Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448138--31646-2479456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
297 auf beit Kopf. Also höre. Denkst Du noch des Tages und der Umstände, da wir uns kennen lernten und Freunde wurden?" „Wie sollte ich nicht? Nie werde ich daran vergessen." „Es war auch ein eigenthümliches Zusammentreffen. Ich ging aus der Brücke, die hinüber nach Brooklyn führt, spazieren und überlegte gerade, aus welche Weise ich meinem elenden Dasein ein Ende machen könne." „Das heißt mit andern Worten, Du überlegtest, wo Du etwas hättest verdienen können." „Well, nennen wir es meinethalben so. Ich war so in Gedanken vertieft, dast ich das Nahen eines von zwei wilden Pferden gezogenen Wagens nicht vernahm und unfehlbar von den Bestien zertreten worden wäre, wenn Du mich nicht gerettet hättest." „Sprich nicht davon, Du hast jenen Augenblick schon oft genug erwähnt." „Unterbrich mich nicht. Ich erblickte in meiner Rettung einen Fingerzeig Gottes und ich schloß mich Dir au; wir wohnten, arbeiteten und lebten zusammen, kurz, wir waren Freunde in des Wortes edelster Bedeutung geworden. Du fragtest nicht nach meinem Vorleben, ich wollte Deines nicht kennen lernen, wir genügten einander so, wie wir waren. Unsere Unternehmungen glückten; in zehn Jahren waren wir reich. Da zog cs Dich zur Heimath: ich entschloß mich, Dich zu begleiten. Wir kamen hier an und Du konntest Dich nicht mehr trennen von Deinem Geburtsorte. Wir lernten beide ein hübsches Mädchen kennen und als ich merkte, daß mein Herz eine Neigung für dieses Mädchen gefaßt hatte, als ich erkannte, daß ich in wahnsinniger Liebe zu jenem Mädchen entbrannt war, da wars zu spät. Jenes Mädchen hatte einen Anderen geheirathct und ich — ich war allein mit meinem Schmerz." „Armer Freund! Warum sprachst Du nie mit mir — „Ich trug meinen Schmerz allein. Was ich gelitten und wie ich gekämpft, das weiß nur der, welcher alles weiß. Wie ich gerungen und mich gemüht, diese wahnsinnige Liebe aus meinem Herzen zu reißen, das hat nur Gott gesehen. Silber meine Kraft ist erschöpft; nicht länger vermag ich zu streiten und zu kämpfen gegen den Dämon in meinem Herzen, und damit ich nicht unterliege und die Selbstachtung verliere, muß ich fliehen, muß das Weltmeer zwischen mir und meiner Liebe sein. C, Robert, Du warst mir ein treuer Freund und jetzt muß ich auch Dich verlieren, denn unser Abschied ist ein Abschied auf ewig. Allein und verlassen, wie an jenem Tage, kehr ich nach New-Aork zurück. — Doch laß' mich nicht weich werden; ich habe Dir noch etwas mitzutheilen." Eine Pause entstand. Keiner von den Freunden konnte ein Wort reden. Perl faßte sich zuerst und fuhr fort: „Dir danke ich mein Leben in zweifacher Hinsicht. Tu lehrtest mich den Segen der Arbeit, den Werth der Treue und Redlichkeit kennen und aus einem verworfenen Subjeet bin ich ein Gentleman unter Deiner Führung geworden. Oder kannst Tu nicht bezeugen, daß ich ein Gentleman bin?" „Ich kann es nicht leugnen," entgegnete Robert, „obschon —" „Nun, obschon?" „Nimmst Du mir ein offenes Wort übel?" „Wie sollte ich einem solchen Freunde, wie Du mir einer bist, ein offenes Wort verübeln? Ich erwarte im Gegentheil volle Offenheit von Dir." „Nun, so höre. Ja, Du bist ein braver Kerl, Du wärest aber ein vollkommener Gentleman, wenn Du Dich entschließen könntest, die Gebote unserer heiligen Religion zu erfüllen, die Satzungen und Vorschriften unserer heiligen Lehre zu halten. Es ist Keiner ein wahrer Gentleman, wenn er nicht auch in religiöser