir sehen auch darunter einige junge Streber, die auf der Hauptstraße sich unter dem Volke verlieren würden und deßwegen in der Sackgasse Sensation erregen wollen. Wir wissen auch, daß überall da der Weizen des Antisemitismus ans dein Lande blüht, wo auch die Petitionen gegen die Fortbildungsschule, Schulbauten u. s. w. ihre Unterschriften herbeiziehen, das heißt, wo die dümmsten Bauern sind und wo sie die dümmsten bleiben wollen. Wir wissen auch — jedoch sapienti sat für die aber, die nicht alle werden, ist jedes Wort vergeblich; darum wird kein Lehrer, der die Interessen seines Standes kennt, mit einer solchen Gesellschaft mitthun! Sollte sich aber wirklich ein Verblendeter darunter finden, dem wollen wir kollegial zureden: Es thut mir immer von Herzen weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh. In Offenbach aber, in der Stadt, die selbst Bischof Haffner bei seinem ersten Besuche als eine liberale Stadt hochleben ließ, sind solche Stimmen, wie die oben gekennzeichnete, zumal unter uns Volksschullehrern, eine Seltenheit." Berlin, 3. März. In dem „Deutschen Tageblatt" müht sich ein Herr Dr. Lewy ernstlich ab, um den offiziellen Agitationsreisenden der Antisemiten, Herrn Liebermann v. S o n n e n b e r g, zu überzeugen, daß es den jüdischen Soldaten religionsgesctzlich gestattet sei, den Orden des „eisernen Kreuzes" während des Gottesdienstes zu tragen. Herr Dr. L. sollte das deu berufenen Autoritäten überlassen, und Herr L. v. S. hat vorläufig kein Interesse daran, die Entscheidung der Rabbiuen zu erfahren, denn einmal ist derselbe noch nicht in den Besitz dieses Ehrenzeichens gelangt, ferner gehört er gar nicht dem Judenthume an, um über diese Frage Nachdenken zu müssen. Das „Deutsche Tageblatt" muß an furchtbarem Mangel an Stoff leiden, daß es sich mit Dingen abmüht, die am allerwenigsten ein politisches Blatt angehen. Verwehren wir uns gegen die Einmischung Unberufener in unsere inneren religiösen Angelegenheiten, so müssen wir andererseits auch anerkennen, daß es nichts anderes als ein Hinübergreifen auf fremde religiöse Gebiete ist, wenn eine hiesige jüdische Wochenschrift eine Predigt veröffentlicht, die sich mit der Stellung des Judenthums zu einem christlichen Dogma befaßt. Das ist eine unverantwortliche Herausforderung, der gegenüber wir unsere Mißbilligung nicht verschweigen können. Welchen Zweck wollte diese Gegenüberstellung der Dogmen in ciuem Volksblatte erreichen? Es war eine bedauerliche Leichtfertigkeit, die den Ptckcnbachs und Bachlers, die gleichfalls an Stoffmangel leiden, einiges Material geliefert, um wieder aus der Mücke einen Elephanten zu gestalten. Ich wäre gewillt, wenns angebracht wäre, auf den Spruch der Väter zu verweisen: mnn D’öDn Charlottenburg bei Berlin. Der hiesige Stadtrath und ehemalige Abgeordnete Dr. C o h n- Martinickfelde, dessen Leiche am Sonntag, den 1. März vom Rathhause unter Betheiligung der städtischen Behörden nach dem Louiseu-Kirchhof überführt wurde, war nicht zum Christenthum übergetreten. Derselbe ist, wie wir vernommen, vor Jahren aus der Gemeinde — wegen religiöser B edenk en — ausgeschieden, welcher Umstand ihn veranlaßte, seine Frau, die vor Jahren verstarb, auf den genannten Kirchhof beerdigen zu lassen.