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Der Israelit · 1891-03-09 · Heft 20 (9.3.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 20 (9.3.1891)
Date
1891-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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374 Justizrath M. vorzuschlagen, dieselbe als letzter Punkt zu behandeln. Die Herren, welche die Absicht hatten vor Schluß den Berathungssaal zu verlassen, hätten gegen diese Verschiebung protestiren müssen. Das unterblieb, wodurch die Anträge des C. V. zum Falle kamen. Der vorzüglich informirte Herr Scheyer lenkte auch die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die innerhalb der Gemeindebehörden geplante Aenderung der Statuten, durch die jedoch neben manchen nützlichen Neuerungen eine Kürzung der wenigen noch bestehenden Rechte der Gemeinde beabsichtigt werde. Herr Spiewkofski findet die Hoffnungen auf ein einmüthiges Zusammenwirken aller Parteien sehr geschwächt. Die „Liberalen" hätten bewiesen, daß l ibcral und religionslos sich so ziemlich deckten. Die Hochliberalen wären am wenigsten geneigt dem Volke entgegenzukommen. — Herr A. Breslauer beantragt die fatale Angelegenheit gleichwie bei politischen Angelegenheiten zu erledigen. Den Repräsentanten, die ihrem Programm untreu geworden, müßte öffentlich ein Mißtrauensvotum ertheilt werden. Sollten dieselben es mit ihrem Gewissen vereinbar finden, weiter im Amte zu bleiben, so wäre das allerdings sehr bedauerlich. Herr M. G. Levy erkennt an, daß man in der Wahl der Candidaten nicht vorsichtig war, man müsse nunmehr Sorge tragen, wie solche Mißgriffe in der Zukunft zu vermeiden seien. Gutfeld fragt an, welche sachliche Gründe Herr Makower gegen die Petition anführte. Der Vorsitzende Weinberg erwiderte, daß Justizrath M. fein ablehnendes Votum mit der Behauptung motivirte, daß von den 70000 Juden Berlins nur der fünfte Theil die Synagogen besuche. — Es wird hierauf die Frage erörtert, ob eine größere Gemeindeversammlung zu berufen fei. C. Scheyer plaidirt in zündender Rede für einen baldigen Apell an die Wähler. Das Interesse werde erwärmt, wenn man das Ziel vor Augen sehe, und für dasselbe werde die ganze Gemeinde wie ein Mann eintreten. Die Schwankenden müßten überzeugt werden, dann werden auch die Herren Gemeindevertreter fügsamer werden. Gegenwärtig seien die Herren allerdings noch unbeugsam, es hätten die Posaunen von den Höhen erschallen können, die Majorität hätte sich nicht gefügt, die Volksstimme werde ihnen ein kräftiges Memento zurufen. Herr Stern wirft die Frage auf, was bis jetzt geschehen, und was in Zukunft geschehen werde, um den erschlafften Geist wieder zu wecken. Derselbe schlägt vor für Verbreitung jüdischer Wissenschaft und jüdischer Lehre Sorge zu tragen. Demselben Gedanken giebt Dr. meü. Cohn Ausdruck. Wenn wir einen bessern Geist dem Volke einhauchen, dann würde das Bedürfnis; nach Schulen und Synagogen erwachen, dann werde ein Sturm der Begeisterung das Volk ergreifen und alle Gegner unserer Bestrebungen hinwegwehen. — Herr Siegmund Berget fordert zur Bekämpfung des Jndifferentismus auf. Diesem gefährlichen Feinde unseres Glaubens sei nur durch Aufklärung zu begegnen. Die Gemeindeglieder ahnten nicht, welche Güter ihnen entrissen werden, wie man mit ihren kostbarsten Heiligthümern verfahre. Noch einmal ergreift Herr Scheyer das Wort und resumirt, daß durch Errichtung von Synagogen und Schulen mehr Juden bewußte Juden werden. Die Glaubensgenossen, die Gotteshäuser besuchen, werden treuere Anhänger der Gemeinschaft, als die Gleichmüthigen, die vorüberziehen und allmählich erkalten.