Hinsicht über dem Alltäglichen steht. Wie viele Glaubensgenossen vermeinen schon ihrer religiösen Pflicht als Juden Zenügt zu haben, wenn sie keine Gebote unserer Religion übertreten; sie scheinen nicht zu wissen, daß unser Glaube, unsere Religion Thaten von uns verlangen, daß wir nicht nur ntPj;n niSJO, sondern auch nE'y man haben, und solche Juden rechnen wir gewiß nicht zu den Edlen unseres Volkes. Und nun Du! Dich genirte und Du erfülltest seit Jahren kein Gesetz unserer Religion. Obschon Du die Sabbat- und Speisegesetze kennst und halten könntest, setzest Du Dich über dieselben hinweg. Obschon ich Dich schon öfters an deren Erfüllung ermahnte, Du achtetest meiner Ermahnungen nicht." „Hast Tu früher nicht auch das gethan, was Du jetzt an mir tadelst?" fragte Perl erregt. „Gewiß, ich leugne meine Sünden nicht, aber ich habe eingesehen, daß es kein wahres Glück, keine echte Nobilität ohne wahrhafte Frömmigkeit gibt, und ich bin umgekehrt auf dem falschen Wege, den ich wandelte." „Du hast eine fromme Frau gefunden, die Dir beigestanden, die Dich wieder fromm „Nein, Perl, Du irrest. Nicht aus Gefälligkeit für meine Frau bin ich ein frommer Jehudi wieder geworden, sondern aus eigener innerster Ueberzeugung, und wenn Du erst einsehen würdest, daß es ohne die wahre Frömmigkeit kein reines Glück gibt, so würdest Du auch das werden, was Du vermeinst zu sein, ein vollkommener Gentleman." „Du magst recht haben", versetzte Perl traurig; „mir wird es freilich schwer fallen, alle Gebote, Gesetze und Vorschriften der heiligen Thora zu erfüllen." „Was schadets? Weißt Du nicht: Je heftiger der Krieg, desto herrlicher der Sieg." „Zugegeben, ich vermöchte auch dieses, so würde doch meine Vergangenheit —" „Laß' sie ruhen! Und wenn Du der größte Verbrecher gewesen wärest, Dein ferneres Leben würde Vieles sühnen. Ich will Deine Vergangenheit nicht kennen lernen; sage mir lieber von der Zukunft." „Die Zukunft liegt trostlos und öde vor mir. Ich habe aufgehört zu hoffen und zu lieben, mir bleibt nur noch der Glaube an Dich und an Deine Treue." „Und der Glaube an Gott." „Ich will versuchen, mir ihn wieder anzueignen. Man sagt ja, wenn das Herz Schifsbruch leide, nähere sich die Seele ihrem Schöpfer; vielleicht ist es auch bei mir so." „Möchte der liebe Gott es geben! Wie glücklich wirst Du Dich fühlen, wenn Du Dir täglich sagen darfst, ich bin meinem Schöpfer näher gekommen, ich habe meine Pflicht als Jude in höchstem Maaße erfüllt. Du wirst Gefallen finden an der Erfüllung unserer Religionsgesetze, denn n*i*c ms»c, der Lohn für die Erfüllung eines Gottesgebotes, ist ein anderes Gottesgebot." „Wahr und wahrhaftig ist dieses Wort," ries Perl erschüttert, „aber auch das Ende dieser Satzes ist wahr! Ich hab's an mir erfahren! Ter Lohn der Sunde ist die Sünde; eine Kette ohne Ende, deren Glieder sich fest ineinander fügen. Ich möchte wohl Deinem Rathe folgen, aber ich fürchte, ich bin zu schwach, es ist zu spät." „Laß' diese Furcht; komm' mit mir nach Hause. Meine Rose und ich werden ein Mittel finden, Dich zu heilen. Tie Freundschaft vermag gar viel." „Du bist ein Thor, Robert. Dein gutes Herz spielt Dir wieder einen Streich. Deine Rose könnte anstatt Freundschaft Liebe für mich empfinden, und dann hätte ich auch Euer Glück — doch horch', hörst Tu nichts?" Tie Freunde sahen sich im Zimmer um. Beide hatten einen Seufzer gehört, der wie ein Geisterhauch durch das Zimmer gedrungen war. Tann erhoben sie sich. Robert ging aus Perl zu, schlang seine Arme um ihn und sprach mit inniger Stimme: