Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1891)
- Date
- 1891-02-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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305 Petersburg, 7. Febr. — Die Berichte, welche aus den Kiewer Geschäftskreisen nach St. Petersburg gelange«, constatiren übereinstimmend, daß die von der Regierung in der letzten Zeit verfügten Maßregeln zur Beschränkung der Rechte der Juden, unter denen die jüngst erfolgte selbst jüdischen Kaufleuten erster Gilde blos die Verwendung eines einzigen Gehilfen in ihren Geschäften gestattet, einen merklichen Rückgang im gesammten geschäftlichen Verkehr zur Folge haben. Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Mit gebrochenem Herzen und thränenerfülltcn Augen verließen wir das Haus. „Was wir innerhalb dieser kurzen Zeit gekämpft und gelitten, davon hatte weder Jankele, noch seine Rachele die leiseste Ahnung. In ihrer Liebeslust vergaßen sie die Welt und alles Ungemach um sich her. Sorglos scherzten und sangen sie in ihrem schmucken Stübchen. Der schreckliche Gedanke, wie jäh dieses Glück enden würde, steigerte unseren Seelenschmerz fast zur Raserei. „Zwei Tage nachher mußte Jankele aus unserem Munde erfahren, was ihn erwartete — die Zeit drängte. An demselben Tage stellte sich auch Stasch, der Barbier, ein. „Ha, Stasch lügt nicht.'" Mit diesen Worten öffnete er die Thüre. „Es verhält sich also ganz so, wie ich Ihnen gestern gesagt", fuhr er fort, nachdem er sich neben mich niedergesetzt, „aber ich werde Ihren Sohn schon durchführen." „Wieso durchführen?" fragte ich. „Wieso durchführen?" wiederholte er, und seine grauen Angen blinzelten unheimlich. „Wie habe ich voriges Jahr den Bendit Braunstock und den Aren Grünspuhn durchgeführt? Ich habe, wie Sie wissen, Mittel genug!" „Welche Mittel?" „Sie wollen mich immer nicht verstehen — Ihnen, scheint es, muß man Alles auf deni Teller reichen. — Nur ein kleines Fehlerchen und Ihr Sohn ist für das Militär untauglich." „Ein Fehlerchen!" — Mir lief ein Schauer durch alle Glieder. „Macht mir Spaß", lachte er brutal, als er meine Verwirrung merkte. „Sie glauben, daß ich Ihnen Ihr Kind zum Krüppel machen werde — bewahre — ein ganz kleines Fehlerchen." „Was für ein Fehlerchen?" „Ich werde ihm nur etwas die Augen schädigen!" sagte er. „Die Augen schädigen!" fuhr ich entsetzt zurück. „Wie man's nehmen will," erwiderte er gleichgiltig, „man nennte nur so, in der That aber wird er nach wie vor alles weiter machen können, scheeren, nähen, das Maaß nehmen, — höchstens, daß ihm die Augen etwas geröthet sind und von Zeit zu Zeit thränen werden." Ich vermochte vor Erstarrung kein Wort hervorzubringen, wie ein Fieberfrost schüttelte es meine Glieder. Er nahm dieses Schweigen für Zuftimmung. „Das wird Sie nichteinmal viel kosten," sagte er geschäftsmäßig, „muß ja Rücksicht haben ... Sie sind ja nur ein armer Schneider — dreißig Gulden und alles ist in Ordnung." „Was, Sie wollen mir mein Kind verstümmeln!" brachte ich endlich hervor und der Zorn schnürte mir fast die Kehle zusammen. „Auch ein Verstümmeln!" lachte der Andere roh; „da habe ich vor zwei Jahren dem Eli Stibitz einen Finger abgehauen, um ihn für's Militär untauglich zu machen; das ging ganz ohne Schmerzen vor sich. Wie ein Blitz — und der Finger seiner Hand war weg. Run ist der Mann frei vom Militär und sein abgchanener Finger hindert ihn nicht im Entferntesten an seine in Geschäfte. Er kann auch so mit gewohnter Geschicklichkeit — Sie verstehen mich." Der Barbier machte mit den ans der Tasche heraushängendeu Fingern ein Zeichen des Stehlens. „Auch Ihrem Sohne wird die leichte Angenentzündung in seinem Berufe keinen Eintrag thun. Uebrigens braucht er ja nicht mehr zu heirathen, er hat schon eine Frau und hat'6 also nicht mehr nötbig, den Mädeln zu gefallen." „Rein!" schrie ich aus Leibeskräften, „nein, mein Kind laß' ich mir nicht verstümmeln." Ich hätte den Elenden in diesem Augenblicke erwürgen mögen, wie er so vor mir mit der gleichgiltigsten Miene der Welt dastand. „Wissen Sie was, ich habe eine ganz andere Idee!" sagte er nach kurzem Besinnen. „Gegen diese werden Sie ganz gewiß nichts einzuwenden haben." Ich sah ihn mit fragenden Blicken an. „Ein Ohrenflnß", sagte er mit der Miene eines Menscyen, der aus eine glückliche Idee gekommen. „Das entstellt ihm nicht das Gesicht, hat auch mit seinem Berufe nichts im Entferntesten zu thun, und macht ihn fnr's Militär untauglich. — lieber den Preis, wie gesagt, werden wir uns vergleichen. Ich bin ein Mann von Character und werdx Sie gewiß ganz solid behandeln. Die Neichen müssen etwas mehr zahlen, damit es dem Armen billiger kommt." Jede Faser erzitterte in mir; ich faßte mich beim Kopfe, es schien mir, daß er ganz in Flam-