Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1891)
- Date
- 1891-03-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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357 wandert und war dabei — Jude geblieben. Er konnte es deßhalb auch der jetzigen Generation nicht verzeihen, daß sie es so leicht nahm mit der Religion und die Speisegesetze und den Sabbat bei der ersten Gelegenheit über Bord warf. Nicht, daß sich die Commerzienräthin des alten, einfachen Mannes geschämt hätte — dazu besaß sie ein viel zu gutes Herz, aber sie fürchtete seine derbe Offenheit und seinen beißenden Spott, die wohl dem Familienkreis anbequemt werden mochten, nie aber zum glatten Parketdoden des Salons paßten. Darum war sie froh, als ihr die Tochter den Entschluß des alten Mannes, dem Feste fern zu bleiben, mittheilte. Aehnlich erging es dem Herrn Commerzienrath; er liebte seinen Vater wie jeder andere gute Sohn auch und that alles, um den Lebensabend des alten Mannes zu verschönen. Nicht um alles hätte er den Vater absichtlich vom Feste fern gehalten, aber jetzt, da dieser von selbst fern blieb, war es auch ihm lieber. Die einzige, die darob schmollte, war Bella, die achtzehnjährige Enkelin, die mit schwärmerischer Liebe und abgöttischer Verehrung an ihrem Großvater hing und erst auf dessen ausdrücklichen Wunsch erschienen war, nachdem sie ihm zuvor ein Stündchen Gesellschaft geleistet hatte. Daß sie durch ihr Erscheinen ein junges Menschenherz beglückt hatte, wirst Du, schöne Leserin, oder werther Leser, schon errathen haben. Daß dieses Herz dasjenige des Herrn Arthur war und daß die Eltern Bella's keineswegs eine arthurdeglückende Absicht hinsichtlich ihrer Hand hegten, dürfen wir Dir gerne verrathen. Arthur wartete eine Weile und hoffte, daß Bella wiederkommen und mit ihm den Gang durch den Saal beenden würde. Das lag aber gar nicht in der Absicht der Mutter. Sie nahm Bella's Arm und führte dieselbe einer älteren Dame zu, die von jungen Mädchen umgeben, auf einem Fauteuil Platz genommen hatte. „Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen meine Tochter Bella zuführe?" sprach sie, das junge Mädchen vorstellend. „Frau Baronin von Greif will die außerordentliche Liebenswürdigkeit haben, Dich den jungen Damen ihrer Bekanntschaft vorzustellen." „Gewiß, gerne, Frau Commerzienräthin; nur bitte ich, einen Augenblick zu verzeihen; ich stehe sogleich zu ihrer Verfügung," und sich zu Bella wendend, „einen Augenblick, mein Kind", fuhr sie in ihrer Conversation mit einer kleinen, buckeligen Gräfin weiter, ohne sich fürs erste um Bella und ihre Mutter zu kümmern. Bella biß sich ob dieser Ungezogenheit auf die Lippen; die Mama wollte geduldig warten, bis die Baronin Zeit für sie habe, so daß die jungen Mädchen, die alles mitangehört hatten, anfingen zu kichern. Das war für Bella zu viel. Sie wandte sich an den Kreis der jungen Damen und sprach: „Meine Damen, ich bin die Tochter des Hauses, Bella Levi und bedarf wohl nicht erst des Schutzes der Frau Baronin Greif, die, wie es scheint, Wichtigeres zu verhandeln hat, als der Bitte meiner Mutter Folge zu geben. Darf ich Sie bitten, mich als ein junges Mädchen zu betrachten, das Ihnen den Aufenthalt im Hause seiner Eltern angenehm machen möchte, daß Sie gerne an den heutigen Abend zurückdenken werden." Sie reichte den Damen nacheinander die Hand und so erschien diese unerquickliche Scene beendet. Arthur hatte Bella nicht aus den Augen gelassen; cr war Zeuge dieser ostentativen Beschämung gewesen und kochte vor Zorn. Fast war er nahe daran, der Baronin Greif, deren imitirte Brillanten noch nicht bezahlt waren, eine Lection zu geben, aber seine Vernunft hielt ihn von einem solchen Schritte zurück. „Sich im eigenen Hause so etwas bieten lassen zu müssen," brummte er durch die Zähne, „ist mehr, als ein ehrlicher Mann vertragen kann. Das kommt aber davon, wenn die Juden sich in die sogenannten aristokratischen Kreise eindrängen; sie ernten dadurch nur Beschämung. Man nimmt sie dort doch nicht auf, sondern duldet sie nur, wenn man nicht anders kann. Das Geld und den Credit des Juden, seine Gastfreundschaft und seine Gefälligkeit konnte man bis aufs Aeußerste in diesen Kreisen gebrauchen und gebrauchte ihn auch, und — es ist schändlich, schändlich. Und doch, haben Jene nicht Recht? Warum besitzt der Jude nicht mehr Stolz, nicht mehr Ehrgefühl? Warum äfft er Jenen alles nach? Wahrlich, der alte Herr hatte Recht, daß er der ganzen Sippschaft fern blieb. Ich will mich auch entfernen", und er suchte unbemerkt den Ausgang zu gewinnen. Ehe er jedoch seinen Vorsatz ansführen konnte, wurde er von einem Bekannten angesprochen. „Nun, Dr., wie gehts, wie amüsirest Du Dich?" „Vortrefflich; und Du?" „Wie man es will. Warst Du schon in einem Terrarium?" „Komische Frage", sprach Arthur lachend; „nein." „Nun dann kannst Du nicht empfinden, was ich empfinde. In einem Terrarium," fuhr er dozirend fort, „befinden sich neben den schönsten Schmetterlingen die giftigsten Jnsecten und das scheußlichste Gewürm. Du mußt Dich in Acht nehmen, daß keines der Insekten Dich steche und vergifte, Du darfst das ekelhafte Gewürm nicht zer-