Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1891)
- Date
- 1891-03-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mann aus der Welt und hinterließe das reichste Vermächtniß seinen Kindern. Und ebenso umgekehrt, spricht mit unerbittlicher Konsequenz diese Schätzungslehre: Hätte ein mit Gütern, materiellen wie geistigen, reich Begabter viel, im Vergleiche mit dem Vorigen sogar sehr viel geleistet, dieses Viele aber bildete nur einen kleinen Bruchtheil von demjenigen, was er bei seinen Mitteln, seiner Begabung, seiner Stellung hätte leisten und wirken können — möchte er auch von den Menschen mit Ehre und Auszeichnung überhäuft werden, seinen halben Schekel hätte er vor Gott zur Wahrheit nicht gemacht.— Das ist das Hochgefühl, das ist das Bewußtsein des von keiner äußeren Lebens- und Geschickesstellung abhängigen Werthes der eigenen Persönlichkeit, mit dem alljährlich im jüdischen Kreise Paraschath Schekalim einen Jedem von neuem durchdringen will, aufrichtend und stärkend den Armen und Minderbegabten, mahnend und spornend den Reichen und Hochbegabten. Das ist das Hochgefühl, das uns Alle in Wahrheit zu einem Volk von Brüdern weihend hebt: Alle zur höchsten Lebensleistung berufen, Alle zum höchsten Lebensglücke befähigt, zu jenem Glücke, das dem Bewußtsein voll und rein erfüllter Lebenspflicht entquillt, in gleichem Werthe Alle vor ihrem ewigen Lebenshirten, und ihrer Aller Lebensinhalt: 'ib ,¥n orß!- Sind das Gedanken, sind das Lebens- und Weltanschauungen, so fragen wir wieder, die den Vergleich mit dem sittlichen Bewußtsein irgend eines Culturvolkes des seiner Neige sich zuwendenden Jahrhunderts zu scheuen hätten oder bet diesem Vergleiche ihres idealen Characters entkleidet würden? Sind wir nicht vielmehr so glücklich, in dem Verftändniß und in der Anerkennung, ans welche diese Anschauungen in weiten Kreisen unserer nichtjüdischen Brüder doch auch bereits rechnen dürfen, in dem mächtigen Wiederhall, den diese Klänge der vom Alten Testamente gelehrten Lebensharmonie in ihren Herzen wecken, nur das beginnende Aufgehen der Lichtsaat begrüßen zu dürfen, deren Träger zu sein den weltgeschichtlichen Beruf des Juden bildet, und zu deren Höhe uns der mn "py, wie der jüdische Dichter sie nennt, die in Paraschath Schekalim verkündete Schätzungslehre uns alljährlich von Neuem erheben will, um uns verjüngt und gestärkt mit frohem Lebensmuthe dem Feste unserer Erlösung entgegenzuführen? (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und CorrespoudenzeN. Deutschland. Mainz, 4. März. Unserer heutigen Nummer liegt das erste „vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus" herausgegebene Flugblatt bei, und hoffen wir, daß unsere geehrten Leser die Verbreitung desselben da, wo es Noth thut, sich angelegen sein lassen. Dem Verein sind bis jetzt, wie wir bereits berichtet haben, 2000 Mitglieder von verschiedenen Parteien und religiösen Bekenntnissen in dem Bureau desselben angemeldet. Die vielen dort eingegangenen Zuschriften beweisen, daß die Bestrebungen des Vereins sich der Zustimmung weiter Kreise zu erfreuen haben. Unter den neu beigctretencn Mitgliedern befinden sich hochangesehene Männer der Wissenschaft und Praxis, höhere Verwaltungsbeamte, Gerichtsp! äsidenten,Geistliche, Leiter von größeren Communal-Verwaltungen. Eine größere Anzahl von Mitgliederlisten circuliren, wie aus verschiedenen Bezirken mitgetheilt wird, gegenwärtig noch. Die von verschiedenen Seiten gestellten Anfragen, ob auch die jüdischen Mitbürger dem Verein beitreten könnten, wird in dem neuesten Rundschreiben des Vereins bejaht mit dem Bemerken: „Es ist nicht abzusehen, weßhalb dieselben nicht mit uns gemeinschaftlich für die Zwecke unseres Vereins thätig sein sollten." Ferner wird daraus aufmerksam gemacht, daß in dem Statut die Höhe des Beitrages jedem Mitgliede zu bestimmen überlassen wird. Worms. In der Weise, in welcher man bestrebt war, den Antisemitismus nach Hessen zu verpflanzen, in derselben Weise regt sich's jetzt auf allen Gebieten, dieser Giftpflanze den Boden zu entziehen. Wie Director Fiedler in Darmstadt, so hielt in voriger Woche ein katholischer jüngerer Lehrer im hiesigen sehr stark besuchten Bezirkslehrerverein einen Vortrag über das Thema: „Unsere Nationalliteratur als Ausdruck deutscher Sitte und Gesinnung." Der mit sehr großem Beifall aufgenommene Vortrag enthielt einen Passus, der werth ist, daß er in Ihrem gesch. Blatte einen Platz finde. Die Stelle lautete: „Als sich aber auch bei uns in Deutschland diese Verstandesaufklärung Bahn brach, gab man, bezeichnend genug für unser Volk, unter den dichterischen Erzeugnissen Lessings „Nathan der Weise" den Vorzug, weil durch ihn eine religiöse Idee zum Ausdruck kam. Scheint Lessing in seinem Nathan dem Christentum auch nicht vollends gerecht geworden zu sein, so predigt doch gerade er die in unseren Tagen so dringend gebotene Toleranz. jL