Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1891)
- Date
- 1891-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXn. Jahrgang. M. 20. Israelit ««v Zeschurun. IMslhüfl M FSrdkMS W. Geistes M B. Kedm is Ars. «Mrirde «d Mir. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den S. März 5S51 (1891). Leitender Artikel. Pie Uarteiitellung der Juden. *> Während man in Rußland und von Seiten der preußischen Junker die Juden als Nevolutionäre in Verruf bringt, werden wir von anderer Seite angeklagt: Der Jude geht immer mit der Gewalt. Ja, wir beugen uns der Obrigkeit, die von Gott bestellt ist. „Gott fürchte und den König" — das ist uns keine Mahnung der Klugheit, sondern eine Forderung unserer Religion. Darum sind wir immer treue Bürger gewesen, auch da man uns kaum als Menschen, geschweige denn als Bürger behandelt hat. „Suchet den Frieden der Stadt, in welche ich euch verbannt habe und betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Frieden wird euch Frieden sein"' — diese Mahnung des Jeremias (29, 7) haben wir in der Flucht der Zeiten, während man uns als Fremdlinge betrachtet hat, bethätigt, und werden sicherlich nicht aufhören, es zu thun, da wir uns als Bürger fühlen. Doch zu welcher politischen Partei gehören die Juden? Uns muthet diese Frage gar seltsam an, etwa ebenso, wie wenn man fragen würde: Zu welcher politischen Partei gehören die Katholiken oder die Evangelischen? So lange die Religionsfreiheit nicht bedroht, so lange die religiöse Gemeinschaft, der man angehört, nicht verfolgt und mit Ausnahmegesetzen bedacht wird, schließt sich jeder Einzelne der Partei an, deren Programm ihm zusagt. Da wird man natürlich bei uns in Deutschland nur wenige oder gar keine Juden bei der Partei finden, zu deren Führern ein Stöcker gehört; Denn nur die dümmsten Kälber Wählen ihre Metzger selber. *) Deni sehr interessanten Merkchen: „Der ewige Jude", eine Ansprache an Viele, wenn nicht an Alle von Alwin Do l f e. Trier, Maas u. Comp., entnommen, ohne daß wir uns damit in allen Punkten als mit dem sehr geschätzten Verfasser einverstanden erklärt haben wollen. Diese Schrift sei hiermit als wirksames Mittel gegen die antisemitische Agitation bestens empfohlen. Cinzelpreis 30 Pfg., in Parthien billiger. Red. Auch zu den Parteien mit ausgesprochen-kirchlichen Tendenzen können sie nicht gehören, wobei natürlich eine Befreundung mit einzelnen Bestrebungen derselben nicht ausgeschlossen ist. Wie gegen jedes, religiöse Einrichtungen beengende Gesetz wird jeder denkende Jude sich gegen die Ausschließung der Jesuiten und der Orden aussprechen, deren die Kirche zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu bedürfen erklärt. Daß der verstorbene Abgeordnete Lasker gegen das Jesuiten-Expatriirungsgesetz gestimmt, will uns nicht allein eine Folge seines Liberalismus, sondern vor allem des Umstandes erscheinen, daß er Jude war. In England zählen die konservativen Tories nicht weniger Anhänger unter den Juden, als die Wighs. Sogar ein Unterstaatssekretär des jetzigen konservativen Ministeriums gehört zu dieser Glaubensgemeinschaft. Das läßt den Schluß frei: Wenn die Konservativen in Deutschland nicht die Judenhetze auf ihre Fahne geschrieben hätten, wenn sie nicht der Religion wegen uns die bürgerliche Gleichstellung verkümmern wollten, dann weiß ich nicht, ob nicht Gutzkow mit der Zeit Recht behielte. Er spricht nämlich irgendwo die Meinung aus, daß nach Erlangung der Emanzipation gar wenige Juden bei den Liberalen bleiben würden. Und in der That, es ist ein konservativer Zug in den Bekennern des Judenthums. Sie wissen — wie es die Leidensgeschichte dieser religiösen Gemeinschaft zeigt — treu auszuharren und fest an dem zu halten, was sie als echt und recht und gut erkannt haben. Warum also sollte ein solch' berechtigter und edler Konservatismus in politischen Dingen nicht viele jüdische Anhänger gewinnen? Bis jetzt freilich gehören die Juden, soweit sie überhaupt in Politik mitthun, zu den liberalen Parteien, mit welchen sie die Bande der Dankbarkeit verknüpfen. Wir wissen es Allen Dank, die für unsere gesetzliche Gleichstellung eingetreten sind, und wir freuen uns, daß, wie bei den Liberalen Forkenbeck, Gneist, Richter und Rickert, auch das Zentrum Männer, wie Windhorst und Reichensperg er zählt, die jederzeit ihre Stimme