Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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324 eine gründliche Kenntniß aller Wissenszweige sei es möglich, zur wahren Gotteserkenntnitz zu gelangen. Die wissenschaftlich sehr interessanten Ausführungen des Redners wurden mit großem Beifall ausgenommen. Leipzig, 24. Februar. Der Antiscmitenführer Fritsch von hier ist heute wegen Beleidigung des Kaufmanns Groß in Magdeburg zu 400 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Vermischtes. < Framersheim, 22. Februar. Einen unersetzlichen Verlust hat unsere Gemeinde erlitten. Vorgestern verstarb nach kurzem Leiden Herr Isaak Koch im Alter von 72 Jahren. In ihm verliert der hiesige Platz einen seiner achtbarsten Mitbürger, die Armen einen Wohlthäter und die israelitische Gemeinde ihren eifrigsten Förderer. Der Verstorbene bekleidete lange Jahre das Amt des ersten Vornehers und hat ihm die israelitische Gemeinde viele gute Einrichtungen zu verdanken. Kein Bittender ging hilflos von seiner Schwelle. Welcher Hochachtung und Beliebtheit der Verstorbene sich in unserer Gemeinde zu erfreuen hatte, davon legte das heute stattgefundene Leichenbegängniß Zeugniß ab, wie ein solches wohl hier noch selten gesehen ward. Eine unabsehbare Menge, ohne Unterschied der Confessionen, folgte dem Leichenzuge. Zu bemerken waren der Bürgermeister, der Geistliche, die Gemeinderäthe des Ortes und viele Bürgermeister der Umgegend. Die Lerchenrede hielt der Rabbiner von Alzey, Herr Dr. Rothschild. Möge ihm Jenseits der Lohn beschieden sein, dessen er sich auf Erden verdient gemacht hat. Seinen trauernden Angehörigen wünschen wir indeß, daß ihnen reichen Trost spenden möge, rrDain Butzbach, 21. Febr. Der Antisemit Köhler von Bettenhausen, dessen Wahl bekairntlich ungiltig erklärt wurde, ist bei der heutigen Neuwahl in den hessischen Landtag für den Kreis Butzbach-Nauheim seinem liberalen Gegner Vogt unterlegen. Herr Dr. David Essiger, Bezirksarzt für Oberdorf und Umgegend, übt seinen ärztlichen Beruf seit 47 Jahren in seinem Geburtsorte und in der Umgegend aus. Nach 25° und 40jähriger Berufstätigkeit wurden ihm Ovationen dargebracht, das Ehrenbürgerrecht in seinem Wohnorte verliehen , ein Ehrenpokal mit Widmung überreicht. Gesundheitsrücksichten veranlaßten ihn, seine ärztliche Thätigkeit aufzugeben und er wird, in den Ruhestand getreten, nach Ulm übersiedeln. Die Amtscorporation, die Bezirksorte und seineHeimathgemeinde veranstalteten ihm eine Abschiedsfeier. Der Bezirksbeamte Oberamtmann Lang von Neresheim überreichte ihm auf dem Rathause im Auftrag der Amtsversammlung einen kostbaren Diamantring, die Ortsvorsteher der Bezirksgemeinden sprachen dem Gefeierten im Namen ihrer Bürgerschaften Dank und Verehrung aus. Abends war ein Festbanket, wobei Toaste in gebundener und freier Rede den Gefeierten verherrlichten. Dr. David Essiger war auch viele Jahre Mitglied des Cultusvorstandes der israelitischen Gemeinde gewesen und hat das gesetzestreue Judenthum aufrecht erhalten; er war eifriges actives Mitglied deS Talmudvereins und ist ein Kenner der umfangreichen jüdischen Literatur. Möge sein Ruhestand ihm zum Segensstand werden! Frankfurt a. M. Dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" sind bisher 2000 Mitglieder von verschiedenen Parteien und religiösen Bekenntnissen beigetreten. Neuerdings ist eine große Anzahl bemerkenswerther Beitrittserklärungen aus Elsaß-Lothringen eingegangen, darunter befinden sich Baron Charpentier, erster Schriftführer des Landesausschusses, Landgerichtsdirector Dr. Gumpert, Prof. Fr. Goltz, Director des Lyceums Haegele, StaatSrath Jul. Klein, I. Mieg-Koechliu, Eduard Koechlin, Pfarrer Leblois, Prof. Noeldechen, Abgeordneter Em. Petri, Präsident des Direktoriums der Kirche Augsburger Konfession F. Petri, Präsident der Handelskammer I. Scugenwald, sämmtlich in Straßburg. Zur schnelleren Verbindung mit West- und Süddeutschland ist neuerdings ein zweites Vercinsbureau in Frankfurt a. M. unter Leitung des Stadtrathes H. Flinsch errichtet worden. Gleiwitz, 17. Februar. Der Bautechniker Alb. Felir wurde heute wegen Anheftens antisemitischer Flugblätter in Groß-Strehlitz zu 30 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Leyden, 10. Februar. Vorgestern beging Herr Professor Dr. Rosenstein sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Universitäts-Professor. Amsterdam, 11. Februar. Unser Glaubensgenosse Herr I. Drielsma ist zum Vortragenden Rath im Finanz Ministerium ernannt worden. Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Aber auch die Häscher hielten nicht stille," fuhr der Blinde in seiner Erzählung fort, „unter Anführung des Viertelmeisters umkreisten sie die Straßen, überfielen die Synagogen, stürzten in die friedlichen Familieuhäuser und schleppten die Armen halbnackt aus den Betten. Jeden Augenblick durchzog ein Jammerschrei die Stadt — ein neues Opfer war in die Falle gerathen. DE: war eine Zeit glänzender Ausbeute für den Regierer. Seine Börse füllte sich mit Geld, seine Küche mit den fettesten Geflügeln, mit Zucker, Kaffee, Viktualien; kurz mit Allem, was sich die Frau des Regierers von den Armen ausbat. Keine Nacht ging vorüber, ohne daß die Häscher das Thor meines kleinen Häuschens stürmten, in dasselbe einbrachen, alle Winkel durchstöberten, die Schlösser der Schränke aufrissen, uns aus den Betten warfen, mit den Waffen klirrten, vor Wuth schrien, polterten und fluchten; doch konnte ihnen das alles nicht helfen. — Jankcle's Versteck war nicht aufzufinden. Wer damals den rotheu Wölwele in der Synagoge gesehen hätte, würde wohl kaum geglaubt haben, daß er der so gefürchtete Schrecken aller Armen sei. Hier war er das fromme Opferlamm. Mit verdrehten Augen, den Kopf zwischen den aufgezogenen Achseln stand er vor seinem „Ständer", strich sich die Stirn und glättete sich in demuthsvoller Gottesfurcht den Bart. „Was möchte ich nicht darum geben," hörte ich ihn einmal mit einem frommen Seufzer sagen, „jetzt kein Regierer zu sein. Glaubt mir, wer ein jüdisches Herz hat, dem