-- Nach vierstündigen vom Geiste wahrhafter Liebe zum Judenthum getragenen Debatten beschließt der Central- Vorstand den Kampf für die Interessen der Gemeinde in einer öffentlichen baldmöglichst zu berufenden Versammlung aufzunehmen. — Gehören auch die Mitglieder den verschiedensten religiösen Richtungen an, sie bilden Alle eine religiöse Partei, welche Institutionen schaffen will, aus daß unser Judenthum nicht erblasse, damit der religiöse Sinn wieder erwache und die Jugend ihrer Zugehörigkeit zum Gottesvolke sich freue. Sie Alle wollen die Unwissenheit, diesen nagenden Wurm an unserm Dasein bekämpfen. Möge ihrem Werke Gottes Segen zu Theil werden. Möge sie dieser erste Schritt zur Besserung unserer Zustände, zürückführen zur Quelle der Wahrheit, die Gott am Sinai erstehen ließ. A . . . Frankfurt a. M., 1. März. Während hin und wieder uns berichtet wird, wie ehrwürdige, seit Jahrhunderten heilige Bräuche und Einrichtungen dem religiösen Jndifferentismus und dem alles nivellirenden Zeitgeiste zum Opfer fallen, herrscht hier in Frankfurt ein erfreulicher Wetteifer in dem Bestreben, das alte, unverfälschte Judenthum in vollkommenster und schönster Weise zur Geltung zu bringen und jeden, auch an sich unbedeutenden religiösen Brauch zu erhalten. Bekanntlich gibt es zwei besondere „Frankfurter Fasttage." Bei dem im Jahre 1614 hier ausgebrochenen Aufstande, an dessen Spitze hauptsächlich Bincenz Fettmilch stand, wurden, wie allgemein bekannt, die sämmtlichen Juden aus der Stadt gewiesen, ein großer Theil ihrer Habe wurde vernichtet, viele heilige Schriften, selbst Thorarollen wurden verbrannt. Erst anderthalb Jahre später, nachdem inzwischen durch den Kaiser die Ruhe wieder hergestellt worden war, durften die Juden wieder heimkehren, und am 28. Februar s20. Adar) 1616 wurden die Heimgekehrten in die alten Rechte feierlich wieder eingesetzt. Der Tag der Austreibung, der 27. Ellul, wurde für alle Zeiten zum Fasttag bestimmt, ebenso der Tag vor dem Einzuge, der 19. Adar. Der 20. Adar dagegen, der Tag der Wiederkehr, wurde als Festtag, Purim-Bincenz eingesetzt und seitdem gefeiert. Die beiden Fasttage sind offiziell seit einer langen Reihe von Jahren, es mögen wohl schon mehr als sechzig Jahre sein, nicht mehr gehalten worden; nur im Gebete ist durch Einschaltung von icw u. dgl. die Erinnerung festgehalten worden; auch fanden sich immer einzelne dw, die die alte Anordnung des Fastens aufrecht erhielten. Auf Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Horowitz, der durch seine werthvollen Schriften über „die Frankfurter Rabbinen" so wichtige Aufschlüsse über die Geschichte der Frankfurter Juden gegeben hat, dem es auch seit seiner zwölfjährigen hiesigen Wirksamkeit gelungen ist, auch außerhalb des großen und schönen Kreises der Religionsgesellschaft die religiösen Institutionen der Gemeinde in mustergiltiger Beschaffenheit herzustellen, ist auch diese lebendige Erinnerung an eine der interessantesten Episoden aus der Vergangenheit der Frankfurter Juden wieder wachgerufen worden. Unterstützt wurde hierin Herr Dr. Horowitz durch den für alle jüdischen Interessen mit warmer Be-

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