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Der Israelit · 1891-03-05 · Heft 19 (5.3.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 19 (5.3.1891)
Date
1891-03-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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356 diese Anzeichen gehört die Thatsache, daß seit einigen Wochen durch Gemeindebeschluß täglich früh und spät in der Synagoge, die sonst die Woche über meistens leer stand, das Morgen- und Abendgebet mit Minjan verrichtet wird. Einzelne junge Leute, die aus religiösen Bedenken keinen Fuß in die Synagoge fetzen, haben sich zu einem Minjan vereinigt, und halten allsabbatlich gemeinsamen Gottesdienst. Ein Kuriosum, das aber schon einige Jahre alt ist, muß ich hier noch beifügen. Ein hiesiger Professor, der auf dem Katheder jede positive Religion und noch manches andere außerdem leugnet, hat in der Gemeindeversammlung darauf gedrungen, daß die Gemeinde eine allen zugängliche Sukko auf dem Synagogen-Hos aufschlage, und die Gemeinde hat es bewilligt. Ob der Beschluß noch vollzogen wurde, weiß ich nicht, da ich erst nach Sokkos hierherkam. Am meisten „fortgeschritten" ist unter allen jüdischen Gemeinden der Schweiz diejenige von St. Gallen. Hier zu Lande gibt es immer noch naive Leute, die >in Ermangelung wahrer Bildung und wirklichen Wissens in der Unreligiösität ihren „Fortschritt" erblicken. Was man sich von den Zuständen in St. Gallen erzählt, klingt geradezu märchenhaft. Wenn auch nur die Hälfte davon wahr ist, so kann St. Gallen noch mit der radicalsten deutschen Reformgemeinde erfolgreich concurriren. Und selbst dort fehlts nicht an Anzeichen, daß der Abfall von Gott und seinem Gesetze doch den Höhepunkt längst überschritten hat. Eine stattliche Anzahl von Gemeindemitgliedern, die weit davon entfernt sind, sich als orthodox zu geriren, hat sich dort zu einer Gesellschaft zusammengethan, um den schreiendsten Mißständen wenigstens entgegenzutreten. Sie haben einen enw und Lehrer engagirt, damit ihre Kinder wenigstens etwas Jüdisches lernen und damit sie doch ibo leben können. Ebenso haben sie einen Metzger engagirt, der an nnty sein Geschäft geschlossen hält und auch eine Restauration eröffnen wird, die allen Ansprüchen des Religionsgesetzes zu genügen bestrebt sein soll. Mögen die wackeren Männer das Ziel, welches sie sich gesetzt haben, in schönster Weise erreichen und möge ihnen Gottes Beistand dafür zur Seite stehen. Zum Schluß noch eine erfreuliche Nachricht aus dem benachbarten Kurort Baden. Ich hatte dieser Tage Jahrzeit, und da ich hier kein Minjan zusammen bekommen kann, so ging ich nach Baden, um mein Jahrzeit abzuhalten. Dieser Ort kommt einem wie eine Oase in der Wüste vor. Sie haben dort dieser Tage ein neues Bes Hamidrasch eingeweiht, in welchem täglich dreimal gebetet wird. Ich war freudig erstaunt daselbst dtd 4m und junge Geschäftsleute zu finden, die sich allabendlich! versammeln und gemeinsam -ns^n rnuo und '.n^ "jny zu lernen. Alle hängen mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit und Verehrung an den Lippen ihres N ab b i n e r s H er r n D r. Eh rm a n n, der hier eine Wirksamkeit entfaltet, die weit über die Grenzen seines Ortes hinausreicht. Ihm zur Seite steht derGemeindevorftand, dessen PräsidentHerrJ a c q u es Lang im Verein mit seinem Bruder das Lokal für ein amon rra zur Verfügung gestellt hat. Es existirt ein Verein in Baden unter dem Namen mn pwn man, der in diesem Beth Hamidrasch eingeborene junge Leute für den Beruf als Lehrer, min, crmw und Rabbiner vorbereiten will, damit die Schweiz für die Besetzung dieser Stellen nicht mehr wie bisher ausschließlich auf das Ausland angewiesen ist. Ein Verein junger Leute mp man ruiöNn hat die ganze Einrichtung des Beth-Hamidrasch übernommen, die, der kurzen Zeit seines Bestehens entsprechend, allerdings noch zu wünschen übrig läßt. Es fehlt besonders noch an d’-isd und bedarf es gewiß nur des Hinweises, um diesem Mangel abzuhelfen. Es müssen in der Schweiz aus der früheren besseren Zeit noch viele alte oncD vorhanden sein, die nicht benützt werden und daher vermodern. Hier wären sie gut angebracht. Wir wünschendem jungen Unternehmen, seinen Begründern und Förderern die schönste Verwirklichung aller Hoffnungen, die sich an diese Stätte der Thora knüpfen und leben der festen Ueberzeugung, daß die gute von Baden ausgehende Anregung nicht ohne günstigen Einfluß auf die ganze Schweiz bleiben wird. Feuilleton. Kohe Kreise. Novelle von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) „Ja, Papa," erwiderte das junge Mädchen, „Großpapa trieb mich fort, sonst hätte ich ihm noch länger Gesellschaft geleistet." „Und wird Großpapa nicht auch kommen?" fragte leise die Mutter. „Ich glaube nicht", antwortete ebenso leise das Mädchen; „er will sich nicht ärgern, sagte er, und deßhalb wird er wohl nicht kommen." Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich der Brust der Mutter. Sie halte das Erscheinen ihres Schwiegervaters gefürchtet; denn der Herr Levi senior war noch einer vom alten Schlage. Er hatte sich in seiner Jugend sehr quälen müssen. Er halte das Weberhandwerk erlernt und als Geselle ganz Deutschland, Frankreich und Italien zu Fuß durch-

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