Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Erste e M M17 ües „Israelit & Irschurun mML I Zeitungsnachrichterr uttb Gvrrespottdenzen. D e u i s ch l a it b. Darmstadt, 18. Februar. In der gestrigen Sitzung der Strafkammer des Landgerichts wurde der Makler L. Wartensleben aus Gernsheim wegen Störung des Gottesdienstes in der israelitischen Synagoge auf Grund des § 167 des St.- G -V. zu einer Gefängnißstrase von 14 Tagen verurtheilt. Er hatte seinen Sohn in der Vorhalle der Synagoge geschlagen und ihn einen „schlechten Schuft" genannt: der Lärm drang in die Synagoge, wodurch der Gottesdienst daselbst gestört wurde. Frankfurt a. M. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, dessen Zweck es ist, durch Abhaltung populärwissenschaftttcher Vorträge beim Publikuni das Interesse für die große Vergangenheit unseres Volkes wackzurusen und zu pflegen, hat auch in diesem Winter wiederum einen Cyklus von Vorträgen veranstaltet. ES haben bereits die Herren Dr. H e i n c in a u n, Dr. S u l z b a ch, Rabbiner Dr. M u n k ans Marburg und Seminardircetor Dr. Krön er aus Hannover über verschiedene jüdisch-historische und literarische Themata gesprochen, es war mir jedoch nicht möglich, Ihnen über die interessanten Vorträge dieser Herren zu berichten. Am letzten Mittwoch sprach Herr Rabbiner Dr. Olitzki ans Eöthen über „Jbn Esra als Religionsphilosoph". Der Redner cutwarf zunächst ein allgemeines Bild von der wissenschaftlichen Thätigkeit Abraham Jbn Esra's, um dann näher einzugehen. auf seine Bedeutung als Philosoph, aus feine wissenschaftlichen Vorbilder und auf den Einfluß, den er auf die Zeitgenossen, sowie ans die späteren ausübte. Es ist dies bei Jbn Esra eine sehr schwierige Ausgabe, da derselbe kein zusammenhängendes philosophisches Werk geschrieben hat und es sich deßhalb darum handelt, einzelne Bemerkungen in dem Bibclkommentar, in den Gedichten und sonstigen Werken Jbn Esras zu einem System zu verbinden. — In Toledo geboren, beschäftigte sich Jbn Esra anfangs hauptsächlich mit Poesie und Astronomie. Nachdem er seine Heimath Spanien verlassen hatte, schrieb er ans seinen Wanderungen, die mit mancherlei Sagen cmsgeschmückt sind, außer verschiedenen anderen wissenschaftlichen Werten auch den Bibelkommeniar. Derselbe zeugt von seiner großen Swachkcnntniß und zeichnet sich durch kurze und bündige Redeweise ans. Seine philosophische Denkweise äußert sich auch hier, indem er an geeigneten Stellen gerne philosophische Bemerkungen einflicht. Sein Geist strebte immer sich über die Bande der Natur zu Gott zu erheben, und dieses Sehnen offenbart sich besonders in seinen Gedichten, die seinen tiefen, religiösen Empfindungen oft den herrlichsten Ausdruck verleihen. Der Redner sprach sodann ausführlich über den Einfluß Jbn Esras auf die bedeutenden jüdischen Philosophen, Maimonides, Levt ben Ger« schom u. A. Selbst die Karaiten, deren heftigster Gegner er war, konnten sich seinem Einflüsse nicht entziehen. Die Kabbalisten der späteren Zeit haben besonders die von ihm oft angewendete Zahlensymbolik für ihre Zwecke benützt. Zahlreiche Werke sind über Jbn Esra geschrieben worden, doch erst in neuerer Zeit wurden seine Schriften durch Steinschneider, Sachs, Zunz u. A. wissenschaftlich beleuchtet. Einer philosophischen Schule gehört Jbn Esra eigentlich nicht an, doch neigt er sich hauptsächlich dem Pythagoreismns und dem alexandrinischen Neuplatonismus zu. Namentlich war cs die pythagoreische Zahlensymbolik, die eine mächtige Anziehungskraft ans ihn ausübte. — In seinen Schriften findet man häufig Gedanken wieder, die auch bei Salomo tim Gabirol Vorkommen. Jbn Jsra ist ein großer Verehrer von Saabin, dessen Ansichten er nicht nur bei exegetischen, sondern auch bei philosophischen Abhandlungen sehr oft ansührt. Mit Jchuda Halevi, dem großen Dichterfürsten und Philosophen, stand er im freundschaftlichen Verkehre und hat wahrscheinlich auch dessen religionsphilosophischcs Werk „Kusari" gekannt. — Jbn Jsra zitirt auch viele philosophische Ansichten aus Talmud und Midrasch. Er nimmt eben das Gute überall, wo er cs findet, und verwertet es in seiner Weise. Daher bekennt er sich auch zu keinem der philosophischen Systeme, sondern verbindet aus allen das, was ihm als das Beste erscheint. Die Kenntniß der profanen Wissenschaften neben der Thora hält er für unumgänglich nothwendig, weil viele Vorschriften der Thora und viele Erörterungen im Talmud nur durch sie vollkommen begriffen werden könnten. Und Gott verlangt nicht nur, daß wir die Gebote kennen und üben, sondern auch daß wir sie erkennen, daß wir ihre inneren Gründe begreifen und verstehen lernen. Das Höchste ist ihm die metaphysische Wissenschaft, die Forschung über die Natur der Dinge und über das Wesen Gottes, die er vorzugsweise als die Bestimmung des Menschen ansieht. Und nur durch