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Der Israelit · 1891-02-23 · Heft 16 (23.2.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 16 (23.2.1891)
Date
1891-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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801 Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Mainz, 20. Februar. In der Reichstagssitzung vom 14. d. kam es gelegentlich der Berathung über die Arbeiterschutzvorlage zu einer kleinen Antisemitendebatte, und war es der Abgeordnete Biehl (Centrum)' der durch seine Aeußerungcn gegen die orthodoxen Juden die unerquickliche Scene hervorrief. Der Hergang war folgender: Bei Besprechung der Paragraphen, welche über die Sonntagsruhe handeln, hatte Bebel unter Anderem die Bemerkung gemacht: „Das Centrum sollte doch den Bibelspruch beherzigen: sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten ruhen. Die Herren sollten sich dos Beispiel der orthodoxen Juden vor Augen führen, welche am Sonnabend den ganzen Tag schlichen, obwohl sie auch am Sonntag ihre Läden nicht lange öffnen." Darauf rcplizirte Herr Biehl mit folgenden Worten: „Wenn der Abgeordnete Bebel uns die Juden als Beispiel hingestellt, so ist zu bemerken, daß die orthodoxen Juden den Grundsatz haben, am Sonnabend wohl Geld einzustreichen und nur keine Ontttung anszustellen und wir ihnen das marktschreierische und unsolide Geschäftstreiben nicht nachahmen dürfen." Hierauf sprach der dcutschfreisinnige Abgeordnete Dr. Krause sein Bedauern darüber aus, daß der Abgeordnete Biehl die Gelegenheit benutzt habe, eine den konfessionellen Frieden störende Bemerkung zu machen. Sodann antwortete Herr Bebel: „. . . . Dagegen hat Herr Biehl Veranlassung zu einem Ausfall gegen die Juden genommen, zu welchem ihm meine Bemerkung keinen Anlaß gab. Gegen die Bezeichnung der Juden als „unsolide und marktschreierische Leute" muß ich entschieden Verwahrung einlegen. Unzweifelhaft giebt es unsolide marktschreierische jüdische Geschäftsleute, aber ebenso unzweifelhaft giebt es solche unter den sogenannten Christen. (Sehr richtig! links.) Herr Biehl braucht unter seinen eigenen Parteigenossen gar nicht weit zu suchen, besonders unter seinen Parteifreunden in München, um Personen zu finden, die in Bezug auf Marktschreierei und Schwindel den Juden nichts nachgebcn, wenn sie auch gute Katholiken sich nennen." Bei den auf die Debatte folgenden persönlichen Bemerkungen versuchte Herr Bichl sich zu entschuldigen, indem er sagte: „Nicht ich habe angefangen, konfessionelle Gegensätze in die Debatte zu werfen, sondern Herr Bebel. Ich habe die Juden auch nicht verächtlich zu mache» gesucht, sondern mich dagegen gewehrt, daß sie den Christen als Muster hingestellt werden." Am 15. d. richtete die Nedaction dieser Blätter an den Abgeordneten Herrn Biehl einen Brief, in welchem der ungerechtfertigte Angriff gegen die orthodoxen Juden zurückgewicsen wurde. Bei Beginn der gestrigen Reichstagssitzung hat nun der Abgeordnete Biehl in loyaler Weise diese Beschuldigung mit folgenden Worten zurückgenommen: „In der Sitzung vom 14. d. M. habe ich, veranlaßt durch eine Bemerkung des Abg. Bebel, geäußert , daß der orthodoxe Jude am Sonnabend wohl Geld einsteckt, aber nicht quittirt. Dieser Aeußerung verdanke ich einen Brief aus Mainz von der Redaction des „Israelit" und „Jeschurun", in dem es heißt: „Wir gestatten uns hierauf die ergebene Bemerkung, daß cs den orthodoxen Juden religiousgcsetzlich verboten ist, das Inkasso von Geldern am Sabbat zu besorgen. Die orthodoxen Juden berühren nicht einmal gangbares Geld am Sabbat. Wir dürfen demnach wohl eine Richtigstellung Ihrer Aeußerung in der morgigen Sitzung des Reichstags von Ihnen erwarten." Berlin, 8. Februar. Ein Vorgang auf der polytechnischen Hochschule in Charlottenburg macht zur Zeit hier viel von sich reden. Es handelte sich um eine Petition gegen die Berechtigung der bei dcr Hochschule eingeschriebenen russischen Juden. Schon seit einem Jahr zeigt sich gegen dieselben eine Bewegung unter einem Theil der Studentenschaft. Ein an den Rector und Senat gesandtes Schreiben, welches daS Gesuch enthielt, bei der Aufnahme von Ausländern strenger zu verfahren, ist, wie wir hören, dahin beantwortet, daß streng nach den bestehenden Bestimmungen verfahren wird. Die Studenten haben sich indeß dabei nicht beruhigt, sondern sich an den Minister zu wenden beschlossen. Gegenwärtig wird noch an dem Entwurf der Petition gearbeitet, der Schwierigkeiten zu machen scheint. Ein Theil der Studenten ist gegen die Petition. Leider ist es nicht die Majorität. Die letztere will zwar nicht gelten lassen, daß die Spitze der Petition sich gegen die russischen Juden richtet, aber thatsächlich würde sie doch vorzugsweise diese trefft«. Und was hat die ganze Bewegung für einen Zweck? Will man die Ausländer ganz ausschließen, oder was will man eigentlich? Frankfurt a. M. In unserer Stadt wurde ein Glaubensgenosse durch die Stadtverordneten zu einem hervorragenden bürgerlichen Ehrenamt erwählt. Die Stelle eines Vorstehers und Waisenraths im 3. Stadt-Bezirk wurde Herrn Buchbindermeister Louis Sund hei m er übertragen. Es zeigt diese Wahl, daß hier kein Boden ist für antisemitische Umtriebe und daß gemeinnütziges Wirken, auch ohne auffälliges Hervordrängen Anerkennung findet. D.

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