Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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319 langen, für Ausstreuung unserer Flugblätter besorgt zu sein. Auch bitten wir Freunde, welche sich zur Abfassung von populär gehaltenen, kurz gefaßten Flugblättern befähigt halten, ihre Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen und geeignete Manul'cripte einzusenden. Darmstadt, 17. Febr. In der heutigen Sitzung des Hess. Landtages wurde auf Antrag des Ausschusses ein Ersuchen an die Regierung, an die deutschkatholischen und israelitischen Religionsgcmeinden des Landes entsprechende Staatszuschüsse zu gewähren, bewilligt. Bei dieser Gelegenheit nahm Schröder Veranlassung, die seit 2 Jahren in unser Land hineingetragenen maßlosen antisemitischen Hetzereien auf's allerschärfste zu verurtheilen. Er konstatirte, daß an verschiedenen Orten, hauptsächlich in Oberhessen, evangelische Geistliche offen' und agitatorisch für die antisemitische Bewegung eingetreten sind; er bitte die Regierung, daß im Einvernehmen mit dem Oberkonsistorium den aktiven Dienern der evangelischen Kirche solches untersagt werde. In Vereinen, in der Presse, offen und verdeckt, sei von evangelischen Geistlichen in antisemitischem Sinne gewirkt worden, darin liege eine Untergrabung des öffentlichen Friedens. Redner ersuchte wiederholt die Regierung, Alles zu lhun, was, nöthigenfatts unter Anwendung von Displinarmitteln, geeignet sei, den konfessionellen Frieden wieder herzustellen, beziehungsweise zu erhalten. Staatsministcr Finger erklärte, die Negierung halte die Bestrebungen der Antisemiten für verwerflich, sie verfolge die Bewegung mit aller Aufmerksamkeit: die Bewegung sei eine Krankheit, die, man wisse nicht wie, epidemisch ins Land hereiugekommen sei. Die Regierung habe sich in jeder nur deutlichen Weise mit Unterstützung des Oberkonsistoriums bemüht ihr entgegenzutretcn, ihre Beamten haben Anweisung, Ausschreitungen zu verhüten und belehrend zu wirken. Die Regierung unterlasse auch nichts, was gceigner sei, der antisemitischen Bewegung ein Ende zu bereiten. Der gesunde Sinn der Bevölkerung werde den vorhandenen Krankheitsstoff bald von sich abstoßen; letzteingegangene Berichte deuteten darauf hin, daß die Leidenschaft bereits im Abnehmen begriffen sei, sie sei offenbar eine Frucht der letzten Reichstagswahl gewesen. Hoffentlich würde das Volk diese Verirrung einsehen und die antisemitische Bewegung ihr Ende baldigst erreichen. (Beifall.) Abg. Racke (ultram.) sprach sich in ähnlicher Weise wie Schröder aus. Wolfskehl bat noch, man möge seitens der Regierung auch alle Aeußerungen vermeiden, welche den Anschein erwecken könnten, als habe die antisemitische Bewegung ihre Berechtigung. Staatsminister Finger erklärte im Verlaufe noch die Bereitwilligkeit der Regierung, Verwilligungcn zu jüdischen Kultuszwecken eintreten zu lassen, das sei aber abhängig von der besonders schwierigen Abänderung der Organisation der jüdischen Gemeinden. Bocholt. Dem Bericht über die Wirksamkeit des hiesigen Hilssvereins „Esras" K'fufim" im Jahre 1890 entnehmen wir: Am Simchasthorafeste des Jahres 1889 wurde zuerst der Gedanke ausgesprochen, daß es nothwendig sei, einen Verband ins Leben zu rufen zu dem Zwecke, mittellose oder in ihren Vermögensverhältnissen zurückgegangene Glaubensgenossen durch Gewährung zinsfreier Darlehen, sowie durch sonstige Hilfeleistung wieder erwerbsfähig zu machen. Die Idee fand Anklang, und dem Worte folgte bald die That. Nachdem Ende November desselben Jahres eine Anzahl niederrheinischer und westfälischer Gemeinden zum Beitritt eingeladen worden war, hatten wir die Freude, schon am 16. Februar 1890 in Wesel eine Generalversammlung abhalten zu können, in welcher der Verein gegründet und das Statut desselben sestgestellt wurde. Dreizehn Gemeinden mit rund 250 Mitgliedern erklärten sofort oder nach kurzer Zeit, dem Verbände beitrcten zu wollen. Die Mitglieder an jedem einzelnen Orte bilden sich eine Ortsgruppe mit einem Vorstande und zahlen je einen Jahresbeitrag von M. 5, während ein Gesammtvorstand von 14 Theilnehmern die sämmtlichen Angelegenheiten des Vereins zu besorgen hat. Als Vorort wurde Bocholt gewählt. Wenn wir bedenken, wie manchem kleinen Geschäftsmanne, der durch Krankheit oder widriges Geschick in seinem Erwerbe gestört worden, durch Gewährung eines kleinen Kapitals wieder geholfen werden kann, sich und seine Familie zu ernähren; wenn wir erwägen, daß ein junger, braver Handwerker, der nicht in der Lage ist, sein Handwerkszeug ans eigenen Mitteln sich anschaffen zu können, durch ein Darlehn in den Stand gesetzt wird, seinen vielleicht armen Eltern eine Stütze zu sein; so müssen wir anerkennen, daß ein Verein, der die Zwecke des unsrigen erstrebt, einem wirklichen Bedürfniß entspricht. Wollten wir noch daran zweifeln, so geben uns die im Laufe des Jahres eingcgangenen Anträge auf Hilfeleistung den thatsächlichen Beweis dafür. Nach diesem Grundsätze nun will unser Verein, soweit seine Mittel reichen, thätig sein. Wir müssen dcßhalb, so peinlich es auch oft berührt, alle Anträge aus Hilfeleistung für solche Personen, die nicht arbeitsfähig sind, ablehnen und deren Berücksichtigung der Privatwohlthätigkekt überlassen, die ja auch in unfern Gemeinden, zum Theil durch Vermittlung der Chevros reichlich geübt wird. Wer aber arbeiten kann und arbeiten will, der mag kommen, dem wollen wir, wenn unsere Kräfte es