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Der Israelit · 1891-03-09 · Heft 20 (9.3.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 20 (9.3.1891)
Date
1891-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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372 zu unseren und der bürgerlichen Gleichberechtigung Gunsten erhoben haben. Aber wie kommt'«, so wird gefragt, daß so viele Juden bei den Sozialdemokraten sind, und daß diese gegen die Antisemiten auftretend Sind in der That Juden bei den Sozialdemokraten? Wenn diese Partei wirklich die Leugnung Gottes, die Aufhebung der Familie, die Zerstörung aller Pietät — ob sie's nun offen eingesteht, oder aus Nützlichkeitsgründen verschleiert — zu ihren Glaubensartikeln zählt, können da Juden, Bekenner der Lehre des einzigen Gottes, ihr angchören d Ist ein Anschluß an diese Partei nicht Lossagen vom Judenthume, aus welchem nach Kürschner's Parlamentsalmanach ein Theil der den Juden entstammten parlamentarischen Vertreter der Sozialdemokratie auch faktisch ausgetreten ist? Mit demselben Rechte könnte man den Protestantismus und die katholische Kirche interpelltren, woher es komme, daß so viele sogenannte Angehörige dieser Gemeinschaften sich solchen verderblichen Lehrmeinungen zugewendet haben! Menschen, die mit Bewußtsein Juden sind, oder die an der Spitze jüdischer Gemeinwesen stehen, haben niemals der Sozialdemokratie gehuldigt, noch diese Partei unterstützt. Ebenso sind es böswillige Märchen, wenn die französischen Kommunarden den Juden hold, oder gar in ihrem Solde geschildert werden. Drumont, der Vater dieser Märlein, ist ein Schriftsteller, neben welchem ein Stöcker ein Apostel der Wahrheit ist. Was ihm schlecht erscheint, nennt er Juiverie, und alle Schlechten, sie mögen glauben, was immer, und herstammen, woher immer, sind ihm juives! Anders aber ist es mit den Namensjuden. Für sie und ebenso für die Namenschristen kann keine religiöse Gemeinschaft verantwortlich gemacht werden, selbst wenn sie eine so gewaltige Gliederung, eine so erstaunenswerthe, jedes einzelne Mitglied im Auge behaltende Leitung hat, wie die katholische Kirche. Wie sollte nun das Judenthum für jeden Einzelnen einstehen können, die religiöse Gemeinschaft, welche nur in den wenigsten Ländern organisch gegliedert ist, die in Preußen z. B. nur Körperschaftsrechte für jede einzelne Ortsgemeinde hat, deren einzelne Gemeinden aber gesetzlich keinen Zusammenhang mit einander haben, und deren Gesammtheit keine Zusammenfassung in einer sie leitenden, oder auch nur repräsentirendcn Spitze besitzt, während es umgekehrt jeder Einzelperson auf Grund verschwiegenbleibender religiöser Bedenken freifteht, aus der Ortsgemeinde auszutreten.' Weßhalb aber die Sozialdemokraten sich der Juden annehmen d Das kann ich nur muthmaßen, nicht wissen. Erkauft ist diese Theilnahme nicht und vergolten wird sie auch nicht. Es scheint daher, daß die Sozialdemokraten wissen, wie Kapitalist und Jude durchaus nicht gleichbedeutend ist, und ferner, daß die um ihrer — wahren oder falschen — Ansichten willen Verfolgten sich gedrungen fühlen, für diejenigen einzutreten, welche wegen ihres Glaubens, und allein um seinetwillen, verfolgt werden. Ich erinnere mich noch, daß während des Kulturkampfes recht oft katholische Geistliche auch für die Rechte der Juden eiiiqctrcfeii sind. Die Bedrückten und Verfolgten sind Genossen des Leides und stehen, auch wenn sie sonst nichts Gemeinsames haben, schon allein um deswillen einander bei, weil sie einen gemeinsamen Bedrücker haben. Sollte cs wahr sein, daß viele, einst Juden gewesene, Ungläubige sich den Sozialdemokraten zugewcndet haben, so ist mit dem Gesagten die Erklärung dafür gegeben. Ohne noch Juden zu sein, unterliegen sie den gesellschaftlichen und sonstigen Zurücksetzungen, die der Juden Theil sind. Sie schließen sich daher denen an, die in der jetzigen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung die Wurzel aller Nebel erblicken, an denen die Menschheit leidet. Zeitungsnachrichten und Correspondenzcn. Deutschland. Bom Rhein. Die Redaction des „Israelit" hat sich ein wirkliches Verdienst erworben, indem sie die Lage der jüdischen Handlungsgehilfen, die am Sabbat nicht arbeiten, zur Besprechung stellte. Nach unsrer Ansicht dürften die Schwierigkeiten, mit welchen dieselben gegenwärtig zu kämpfen haben, sich noch erheblich vermehren, wenn, wie sicher vorauszusehen, für die kaufmännischen Geschäfte vom l . Januar n. I. an, die obligatorische Sonntagsruhe eingeführt wird. Gibt es doch heute eine große Zahl, besonders von ^n^ros-Geschäften, deren Inhaber nicht aus Ueberzengung. sondern ans überkommener Gewohnheit am Sabbat geschlossen halten und dafür am Sonntag arbeiten lassen. Fällt nun letztere Möglichkeit mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes weg (5 Stunden sind als Maximum für die kaufmännische Sonntagsurbeit festgesetzt und weitere Einschränkungen durch Ortsstatut sind zulässig), so ist leider vorauszusehen, daß eine Anzahl dieser Herren ihr Geschäft am Sabbat öffnen und so die geringen Chancen der gesetzestreuen Commis noch weiter verringern wird. Ihr Berliner Correspondent appellirt an die überzeugungstreueu Chefs nur gleichgesinnte Angestellte zu nehmen. Kann man aber diese Forderung stellen, ohne den Chefs die Möglichkeit zu geben, solche junge Leute auch zu findend Wir glauben nicht, und deßhalb stimmen wir mit Ihrem Hamburger Korrespondenten völlig überein, wenn

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