Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1891)
- Date
- 1891-03-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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354 Wenn der Dichter den einzelnen Confessionen gleichsam zuruft: „Halte jeder seinen Ring, den ächten:" so meint er damit sicherlich nicht, daß man sich darob gegenseitig zerfleischen und in bittrem Kampfe befehden soll; denn solches widerspricht dem Geiste des Christentums. Das aber sind die Worte, welche aus seinem liebestarken Herzen kommen: „Erstickt die Flamme der Zwietracht und setzt Werke selbstaufopfernder Nächstenliebe an deren Stelle!" Und ich betone, wenn er heute lebte und Zeuge wäre, wie man die Glaubensgenossen dieses seines edlen Nathan in wahnsinniger Wut und mit giftigem Hassen verfolgte, er würde seine Stimme lauter erheben und seinen Mahnruf zur Eintracht, zum herzinnigen Vereine eindringlicher ergehen lassen." 8. Frankfurt a. M. Wir haben bereits vor längerer Zeit auf die Herausgabe eines Werkes des hiesigen wohlbekannten Privatgelehrten, Rabbi Heschil Schar ff '"J ,“vsp rpBD'n^mw mo, aufmerksam gemacht, das geradezu frappante Aufschlüsse über schwierige, die Chronologie betreffende Stellen im Talmud enthält. Besagter Gelehrter ist eine hervorragende Autorität auf diesem Gebiete, und es ist für die Wissenschaft zu bedauern, daß derselbe aus Mangel an Mitteln das angefangene Werk nicht fortsctzen konnte. Wenn sich einige Gönner der jüd. Wissenschaft finden und die Empfänger der ersten Bogen dieselben nicht als Probebogen ansehen würden, wie es den Anschein hatte, sondern im Hinblick auf die Fortsetzung zu einer Pränumeration sich entschließen könnten, so würde eine Fortsetzung statifinden, die den Zeichnern, resp. Zahlern, unverzüglich nach der Drucklegung zugestellt werden würde. Um jedoch eine Vorstellung von dem zu geben, was bei Fortsetzung des Werkes zu erwarten sei, wird Herr Scharff, Sonntag 15. März (5. Adar scheni) einen Vortrag, von dem er eine Inhaltsübersicht bekannt gegeben, hier im Lokal der Jsr. Religionsschule (Hermesweg) halten. Die Inhaltsübersicht verspricht hoch Interessantes, dessen piöce de resislance sicherlich der Nachweis der a-n nsipn ran« 13 nin, auf welcher seit fast 1400 Jahren unser gegenwärtiger Kalender beruht, ans dem Talmud sein wird. Bekanntlich wird allgemein von derselben gesprochen, Maimonides erwähnt dieselbe als Lehrsatz „eines Gelehrten", im Talmud selbst konnte man den Ausspruch R. Ada's bis jetzt noch nicht entdecken; die sogenannte Boraitha d' R. A. b. A. wird im Talmud nicht erwähnt. Verrathen dürfen wir von einer andern Nummer dieses Programms, daß die Schwierigkeit, wonach Moses an seinem Geburtstage, der zugleich derselbe Wochentag der Geburt gewesen sein soll, gestorben sei, da nach 120 Jahren das gleiche Datum nicht auf denselben ' Wochentag fallen könne, recht geistvoll gelöst werden wird. Wir machen daher auf diesen Vortrag besonders aufmerksam; hoffentlich wird dies dem Verf. viele Freunde seines Werkes eintragen. Leipzig, 1. März. Eine vollständige Niederlage erlitten die Antisemiten in Markranstädt, wo in der guten Quelle „der Theodor Fritsch aus Leipzig über Antisemitismus und soziale Frage" sprechen wollte. Es waren ungefähr 130 Personen erschienen und zwar zumeist Sozialdemokraten. Da die Antisemiten angeblich für ihre großen Spesen nichts umsomst machen, betrug das Eintrittsgeld 15—20 Pfg. Herr Gustav Uhl, seit einiger Zeit Wortführer und Anführer der deutsch-sozialen Partei, eröffnete die Versammluug. Darauf sprach Fritsch in einer Stunde die ganzen antisemitischen Sachen vor. Rothschilds Vermögen, sowie das ganze jüdische Großkapital sauge alle Mittel auf. Die Ehrenmänner der Börse seien nur Juden; auch die Verdienste Stöckers erwähnte der Redner. Ueber Talmud, Schulchan-Aruch und die Kabala. sowie über die Verjudung des deutschen Theaters und der deutschen Presse referirte Fritsch mit Pathos. Als er endlich geendet, war Herr Uhl der Einzige, welcher Beifall spendete, sonst aber rührte sich keine Hand! In der hierauf ftattfindenden Diskussion ergriff HerrBüggel das Wort und schimpfte ein bischen auf die Juden. Der Sozialdemokrat Fell beleuchtete die einseitige Kampfeswcise der Antisemiten, die nur gegen die Juden kämpften, weil dies eine bedenkliche persönliche Ursache haben müsse! Herr Fell behauptete übrigens noch, daß Herr Fritsch als echter Deutscher nicht einmal blaue Augen und blonde Haare habe. Diese Erklärung erweckte stürmische Heiterkeit. Fritsch versuchte nun abzuwehren, aber mit der Ruhe war es aus, denn ein Herr Reuter erzählte, wie theilnahmlos Christen gewesen, als er Unglück gehabt — und wie hilfebereit ein Jude sich seiner erbarmt. Daher müsse er das Wort „Antisemit" verwerfen. Als aus der Mitte der Versammlung die vernehmbare Bemerkung gemacht wurde, der: L. T. A. lüge, ergriff Herr Uhl das Wort und betonte: Wer ihm im: L. T. A. nur eine bewußte Lüge Nachweisen könne, der solle 1000 Thal er haben. Als die Sozialdemokraten hörten, wie viel Geld Herr Uhl und seine Partei habe, verließen sie schleunigst unter Absingen ihrer Marseillaise t as Lokal. Herr Fritsch schloß dann die Versammlung mit einem Hoch auf Kaiser und König, in das der kleine Rest der Versammlung einstimmte. Nun endlich begann Herr Uhl mit seiner reizenden Tcnorstmme das Lied: Deutschland, Deutschland u. s. w. anzustimmen. Herr Uhl ist Chorführer des antisemitischeu Gesang- Vereins: „Fidelio" und Sprachlehrer der „deutschsozialen Reduerschule", die auch Herr Lucko durch-