Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1891)
- Date
- 1891-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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377 zu Offizieren befördert' einige wurden sogar Gardeoffiziere. Doch als nach dem kurzen liberalen Rausch der lange reaktionäre Katzenjammer eintrat, wurde den jüdischen Offizieren bedeutet, daß sie ihre Entlassung zu nehmen haben, und gegenwärtig gibt es in der ganzen russischen Armee keinen einzigen jüdischen Offizier; ja sogar zu Unteroffizieren werden Juden nicht mehr befördert. (Wie ungerecht überhaupt die Juden in Rußland behandelt werden, geht neuerdings wieder daraus hervor, daß der Mas, welcher unter Mißachtung der finnischen Gesetze neue Bestimmungen für den Grunderwerb in Finnland durch Russen festsetzt, von diesen Rechten die „Bekenner mosaischer Konfession" ausschließt. Red.) Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Anfangs wollten wir ihnen nachftürzen, aber da lag Rachelc starr, bleich und regungslos bei der Thüre, wir mußten bleiben, denn es galt, ein uns allzutheures Leben zu retten. Mit schwerer Mühe gelang es uns, die Ohnmächtige wieder ins Leben zurückzurufen und zu Bette zu bringen. Welche schwarzen Gedanken mir durch den Kopf jagten, das läßt sich kaum schildern! Inder ersten Aufwallung stand das eine in mir fest — der rothe Wölwele hat mich mit seinem Gelde in die Falle gebracht. Hätte ich ihn in jenem Augenblicke vor mir gehabt, ich wäre eines Mordes fähig gewesen. Diese schwarzen Gedanken wichen nach und nach einem schwachen Strahl der Hoffnung. Ich fing an, mich zu bereden, daß Jankele, der gar erbärmlich schlecht aussah, unmöglich zum Militär genommen werden könne. Dieser Gedanke gewann immer mehr Herrschaft über mich. Unmöglich, sagte ich mir; ich habe noch nie einen Soldaten mit einem so verkümmerten Gesichte gesehen, und wer verschafft mir die Gewißheit, daß der rothe Wölwele mit jenem Auslöser im Einverstäudniß war? Vielleicht ist das Alles nur trauriger Zufall? Der rothe Wölwele hat es also nur gut mit mir gemeint. Was kann er für diesen unglücklichen Ausgang? Er wird mich noch retten. . . . . Immer gieriger klammerte sich mein Herz an diese trügerische Hoffnung. Kaum hatte sich der erste Lichtstreif am Himmel gezeigt, als ich mich aufmachte und. wie wenn mir tausend Teufel in den Gliedern säßen, zum Affentplatze lief. Weit und breit ließ sich noch kein lebendiges Wesen blicken. Ich lehnte mich an die Wand und stand wie eine Bildsäule. Wie lange ich so stand, weiß ich nicht, cs mochten zwei Stunden gewesen sein. Mir schienen sie eine lange, gähnende Ewigkeit. Endlich fing es an. in den Nachbarhäusern sich zu regen. Einzelne Personen zeigten sich auf der Gasse. Nach und nach wurde es lebendig. Die Affentirungsbeamten kamen einzeln und paarweise heran — der Major, einige Offiziere, der Bürgermeister, endlich auch der Assentirungsarzt. Ach, wenn sie mir in das zerrissene Herz sehen könnten, sie würden sich gewiß meiner erbarmen! Vor dem Platze sammelten sich immer mehr Leute an, Eltern, Frauen, Kinder, Geschwister. Auch ihr Herz schwebte wohl gleich dem meinen zwischen Hoffnung und Todesangst — doch nein, keiner von ihnen konnte so mit ganzer Seele, wie ich, an seinem Kinde hängen, Jankele ist ja mein einziger Sohn, mein Leben, mein Alles! Endlich kamen die drei Regierer, mit breiten Gürteln und aus gekämmtem Barte. Der rothe Wölwele ging mitten unter ihnen. Ich wußte nicht, ob ich mich auf ihn stürzen, oder ihm zu Füßen niedersinken soll — er kann mein Todesengel, er kann mein Retter sein. Der rothe Wölwele jedoch schien mich nicht einmal zu beachten. Alle drei Regierer waren mittlerweile in das Haus eingetreten. Nicht lange darauf kamen unter Militärescorte mehrere junge und ältere Leute. Jankele, der unter ihnen war, sah furchtbar bleich aus. Das jedoch betrübte mich nicht, sondern fachte den Hoffnungsfunken in meinem Herzen noch mehr an. . . . Zwischen den andern Leuten suchte ich mich in das Vorzimmer des Assentirungssaales hineinzudrängen. Da zogen sie die traurigen, bejammernswerthen Menschen, einer nach dem andern, an uns vorüber. Die Affentirungscommissäre nahmen ihre Sitze um den grünen Tisch. Auch die Regierer befanden sich bereits auf ihren Plätzen, weit abseits. Einer der Recruten trat unter das Maaß. Der Arzt schritt auf ihn zu, die Untersuchung begann. Der arme Bursche zitterte so heftig, daß man das Klappern seiner Zähne hören konnte. Der Herr Doctor jedoch nahm das durchaus nicht so ernst; mit der größten Gemüthsruhe prüfte er sein Opfer und versetzte es in die verschiedensten Positionen. Wenn er just bei gutem Humor war, ließ er es zur allgemeinen Belustigung lebende Bilder aufführen. „Den Vorderleib Vorbeugen und auf die Zehen stellen!" kommandirt er. Der Arme versucht die halsbrecherische Position und strauchelt. Am grünen Tische wird gelacht. Daraufhin folgte eine zweite Figur: „Die Backen aufblasen! Fest aufblasen!" kommandirte der Arzt, und Jener bläst nach Leibeskräften die