Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1891)
- Date
- 1891-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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336 bens hergestcllt wird. Die Macht, welche der Stärkere über den Schwachen übt, der Gelehrte über den weniger Begabten, der Reiche über den Unbemittelten, haben zu jeder Zeit die Leidenschaften der Ruhm- und Ehrsucht, des Neides und der Eifersucht erregt, und nicht selten hat der Stolz des Mächtigen dazu beigetragen, das Leiden der Schwächer» unerträglich zu machen. Die meisten Kämpfe innerhalb der menschlichen Gesellschaft werden durch das Auflehnen der niedrig Stehenden gegen die Höheren, der minder Begabten gegen die sie beherrschenden Klugen hervorgernfen und von jeher waren es immer die Schwächeren, welche mit ihren Leideusgenosscn sich zu verbinden suchten, um durch vereinte Kräfte sich geschlossen den Kämpfen der Mächtigen gegenüberzustellen. Das Leben in Gemeinschaft vermindert nicht die Leidenschaften der Ruhmbegier, des Ehrgeizes und der Eifersucht, sondern es vermehrt sie, oft werden gerade erst durch den Wettstreit, den das Leben in Gemeinschaft verlangt, diese Leidenschaften geweckt. Nttnj din iw o’pns v« nwpn rva rara Aber diese bösen Triebe sind, nach der Lehre, unserer Weisen, wie die Hefe im Teig, sie fördern das Wohlsein der Welt, sind die wesentlichen Faktoren ihrer Entwicklung ftt Yv uw). Diese Entwicklung der Welt aber strebt hin zu dem sittlichen Endziel, welches wir in der Liebe, in der Gotteserkenntniß erblicken. Heute noch sind die vorerwähnten Leidenschaften die Kinder des Egoismus und streben lediglich nach dem Wohle des Einzelwesens, sind als solche also die Gegenseite der allumfassenden, von allen gehegten und von allen empfangenen Liebe. Diese Leidenschaften in den Dienst der Liebe zu stellen, sei unser nächster Zweck, so werden wir auf einen Weg geführt werden, dessen Endziel die Gotteserkenntnis! ist. Jeder strebt nach seinem Wohle; dieses Wohlsein nicht im behaglichen Dahinleben der Sonderexistenz zu finden, sondern in dem Wohle der Allgemeinheit, das ist der erste Schritt zur Gotteserkenntniß. Der Schwache wird von dem Starken erhoben werden, der Reiche zum Armen niedersteigen und alle werden sich einen durch die Macht der Liebe, die ihren Ausdruck findet in der Wohlthätigkeit. Dann wird der Reiche npns üben, so wie die mm solche in mannigfacher Weise vorschretbt, den Bedürftigen kräftigen, noch bevor er gefallen, das Geschäft des Kaufmannes heben durch zinslose Anleihen, den Schmerz der Leidenden und Altersschwachen durch liebevolles Entgegenkommen zu lindern. ncQi Dptyn r.pYin rnnjn D’fcp npY:n nwy» 'tu Die Werke der Wohlthätigkeit werden zum Frieden führen und ihr Walten wird immer Ruhe und Sicherheit gewähren. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. Die soziale Frage im Judenthum von Dr. Adolf Kurrein, Rabbiuer inTeplitz (Böhmen). Mühlheim a. Rh. 1890. Ein Wort zur rechten Zeit, ist der ganze Inhalt des genannten Merkchens, das wir in der gegenwärtig so üppig blühenden Hetzperiode allen Freunden der Wahrheit und denen, die es werden wollen, angelegentlichst empfehlen. Alle die ein Interesse daran haben, unsere christlichen Brüder von denk antisemitischen Bann zu befreien, sollten die Schrift lesen und ihren Mitbürgern zur Verfügung stellen. Unsere Glaubensgenossen leben in dem — allerdings verzeihlichen — Wahne, daß ihr gutes Recht von selbst zum Siege gelangen müsse und legen demgemäß ihre Hände in den Schooß. Wir würden ihnen diese süße Ruhe von Herzen gönnen, auch gerne allein die Waffen führen, doch das wäre eine verderbliche Beeinträchtigung unserer heiliger! Sache. Da jedoch nicht Jedermann befähigt ist durch die Gewalt der Rede auf das Gemnth der Schwankenden zu wirken, so ist es Pflicht sich ans andere Weise nützlich zu machen. Das genannte Büchlein, das die soziale Frage im Judenthum nach biblischen und talmubischen Quellen mit einer vorzüglichen Gründlichkeit erörtert, sei für den Zweck der weitesten Verbreitung hiermit bestens empfohlen. Es wäre ein erstrebcnswerthes Ziel unserer Mäcene dieser gediegenen Arbeit in christlichen Kreisen Eingang zu verschaffen. Der Verfasser gibt in klarer und faßlicher Darstellung beherzigenswerte Winke, wie die schäumenden Wogen, die sich immer gefahrdrohender innerhalb der modernen Gesellschaft aufthnrmen, zu glätten wären. Kämen die Anschauungen der jüdischen Lehre über Armuth, Rcichtbum und Wohlthätigkeit zur Geltung, dann würde die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager verschwinden. Wie wenige wissen es, daß die jüdische Lehre den Zustand des möglichst gleichen Besitzes, der möglichst gerechten Verthulnng der Güter und der geringen Gegensätze von Reichthum und Armuth anbahnt. Wir empfehlen ihnen eine Lektüre der Kapitel „der Reichthunt" und „die Armnth" unseres Schriftchens und versprechen ihnen so manch angenehme Ueberraschungcn. Nicht minder lesenswerth ist das Kapitel „Wohlthätigkeit", das uns einen tiefen