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Der Israelit · 1891-03-09 · Heft 20 (9.3.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 20 (9.3.1891)
Date
1891-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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376 legentlich noch zurückkommen werde) und sodann — schön ruhig sich Verhalten. (Die Ehescheidungsangelegenheit ist jedoch notorisch nur ein Vorwand u. wurde wie überhaupt das ganze Rundschreiben nur behufs Mistisizirung der Nichteingeweihten und Erniedrigung der jüdisch-orthodoxen Canzlei als Staffage benützt. Ja diese jüdisch-orthodoxe Canzlei war und ist den Neologen ein Dorn im Auge und verursacht ihnen gar viele bitterböse Stunden. Ach wie schön ließe sich schalten und walten, wenn diese jüdisch-orthodoxe Canzlei nicht wäre! Um also dieselbe — wie der Preßburger Oberrabbiner in seinem offenen Schreiben sagt — „in den Augen des Volkes herabzusetzen", fordern die Neologen die orthodoxe Canzlei auf: „sie möge doch ihre religionsrettcnden Thaten aufzählen." Ob sie den Herren Neologen staute xeäe Rede und Antwort stehen wird? Ich glaube, sie solle es thun, auch schon deßhalb, um die Marktschreierei dieser Leute auf das richtige Maß herabzusctzen. Die orthodoxe Canzlei sollte doch endlich den Herren klarlegen, daß schon an u. für sich ihr Existiren, eine wahrhaft religionsrettcnde That ist! Denn sprechen wir einmal ohne alle Umschweife: Wo wäre denn heute schon das Judenthum in Ungarn, wenn den Neologen das Handwerk nicht gelegt worden wäre? Ich will davon nicht sprechen, wie es schon in sovielen jüdischen Gemeinden um die uud und um das jüdische Gemeindcleben überhaupt bestellt war, wie die O'nt buchstäblich geknechtet wurden, wie ihre ansnw verjagt, ihre mittels Panduren zersprengt wurden, so daß man — es ist fast unglaublich, aber wahr — in dem freien Ungarn D’>m:n 'v'2 unter freiem Himmel auf dem Felde, außerhalb der Stadt yjo machen mußte! Hand aufs Herz! Hätten denn nicht schon heute die Funktionen des jüdischen Gottesdienstes z. B. in Pest, Choristinen versehen, wie dies hier schon früher thatsächlich der Fall war. Und wenn es heute anders ist, ist etwa darin die Ursache zu suchen, daß die Herren Neologen rown gethan haben? Bei weitem nicht! Es ist ganz einfach der rrys erwirkten Ermöglichung der Trennung von Gemeinden zu verdanken, daß dem verderblichen Umsichgreifen der Religionslosigkeit Einhalt geboten wurde. Dort, wo eine Trennung nicht möglich, schalten u. walten denn auch die Herren Neologen nach Herzenslust, entkleiden die Gemeinde-Institutionen ihres jüdischen Charakters u. verhöhnen Alles was den o’xt heilig ist. Nichts genirt also unsere Neologen so schrecklich, als die Trennung. Eherecht lächerlich! Was immer sie sagen u. schreiben, so wissen es die Orthodoxen, daß ihnen nur das Streben vorschwebt, nach der früheren Weise die ehrlichen trnrv tyrannisiren u. alles Jüdische ulnstürzen zu können, ohne daß man aus ihrer Gemeinde ausscheideu könne. Ein anderes Hinderniß als die Trennung fürchten diese Leute nicht u. die in ihrem Rundschreiben verrathene nervöse Erregtheit beweist nur noch mehr, daß das offene Schreiben des Preßburger Oberrabiners von überwältigender, niederschmetternder Wirkung war. vr. Veßi. Rußland. Petersburg, 25. Febr. Der „Fr. Ztg." wird von hier geschrieben: Dadurch, daß den Juden in Rußland durch die bekannten Gesetze ganze Kategorien von Beschäftigungen verschlossen worden sind, ist die Roth unter denselben sehr groß geworden. Besonders schlimm steht es in den nord- und südwestlichen Gouvernements, so daß sich der Generalgouverneur von Kiew Graf Jgnatjew (ein Bruder des bekannten Diplomaten) veranlaßt gesehen hat, bei der Regierung um Milderung der gegen die Juden gerichteten Maßregeln zu bitten, da die übrige Bevölkerung darunter schwer leidet und die Juden durch Roth und Entbehrungen, durch Hunger und Elend zum Aeußersten getrieben würden. Es haben sich sogar im Kiew'schen und Podolischen einige bewaffnete Räuberbanden gebildet, die durchwegs aus Juden bestehen. Eine solche Erscheinung ist gewiß sehr charakteristisch. Man kann sich von dem Elend der Bevölkerung eine Idee machen, wenn schon der friedliebende Juden zum Gewehr greift und unter die Räuber geht. Seltsam, daß man in kompetenten Sphären das nicht einsehen will und in diesen Erscheinungen nur ein Symptom jüdischer Verkommenheit und Lasterhaftigkeit sieht, während dieselben doch nur unausbleibliche Folgen unmenschlicher Behandlung sind. Jüngst wurde eine solche jüdische Räuberbande eingefangen und selbstverständlich werden die Mitglieder derselben sehr streng gerichtet werden. Die Zeitungen erheben ein entsetzliches Geschrei, daß die Juden den Staat bedrohen und es fehlte nicht viel, so erklärte man die gesammte jüdische Bevölkerung Rußlands, etwa fünf Millionen, als rechtlose Menschen, für eine Räuberhorde, die mit Feuer und Schwert ausgerottet werden müsse. Wer hat jedoch den Juden zum Räuber gemacht? Auch ist darüber viel Staub aufgewirbelt worden, daß die Juden der Militärpflicht sich entziehen. (Daß diese Beschuldigung in gewisser Beziehung unbegründet, haben wir vor Kurzem erst ziffernmäßig nachgewiesen. Red.) Woher soll den Juden der Eifer für den Militärdienst kommen, wenn ihnen von vornherein jede Aussicht auf Beförderung genommen ist. Vor etwa zwanzig Jahren, als die Reform sich vollzogen und die allgemeine Militärpflicht soeben ins Leben getreten war, wurden mehrere Juden

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