Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1891)
- Date
- 1891-03-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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341 Vermischtes. Worms. Am vergangenen Sonntage bewegte sich ein unendlich großer Leichenzug nach dem jüdischen Friedhofe, um hier die sterblichen Ueberreste des nach mehrmonatlichcm schweren Leiden verstorbenen Cantors Reimund Jsaac dem Schoße der Erde zu übergeben. Der ungemein große Leicheucondnkt, sowie der tiefe Ernst, der sich auf allen Gesichtern lagerte, waren beredtes Zeugniß, daß man einem Manne die letzte Ehre erweise, der im Leben durch sein Wirken die Linie des Alltäglichen um Bedeutendes überschritten haben müsse. I. war im Jahre 1827 in Wollenbcrg (Gr. Baden) geboren. Nachdem er sich für das Lebrfach vorbereitet, besuchte er das Seminar zu Karlsruhe. Seine erste Anstellung war zu Mingolsheim bei Bruchsal. Von hier aus übernahm er eine Religionslchrcrstelle im hiesigen Kreise und übersiedelte dann im Jahre 1857 hierher, um seinen spätern Schwiegervater im Amte zu unterstützen. Nach dessen Tod wurde ihm die Stelle eines 2. Kantors und Schochet übertragen, welche Stellen er bis zum vorigen Jahre bekleidete, wo alsdann der Vorstand die Schechitah seinem Schwiegersöhne übertrug, während er das Amt eines Cantors noch selbst verwaltete. Wie sehr freute man sich, daß dem gewissenhaften Mann jetzt der schwere Beruf der Schechitah abgenommen und er jetzt mit Ruhe den Abend seines Lebens verbringen könne; aber die Worte der heiligen Schrift: ins 'd nroo n*vi hatte für ihn keine Bedeutung. Der Keim der Krankheit war schon zu stark in ihm entwickelt. Trotzdem sahen wir ihn Morgens und Abends am Vorbetcrpnlte, um hier seines Amtes zu walten, bis ihn die Krankheit so heftig ergriff, daß er 2 Monate lang das Zimmer und Bett hüten mußte, bis ihn am vergangenen Freitag ein sanfter Tod von seinem Leiden erlöste. Dem Schmerz über den Verlust eines solch gewissenhaften Beamten gab denn auch Herr Rabbiner Dr. Stein in bewegten Worten Ausdruck, indem er den Verstorbenen in seiner Gewissenhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit schilderte. Ergreifend war, was der Redner über seine Leistungen als Cantor sprach. Wie er durch die uralten traditionellen Melodieen an den r» die Gottesbesnchcr zur Andacht stimmte und wie selbst bei seinen Funktionen an den Werktagen ntüjh wd'n auf ihm lag. Wer in solcher Weise seine Pflichten erfüllt hat, der stirbt nicht; er lebt fort nicht nur in den Herzen der Seinen, sondern auch in denen der ganzen Gemeinde. (Rdsch.) Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samucly. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. „Unsere Sache nahm einen sehr glücklichen Verlauf," fuhr der Blinde in seiner Erzählung fort. „Die Assentirungscommission erklärte den Supplenten für tauglich, seine Papiere befanden sich in guter Ordnung — er wurde angenommen. Die hundertfünfzig Gulden, die wir dem Auslöser als Kaufschilllng zu geben hatten, bereiteten uns allerdings nicht geringe Verlegenheit, aber wir machten Alles zu Geld. Wir lösten das Cassabüchel, welches die Ersparnisse unserer Kinder enthielt, ein, meine Frau gab ihre Habseligkeiten in Versatz; die Summe war endlich aufgebracht. Erst jetzt konnten wir unserem Jankele die glückliche Wendung der Dinge mittheilen. Im ersten Augenblick verwirrte es ihn so sehr, daß er sich weigerte, sein Versteck zu verlassen, aber wir brachten ihn doch bald zur Ucberzeugung, daß alle Gefahr vorüber sei. Im vollen Tageslichte standen unsere Kinder sich gegenüber. Aber wie mußte ihr Herz schmerzhaft zusammenzucken, als sie einander ansahen; sie waren beide so bleich, so abgehärmt, daß sie sich kanm erkannten. Doch ist nicht Jankele wieder frei? Ist es ihm nicht jetzt vergönnt, ungestört bei seiner Rachele zu bleiben? Die verlorenen Kräfte werden schon wieder zurückkammen. So verflossen vier Wochen in sorgloser Ruhe, in stillem Familienglück. Mittlerweile wurde die Treibjagd auf die armen Oofer immer toller und unbarmherziger. Die Zeit der Einberufung rückte heran. Wie besessen rannten die Häscher in den Gassen umher, überfielen jede halbe Stunde ein anderes Haus, und aus demselben drangen Jammerschrci und Verzweiflungsrufe hervor. Alle diese Schreckensscenen jedoch erhöhten nur unser Glück, daß unser einziges Kind frei, erlöst, daß es uns nicht entrissen wurde. Da geschah es einmal mitten in der Nacht, daß ich von einem ungeheuren Lärm aus dem Schlafe geweckt wurde. Ich fuhr empor und lauschte. Der Lärm war in unserer Nähe. Mehrere Kolbenstöße — ich hörte es jetzt deutlich — wurden gegen das Thor des Hauses geführt. Dieselben verdoppelten sich mit immer größerer Heftigkeit und waren bald von dem wirren Rufe begleitet: „He, öffnen, öffnen!" Sofort erkannte ich die Häscher; aber nur einen Augenblick trieb mir das den Schrecken in die Glieder. Ich überlegte bald, daß ich im