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Der Israelit · 1891-02-26 · Heft 17 (26.2.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 17 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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318 obersten Wahrheit begeistert zujubelte, daß man mit allen Können der Logik und Sophistik sich und andere hinwegtäuschen wollte über die Einwände der gesunden Vernunft, die mit nüchternen Worten alle künstlichen Beweise widerlegte und die vermeintlich gefundene Wahrheit als Täuschung erklärte. Man hatte sich, wie man dann nach und nach eiusah und eingestand, wieder einmal geirrt. Unsere Zeit, die sich mit Vorliebe, -die Zeit der Vernunft und der exacten Wissenschaft nennt, glaubte in der Natur den Urquell alles Seins gefunden zu haben. Die Natur in ihrer Gesommtkraft erschien ihr als Gott, aber nicht der Geist, der seinen Willen dem Weltall aufdrückte und dem Menschen Gesetze gab, nicht als ein Führer auf seiner Erdenbahn, sondern als eine unbewußte Kraft, die von sich selbst nichts wußte, die sich selbst unbewußt nach Gesetzen richtete. Merkwürdig war die Erscheinung, daß bei jeder sogenanten neuentdeckten obersten Wahrheit das jüdische Volk, ohne zu prüfen, ohne abzuwarten, ob das Resultat ein wirkliches Resultat sei, in einem Theile zujubelte und seinen Gott leugnete und sich zu dem eifrigsten Verfechter der modernen Wahrheit aufwarf. Freilich, dieser Theil des jüdischen Volkes hatte schon längst jeden Halt verloren, war ohne Führer und wollte doch auch seinen Weg fortsetzen, mit der Welt weiterschreiten. Die min wurde nicht als Gotteslehre anerkannt und ihrer Führung unterwarf man sich nicht mehr. Die Gottesauffassung, wie sie uns seit Urzeiten als Erbe überkommen, sollte vor der heutigen Wissenschaft nicht mehr bestehen können. Aus lauter Zweifeln setzte sich das moderne Leben zusammen; es gab nichts an dem alten Gottesglauben, was man nicht anzweifelte; jeden Halt und jede Stütze hatte man verloren; die Wahrheit unserer ganzen Geschichte wurde in Abrede gestellt. Und doch wollte man einen Gott haben, aber doch einen modernen, der uns nicht auf Schritt und Tritt bevormundet und Vorschriften gibt, sondern den wir uns gemacht, den wir uns an die Spitze gestellt. — „Mache uns", so ruft das führerlose Volk Ahron zu, „mache uns Götter, die uns voranziehen!" Und ein goldenes Kalb war ihm auch recht. Wenn es nur etwas Schönes, Glänzendes, Werthvolles ist, ob es auch eigenstes Händewerk; dadurch, daß es obenan gestellt wird, Alles ihm zujauchzt, wird es schon Werth erlangen. Man redet sich ein, lügt es sich sogar vor, „das sind Deine Götter Israel" und doch ist's nur Menschenwerk, ist's nur die Ausgeburt des rathlosen verirrten Meuschengeistes. Was man sich innerhalb der gegebenen Welt auch ausdenken mag als das Großartigste, an Kraft und Wirkung Machtvollste, es kann doch niemals der Wahrheit Urgrund und Urquell sein, und wenn von Menschen als die Gottheit hingestellt, der sie sich beugen und fügen, so ist es nicht um ein Jota besser, als der Tanz ums goldene Kalb. Es war ein Glück für unser Volk, daß nur ein Theil der modernsten Verirrung anheimficl und von diesem Taumel erfaßt wurde, daß es eines selbstgemachten Gottes als Führer bedürfe. Wohl sind der Irregeleiteten noch Viele; ist's ja so bequem, von allem Gesetz entbunden zu sein. Aber wir haben schon heute Anzeichen genug, daß es diesen Verführten nicht so ganz behaglich ist, daß der Zweifel an der neuen Wahrheit in der halt- und führerlosen Menge auftaucht, daß sie allmählich erkennt, weil ja auch in der großen Welt ein Umschwung der Meinungen sich vorbereitet und der Gottesglaube wieder wissenschaftlich aufrecht zu erhalten gesucht wird, daß der Gottesgedanke des Judemhums nicht zurückstehen braucht, durch die neuesten Wahrheiten, wenn sie solche sind, keineswegs verdunkelt werden kann, daß er vielmehr auch das hellste Licht verträgt, ja gerade durch die Beleuchtung, welche von der Wissenschaft ausgeht, gewinnt. Es ist heute wieder klar zum Bewußtsein gekommen, daß auch der Mensch des Zeitalters der Vernunft einer höheren Führung und Leitung nicht eutrathen und kein noch so glänzendes und blendendes Menschenwerk dieselbe ersetzen kann. Die Lehre ergibt sich uns aus der Geschichte des „goldenen Kalbes;" daß wir dann, wenn man seinen Führer verloren, oder dieser unserem Gesichtskreise verschwunden, nach einem Ersätze greifen und uns einreden, es sei der volle Eratz, und daß jedes Lossagen von Gott schließlich die Menschen nach einem anderen Gott sich umschauen läßt. Während man sich der obersten Leitung aus falsch verstandenem Selbstbewußtsein entzieht, sieht man sich später wieder gezwungen nach einem andern Halt zu suchen. Mächtiger als alle Vernunft ist die Schwäche und Ohnmacht des Menschen, die uns Alle mit zwingender Logik auf Gottes Schutz und Hilfe verweist. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 23. Februar. Wir haben unserer heutigen Nummer einmal probeweise ein Flugblatt gegen die -Antisemiten beilegen lassen, das den Aufsatz aus dem „Antisemitenspiegel" „Die dunklen Pläne des Juden Montefiore" enthält. Wir bitten die geehrten Leser in solchen Gegenden, in welchen gegnerische Flugblätter zur Verbreitung ge-

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