Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1891)
- Date
- 1891-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Aus der Provinz Posen. Am 13. d. M. fand in Gnesen in dem überaus reich und geschmackvoll dekorirten Saale des Hotel äel'Luroxe die 100jährige Jubiläumsfeier des dortigen israelitischen Brudervereins statt, welche einen glänzenden würdigen Verlauf nahm. Eingeleitet wurde das Fest durch einen Gesang von einem eigens hierzu gebildeten Chor, welcher von den beiden Kantoren, Herren Apfelbaum und Colm, dirigirt wurde. Nachdem das übliche Abendgebet verrichtet war, hielt das Vorstandsmitglied, Herr Deutschmann, die Begrüßungsansprache, in welcher er der Tendenz und Entstehung des Vereins gedachte. Hierauf folgte wiederum der Gesang eines Psalms, an den sich die Gedächtnißfeier für die verstorbenen Mitglieder reihte. Nachdem die letzten Laute verklungen waren, betrat der Rabbiner, Herr Dr. Jacobsohn, die provisorisch hergerichtete Kanzel und verbreitete sich in einer fast einstündigen Rede in fesselndster Weise über die Entwickelungsgeschichte des Vereins, zugleich legte er den Mitgliedern in warmen Worten das Zusammenhalten und die Befolgung ihrer Aufgaben ans Herz. Hierauf folgte der Gesang „Ehre sei Gott in der Höhe!" Der Verlesung der von Herrn Hermann Colm gewidmeten Denkschrift folgte der Schlußgesang „Hallelujah!" Den zweiten Theil des Festes bildete ein von der Regimentskapelle ansgcführtes Concert mit reichhaltigem Programm. Hieraus schritt man zu einem gemeinsamen Festessen, welches von dem Traiteur Herrn Heimann Löwenthal vorbereitet war. Während des Festmahls toastete der Vorsitzende des Vereins, Herr Kaufmann Badt, auf den Kaiser; noch viele andere Toaste und Vorträge folgten. Erst gegen 1 Uhr Nachts trennten sich die Mitglieder und Gäste. Den Provinzialbehörden in der Provinz Posen ist eine Verfügung zngegangen, wonach gegen israelitische Kinder wegen Nichtbesuchs der Schule am Sabbat Schulversäumnißstrafen nicht verhängt werden dürfen, wenn der Wunsch der Eltern bezüglich der Befreiung der Kinder vom Schulbesuch zur Kenntniß der zuständigen Behörde gebracht ist. H. Wolfs. Köln. Der Rechenschafts-Bericht des Vereins des jüdischen Lehrer-Seminars in Rheinland zu Köln für 1889 (das 23. Jahr seines Bestehens) weift wiederum recht erfreuliche Fortschritte auf. Die aus dem Seminar hervorgegangenen Lehrer zeigen das begeisterte Streben und die Fähigkeit, sich auf Grund der erworbenen Kenntnisse selbstthätig fortzubilden und die ihnen anvertraute Jugend zu Gott und Menschen wohlgefälligen Juden heranzubilden. Das ehrende Vertrauen, welches die Anstalt als einer Pflanz- und Pflegestätte altjüdischer Glaubenswissenschaft in innigem Vereine mit zeitgenössischer Bildung und treuer Pflichterfüllung von nah und fern entgegengebracht wird, hat sich auch im veiflossenen Jahre wiederum durch die ihr zugewandten frommen Stiftungen im Gesammtbetrage von 5800 Mark in erfreulicher und dankenswerther Weise zu erkennen gegeben. Die Familie Hackenbroch hat durch Herrn Lazarus Hackenbroch in Frankfurt a. M. der Seminar-Synagoge ein werthvolles und geschmackvoll gearbeitetes silbernes Taß gespendet. Mit dem Schluffe des Winter- und Sommersemesters sind je 5 Zöglinge entlassen worden und haben mit Ausnahme eines derselben, welcher, musikalisch sehr begabt, sich für das Cantorat auszubilden gedenkt, im Schuldienste Verwendung gefunden, so daß die Anstalt nur noch von 24 Zöglingen besucht wird. In früheren Berichten wurde bereits darauf hingewiesen, daß dem Seminar alljährlich Zöglinge, welche nicht aus jüdischen Präparandenanstaltcn hervorgegangen sind, aus verschiedenen Gegenden und daher ungleich vorgebildct zugeführt werden. — Die Unterweisung derselben begegnet insbesondere bezüglich der religionswissenschaftlichen Disciplinen erheblichen Schwierigkeiten, und es bedarf einer geraumen Zeit, um diese Schüler zum Zwecke der nunmehrigen gemeinsamen und gleichmäßigen Fortbildung in der Anstalt allmählich zu assimiliren. Das Seminar würde ein ungleich besseres Unterrichtsergebniß erzielen und doch den Zöglingen die Lösung ihrer Aufgabe wesentlich erleichtern können, wenn es eine eigene Präparandenanstalt mit zweijährigem Cursus besäße, in welche dieselben in einem früheren bildungsfähigeren Lebensalter eintreten könnten, um für das Seminar und im Sinne desselben untcrrichtlich und erziehlich vorgcbildet zu werden. Eines der Hindernisse, welche der Verwirklichung dieses langgehegten Wunsches bisher entgegengestanden, ist nunmehr glücklich beseitigt. Durch einen vorteilhaften Terrain-Austausch hat das Seminar einen Flächenraum von 302 Quadratmeter gewonnen, welcher zur Errichtung eines Anbaues und dessen Einrichtung für den Zweck einer Präparandenanstalt benutzt werden könnte. Im Vertrauen auf die altbewährten Verheißungen unserer heiligen Gotteslehre und den nie ernrüdenden opferfreudigen Wohlthätigkeitssinn ihrer Bekenner und Verehrer spricht das Curatortum die dringende Bitte und die zuversichtliche Hoffnung aus, daß die für eine so wünschenswerthe Vervollständigung der Lehrveranstaltung erforderlichen äußeren Mittel von den Freunden dieses Strcbens möchten zur Verfügung gestellt werden.