Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1891)
- Date
- 1891-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448142--31718-2479532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
355 gemacht hat. Das hörten wir ja jüngst in der Tonhalle. Was die Antisemiten in der kleinen Ortschaft Mackronftädt wollten, das kann Referent nicht wissen. Muß cs aber nicht ein tiefbeleidigendes Gefühl für 3—4 Israeliten sein, wenn in der Stadt, wo sie Wohnsitz genommen, eine so lebhafte Judenhetze betrieben wird? Das läßt tiefblickcn! In M. muß es einzelne gewichtige Beamte geben, die der antisemitischen Sache nahe stehen l K. W. Aus Baden. Es ist erfreulich zu sehen, wie unsere Glaubensgenossen selbst in den entferntesten Ländern sich zu bedeutenden Stellen emporarbeiten und wie ihre tüchtigen Leistungen auch von den höchsten Stellen Anerkennung finden. So hat Sr. Kgl. Hoheit der Großherzog von Baden dem Julius Neu mann von Mannheim die Erlaubniß ertheilt, den ihm als stellvertretender Zolldirector in Kiungtschau in China vom Kaiser von Anam verliehene Osfizicrsorden des anamitischen Dracheuordens anzunehmen und zu tragen. Aus dem Wahlkreise Ansdach-Schwabach, im Februar. Im Lager des Kartells ist ein offener Zwist ausgebrochen. Herr Tröltsch, der von den Nationalliberalen, Konservativen u. s. w. Gewählte, hat den Aufruf des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus unterzeichnet und dadurch den Zorn seiner bisherigen Gönner im konservativen Lager heraufbeschworen, deren Organ, die „Südd. Landpost", ihn folgendermaßen anläßt: „Wer nur noch etwas christliches Bewußtsein hat, wer sein Vaterland wirklich liebt, wer das monarchische Regiment im deutschen Reich vertheidigt, der kann Dem kein Vertrauen entgegenbringen, der diesem Verein angehört. Wer noch ein bischen Muth hat, muß diesen Vorstoß der aus christlichen Deutschen bestehenden jüdischen Schutztruppcn nicht nur zurückweisen, er muß selbst zum Angriff übergehen, er muß dem Juden-Vertheidigcr Trölsch sein Vertrauen entziehen. Insbesondere die konservativen Wähler, welche sich bei der Reichstagswahl (Stichwahl) so viele Mühe gegeben, welche allein durch ihr geschloffenes Auftreten ihm zum Siege verholfeu haben, können jetzt ersehen, daß es ziemlich einerlei ist, ob man einen Demokraten oder einen Nationalliberalen wählt." Die Herrn Tröllsch politisch Näherstehenden schweigen sich bisher aus. O e ft e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 25. Februar. Nachdem gestern in Wien die Konstituirung der Zwölf Millionen-Stiftung des Baron Hirsch zur Erziehung der israelitischen sowohl wie auch der christlichen Jugend in Galizien vollzogen worden ist, soll nunmehr auch eine Stiftung in gleicher Höhe in Russisch-Polen ins Leben treten. Die diesbezüglichen Verhandlungen mit der russischen Regierung sind bereits angeknüpft, i Schweiz. Zürich. Wenn ich meinem Versprechen Ihnen von hier Berichte über Juden und Judenthum in der Schweiz zu schicken, erst heute Nachkomme, so darf ich wohl auf Ihre gütige Nachsicht rechnen. Aber da die Osterferien vor der Thüre stehen, mit welchen ich den hiesigen Ort auf längere Zeit verlasse, will ich doch nicht länger zögern. Es wäre mir in den ersten Monaten meines hiesigen Aufenthalts auch beim besten Willen nicht möglich gewesen, Ihnen auch nur über das hiesige jüdische Leben, geschweige denn über das in der gesammten Schweiz berichten zu können. Jüdisches Leben in dem Sinne, in welchem cs gewöhnlich verstanden wird, exiftirt hier gar nicht. Daß an der Universität und dem Polytechnikum so und so viele jüdische Professoren, viertel, halb und ganz getaufte, lehren, hat mit dem jüdischen Leben Zürichs sehr wenig resp. gar nichts zu thun. Ein jüdisches Gemeindeleben exiftirt hier nicht. Die Synagoge kann man nicht besuchen, denn sie ist durch Nachäffung nichtjüdischer Cultuseinrichtungen profanisirt, und ihr Betreten daher religionsgesctzlich untersagt. Es wurde zudem noch am Sabbat an ihr gebaut, und ihre Benützung ist schon deßhalb verboten. DieSchechita und der Fleischverkauf sind ohne jede Aufsicht und würde der hiesige Restaurateur sein Fleisch nicht aus B a d c n bei Zürich beziehen, so könnte man hier nicht einmal koscher essen. Die Restauration selbst untersteht gar keine Eontrolle. Durch die Mißstände in Rußland haben sich seit einer Reihe von Jahren viele russ. Juden hier angesiedelt, sowohl unter den Studenten als unter der handeltreibenden Welt. Die große Mehrheit dieser Eingewanderten zeichnet sich nicht zu ihrem Bortheil aus. Sie sind fast ausnahmslos rührig und thätig, um sich eine Existenz zu ermöglichen, aber sie bewähren sich nicht als religiöse Juden, entweihen zum größten Theil den Sabbat, verletzen die Gesetze über Speise und Trank und setzen sich über viele andere Hauptpunkte des jüdischen Lebens scrupellos hinweg. Die meisten haben einen schweren Kampf um das bloße Dasein zu kämpfen, auch die besseren unter ihnen gehen in Gruppen und Parthien auseinander, die sich gegenseitig bekämpfen und so nicht gemeinsam wirken. — Sie bilden eine Welt für sich und haben nur wenige Beziehungen mit der jüdischen Gemeinde und ihren Mitgliedern. So traurig cs nun auch bei letzteren mit dem religiösen Moment bestellt ist, so fehlt es doch nicht an Anzeichen, die auf eine Wendung zum Besseren deuten. Dieselben sind unscheinbar und vereinzelt, wie die ersten Veilchen, welche die Schneedecke durchbrechen, die aber deßhalb doch die untrüglichen Vorboten des Frühlings sind. — Unter