Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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316 unabweislich voraus. So ist ein jedes Gesetzeswort der Bibel an sich deren lauteste Verkündigung, und ebenso ein jedes an treue Pflichterfüllung geknüpfte Verheißungswort. Die sittliche Freiheit ist nach jüdischer Auffassung das allererste und fundamentalste Vermögen, das den Menschen erst zum Menschen macht. Und was so als tatsächliche Wirklichkeit ohnehin die stillschweigende Voraussetzung eines jeden Vibelwortes bildet, wird außerdem 5. B. M., 30, 19 noch ausdrücklich ausgesprochen: „Himmel und Erde habe ich heute als Zeugen wider euch bestellt, ich habe das Leben und den Tod vor dich hingegeben, den Segen und den Fluch. Wähle das Leben, damit du lebest, du und deine Nachkommen, Gott, deinen Gott zu lieben, auf Seine Stimme zu hören und fest an Ihm zu hangen!" Daß übrigens der Mensch ebensowenig wie durch die Sünden seiner ersten Stammeltern, so auch durch seine eigene Sünde die sittliche Freiheit nicht einbüße und nicht etwa ans einem sündigenden nun zu einem „sündigen" Menschen werde, diese trostreiche Wahrheit strahlt uns von jedem Blatte der Bibel entgegen, ans welchem von der Rückkehr des Sünders gesprochen wird. Da bedarf es keiner Fürsprache, keiner priesterlichen oder irgend welcher anderen Vermittlung. Da steht das Kind unmittelbar vor seinem himmlischen Vater, und es bedarf nur der Reue, der Selbsterkenntniß und des Selbstbekenntnisses, des Wiedergutmachens, wo gegen einen Menschen gefehlt ist, und des festen Entschlusses, fortan nicht zu sündigen — und der Vater öffnet seinem fehlenden Kinde die Arme und aus Himmelshöhen tönt nach alttestamentarischer Lehre noch heute den fehlenden, reuigen Menschen das alttestamentartsche Gnaden- und Erlösungswort entgegen: „Gott bleibt stets derselbe barmherzige Gott, Kraft spendend, sein Kind liebend, stets bereit zu neuer Gewährung, lange geduldend, unendlich reich an Liebe, wie an Wahrheit!" — (2. B. M. 34, 5.) Daß aber diese Gottesworte, die in Wahrheit die ewigen Sterne sind am Nachthimmel des sündigenden Menschen, die ihn zurRückkehr mahnen undzur Aufkehr geleiten, nach der Lehre des Alten Testamentes das Verhältniß Gottes als Vaters der Menschheit nicht etwa blos zu seinen jüdischen, sondern zu allen seinen Menschenkindern aussprechen, dafür verweisen wir statt alles anderen auf einen weltgeschichtlichen Moment, der in der ganzen Tiefe seiner mindestens doch symptomatischen Bedeutung vielleicht noch nicht hinreichend gewürdigt worden ist, in welchem gerade diese selbigen Worte im Munde eines jüdischen Propheten auf einen großen nichtjüdischen, japositivheidnischenMenschenkreis angewandt werden. Und zwar erfolgt diese Anwendung nicht als eine neue Lehre, sondern es wird von ihr als einer selbstverständlichen Voraussetzung ausgegangen. Es ist die Sendung des Propheten Jona an Ninive und ihr Erfolg, die wir im Auge haben. Wiederum ist es ein Frühlingsmoment in der Geschichte der Menschheit, der uns hier grüßt und einen Einblick in die trotz Allem und Allem doch lichte Tiefe des menschlichen Herzens uns erschließe. Er hatte der entarteten üppigen Metropole des gewaltigen assyrischen Weltreiches den Untergang verkündet. Und siehe da, das für moderne Vorstellungen geradezu Unglaubliche geschieht. Er, der Fremde, der Jude, der in der Götterstadt, in gänzlicher Jgnorirung der Staatsreligion, im Namen des Einen Einzigen die Menschen aufricf, er wird nicht von einer wüthenden Volksmenge zerrissen, nicht von fanatischen Priestern gelyncht, nicht wegen Erregung von Aergerniß denuncirt, ja nicht einmal wegen groben Unfugs belangt. — Die Männer von Ninive glauben seinen Worten, die Worte des Gottespropheten hatten ihr Herz getroffen. Und ein Umschwung sondergleichen erfolgt, eine mächtige Bewegung ergreift die Geister und erfaßt das ganze Volk. Und die Bewegung, die vom Volke ausgegangen war, erreicht auch den Thron, und auch der König steigt herab von seinem Throne, legt den Königspurpur ab, hüllt sich in Sack und sitzt nieder in Asche. Und Gott erhört sie und ändert seinen Entschluß und läßt den gedrohten Untergang nicht eintreten. Wodurch aber hatten sie sich dieser Erhörung würdig gemacht? Hatten sich der König und die Bewohner der Residenz bekehrt? Waren sie Juden geworden? Oder sah Gott ihren Sack und ihr Fasten, an dem sie in echt heidnischer Anschauung auch ihre armen Thiere hatten theilnehmen lassen? „Da sab Gatt," so lehren die jüdischen Rabbinen, „nicht ihren Sack und nicht ihr Fasten, sondern: daß sie zurückgekehrt waren von ihrem schlechten Wege" — und da hielt Er die Gutthat der „Unbeschnittenen" nicht etwa für „gleißende Laster", — sondern: „da änderte er seinen Entschluß hinsichtlich des Unglücks, das er über sie ausgesprochen hatte und führte es nicht aus." Jona aber sprach: Ich habe dies ja voraus gewußt, „denn Du, Gott, bist ja Kraft spendend, stets bereit zu neuer Gewährung, dein Kind liebend, lange geduldend, unendlich reich an Liebe!" — (Jona 4,2.) (Fortsetzung folgt.)