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Der Israelit · 1891-02-26 · Heft 17 (26.2.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 17 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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325 muß es brechen bei dem Gedanken, so viel Kummer zu verursachen. Freilich geben wir uns Mühe, die frommen Kinder der Gemeinde aus schlechten Händen zu retten, aber auch die Schlechten und Gemeinen, die wir für den Militärdienst bestimmen mußten, sind ja auch jüdische Kinder, und jeder Seufzer, den sie ausstoßen, zerreißt mir das Herz. Doch was ist zu thun? Das vorgeschriebene Contigent muß geliefert werden. O, glaubt mir, es ist 'ne harte Sache, Regierer zu sein." „Was mein armes Vaterherz dabei litt, als ich solche Worte hörte, weiß nur Gott. Mein Kind, mein Jankele, der immer in den Wegen Gottes wandelte, der ein echtes jüdisches Herz voll Güte und Milde hatte, der an keinem Tage verfehlte, früh und abends andachtsvoll sein Gebet zu verrichten, und der nur den einzigen Fehler hatte, daß er ein armer Handwerker war, daß er sich und seine Frau redlich von seiner Hände Arbeit ernährte, er war ein „Schlechter und Gemeiner". O, guter Gott, und Du hörst es an! Ich glaubte, daß ich mich in Thränen auflösen mußte. Mein sorgenschweres Haupt auf den Arm gestützt, so blieb ich — wie lange, weiß ich selber nicht mehr — in dumpfer Betäubung sitzen und erwachte erst, als ich eine Hand fühlte, die sich auf meine Schulter legte. Wie aus einem Traume fuhr ich empor. Vor mir stand der rothe Wölwele. das Haupt tiefgebückt. Mit einem Gefühl des Abscheues schüttelte ich seine Hand von mir, als hätte mich eine Giftotter gestochen. „Was wollen Sie! Was wollen Sie!" stieß ich mit einem heiseren Aufschrei hervor. „Ich fühle Ihren Schmerz, ich kenne ihn", fing er mit gleißnerischer Stimme an. „Und das macht Ihrem Herzen Freude, nicht?" „Aufregung führt zu Jrrthum, sagen unsere Weisen", erwiederte er. „Ich bin Ihr Freund!" „Sie mein Freund!" lachte ich krampfhaft. „Lachen Sie nicht, ich will Ihnen helfen!" „Sie mir helfen?" Ich sah ihn mit durchdringenden Blicken au. „Ja, ich werde Ihnen helfen," sagte er, meinen Blick aushaltend, „nach allen Kräften helfen. Wenn Ihr Kind für's Militär bestimmt wurde, bin ich am wenigsten Schuld daran. Sie dürfen ja nicht vergessen, daß ich nicht der einzige Regierer bin. Ich habe das Möglichste für ihn gethau, aber die Anderen stimmten gegen mich. Indessen noch ist nicht Alles verloren. Wir können ja einen „Auslöser für ihn kaufen." „Einen Auslöser," wiederholte ich mit gebrochener Stimme, „wir sind arme Handwerksleute." „Kleine Ersparnisse werden sich vielleicht bei Ihnen finden. Was mich betrifft, so will ich Ihnen den Beweis geben, daß ich nicht bloß mit Worten Ihr Freund bin" — dabei drückte er mir dreißig Gulden in die Hand. „Sollte mehr nöthig sein," fügte er hinzu, „so können Sie immer auf meine Hilfe rechnen, doch vergessen Sie nicht die Zeit. Thun Sie, was sich thun läßt, ein „Auslöser" wird schon zu finden sein!" Ein geheimes Gefühl warnte mich, die Summe von ihm anzunehmen, aber es winkte Erlösung für mein Kind, für mein einziges, geliebtes Kind — ich strich die Summe ein. Es war mir, als hätte ich glühende Kohlen in die Tasche geschoben. Der rothe Wölwele war unterdessen, ohne meinen Dank abzuwarten, aus der Synagoge verschwunden. Als ich meiner Frau den sonderbaren Vorfall mittheilte, faßte sie mich zuerst fast erschreckt bei der Hand, doch schüttelte sie darauf den Kopf, als wollte sie eine Grille verscheuchen. „Nein," sagte sie, „man soll die Menschen nicht immer verurtheilcn, hat doch Jeder ein Gewissen und warum nicht auch der rothe Wölwele? Möglich, daß ihn sein Gewissen quält über das an uns begangene Unrecht, und er will jetzt das Vergangene wieder gut machen." Just an demselben Tage in der Dämmerungsstunde öffnete sich die Thüre unseres Stübchens und ein struppiger, borstiger Kopf mit einem widerlichen Gesichte frug mit roher, heiserer Stimme hinein: „Braucht man hier einen Auslöser?" Er fragte das, wie wenn er fragen würde: „Kauft Jemand alte Hosen?" Doch wer von uns achtete darauf? Er schien uns in diesem Augenblicke wie von Gott selbst geschickt und fast in einem Athcmzuge riefen wir: „Treten Sie nur näher, lieber Freund!" Mit täppischen, schweren Schritten stolperte der Trunkenbold näher und sank neben uns auf die Bank nieder. Doch für alles das hatten wir keine Augen; wir sahen nur, daß er gesunde, kräftige Glieder hatte, daß er zum Soldaten wie geboren war. Er war just die rechte Waare für uns. Meine Frau behandelte ihn mit einer Art von Zärtlichkeit. Eiligst ließ sie ein großes Glas Schnaps holen und stellte unser Nachtmahl vor ihm hin, das er mit der Gier eines hungrigen Thieres verschlang. „Nun," begann der Mann, der seine Glieder zu Markte trug, „was können Sie für mich zahlen? Bin, wie Sie sehen, tauglich; auch meine Papiere sind in guter Ordnung." „Wir müssen das eben vorher van Ihnen hören", erwiederte meine Frau, die ihn mit den Augen verschlang, wie eine Waare, die man um jeden Preis kaufen möchte. „Dreihundert Gulden," brummte er, ,,wär' ich

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