Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1891)
- Date
- 1891-02-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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men stehe: „Gehen Sie mir aus den Augen!" schrie ich, „vor solcher Hilfe behüte mich der Himmel!" „Wollen Sie also, daß Ihr Sohn Soldat bleibe, meinetwegen." „Sprechen Sie mir nicht weiter davon!" schrie ich heftig. „Sie können es sonst arg bereuen!" „Mir bleibt sich's gleich", sagte er, sich langsam erhebend und der Thüre zuschreitend, wo er sich jedoch nochmals umdrehte. „In Ihrem Interesse warne ich Sie, ja vor Niemandem etwas von dem verlauten zu lassen, was ich mit Ihnen gesprochen habe, denn ich kann, wenn ich will, gefährlich werden. — Sie verstehen." ... Wieder machte er mit den heraushängcnden Fingern ein drohendes Zeichen und verschwand aus dem Zimmer. Sech st es Kapitel. Die Assentirung stand vor der Thüre. Die Hausdurchsuchungen nahmen bereits ihren Anfang. Schon zeigten sich zum Schrecken der Armen der „Viertelmeister" mit den bewaffneten Polizeileuten auf der Gasse. Die Schreckenstage waren in vollem Anzuge. Das alles nöthigte mich, meinem Sohn, der in seinem Eheglücke nicht einmal ahnte, welches Unheil über seinem Haupte schwebte, den verhängnißvollen Beschluß des Vorstandes mitzutheilen. Anfangs war es ihnr, wie wenn er von einer sonnigen Höhe in einen nachtvollen Abgrund jäh heruntergestürzt würde; doch mit bewunderungsvoller Raschheit faßte er wieder Muth und zeigte sich mannhaft und stark. „Wie die Sache immer ausfallen wird," sagte er, „man müsse es ihm überlassen, seine Rachele auf das Geschehene vorzubereiten." Er that das auch in der schoneudsten, liebevollsten Weise der Welt. Allein, sie zeigte sich nicht annähernd so gefaßt, wie er. Anfangs blieb sie schreckensstarr, dann brach sie in lautes Schluchzen aus und erst seiner ganzen Beredtsamkeit gelang es, sic ein wenig zu beruhigen. Was ihr die Fassung wiedergab, war die Hoffnung, daß es gelingen werde, ihn während der Assentirungszeit dem Späherauge der Häscher zu entziehen und so für dieses Jahr zu retten. Jankele mußte sich also verstecken. Wo er den Tag verbrachte, weilte er nicht die Nacht. Bald lag er in einem finsteren Kellerloch zusammengekauert, bald auf dem Dachboden in irgend eineni verschlossenen Schrank und bald in einem Pferdestall, über und über mit Stroh bedeckt. Heimlich und verstohlen brachte ich oder meine Frau ihnr das Essen hin, das er jedoch nur selten berührte. So vergingen einige Wochen, in welchen er wie ein Verbrecher das Tageslicht hüten mußte. Nicht einmal konnte ich ihn während dieser Zeit sehen, weil sein Versteck immer finster war; auch durfte ich nicht lange bei ihm verweilen, weil die Häscher dadurch aus die Spur geführt werden konnten. Wir sprachen nur wenig miteinander und das auch nur im Flüstertöne; nur einmal drang durch eine enge Lücke des Dachbodens ein schwacher Sonnenstrahl und da konnte ich denn nach Wochen meinen Jankele wieder einmal sehen. Sein Anblick schnitt mir tief in die Seele. Wie hatte er sich verändert! Bleich und abgezehrt, war er kaum zu erkennen; der kraft- und lebcnstrotzende Junge war zu einem Schatten herabgesunkcn. Die glanzlosen, von tiefen Rändern umgebenen Augen, die weit hervorstarrenden Backenknochen gaben seinem aschfahlen Antlitz etwas Entsetzenerregendes. Aber so sehr dieses sein Aussehen mein väterliches Herz mit unnennbarem Schmerz erfüllte, so schöpfte ich, unter der einen furchtbaren Sorge stehend, gerade daraus einen Schimmer von Hoffnung; ein solches Bild des Jammers, so beruhigte ich mich, wird man gewiß nicht zum Soldaten nehmen können. (Fortsetzung folgt.) „J»raMt" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstag-, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 1« Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel M bchtrhen bei «. /. Steinackrr, Leidig, Uoßpintz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzufende«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Ueber die Verwaltung jüdischer Stiftungen zur Förderung des Thorastudiuins. Von Jsaac Hirsch. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Frankfurt a. M.. Aus der Provinz Posen. Köln. Ostrowo. Aus Unterfranken. — Oeüerr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. ■— Frankreich: Paris. — Palästina: Jerusalem. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuely (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Worms. Gießen. Berlin. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Preßburg. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilage: Jnhalts-Verzeichniß pro Jahrgang 1890. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.