Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Ueberzieher und wandte sich zum Fortgehen. Als er an der Küche vorbeiging, rief er seiner Frau zu: »Ich gehe in den Club, Rösel; wenn es heute etwas später wird, ängstige Dich nicht; wir haben eine reichhaltige Tagesordnung." „Warte einen Augenblick", tönte es zurück und bald erschien Rose mit ihrer Küchenschürze uitd gab ihrem Manne die Hand und sprach: „Nun, erbaue Dich recht schön und denke auch an mich und meine Bitte." Robert führte die Hand galant an seine Lippen und erwiederte: „Ich denke stets an Dich und bin betrübt, daß ich - „Nur jetzt stille davon; wir werden ja sehen", uitd damit schob sie ihren Mann zur Thüre hinaus. Robert Koch ging in den Club. Tie Unterredung mit seiner Frau ging ihm durch den Sinn, und als sein Freund Perl sich ihm zugesellte, beschloß er, diesem den streit, den er mit seiner Frau gehabt, zu erzählen. Perl lachte darüber und sprach: „So ist die Empfindlichkeit der deutschen Damen! Tn hast recht gethan, mir es zu sagen, daß Deine Frau nicht anders ist, wie alle Uebrigen auch. Ich werde ihren Wunsch respectiren und Deine Wohnung meiden. Dich aber muß ich täglich sehen und sprechen, denn ich bin das seit 15 Jahren gewöhnt, und wenn Tu mich bei Dir nicht empfangen kannst, so komme zu mir. L!der warte; meine Cousine hat ein hübsch möblirtes Zimmer zu vcrmiethen. Für ein paar Mark haben wir einen Platz, wo wir uns ungestört sprechen und in der Erinnerung entschwundener Zeiten schwelgen können. Bist Du damit einverstanden, so richte ich es morgen schon zu einem echten ameru-au liome ein und erwarte Dich übermorgen des Abends 7 Uhr." Robert willigte in den abenteuerlichen Plan ein, und von dem folgenden Tage an verbrachten die Freunde täglich eine Stunde miteinander, rauchend, plaudernd und in der Erinnerung gemeinsam verlebter Tage schwelgend. Rose war hocherfreut, daß Perl's Besuche unterblieben. Sie sprach mit ihrem Manne nicht darüber, aber an ihrem ganzen Wesen konnte er merken, daß sie ihm ihren Dank für die Erfüllung ihres Wunsches darbringen wollte; all' die kleinen Zuvorkommenheiten und Aufmerksamkeiten, die, wenn sie nicht geübt, auch nicht entbehrt werden, die aber, wenn sie geübt, höchst angenehm von Jedermann empfunden werden, wußte sie zu finden und zu bethätigen, so daß er ihrem Eifer oft wehren mußte. Aber auch Robert waren die Stunden, die er allein mit dem Freunde verbrachte, zum Bedürfniß geworden und täglich, sobald es sieben Uhr wurde, erschien er im american home. Wie es nun in einer kleinen Stadt geht, das Geheimnitz oder vielmehr die regelmäßigen Zusammenkünfte der Freunde fielen auf, und bald bildete sich ein ganzer Legendenkreis um die beiden Herren und deren american home. Die lieben Kaffeeschwestern waren hocherfreut über den seltenen Unterhaltungsstoff, und in ihren grausigen Er-! zählungen erschienen die Freunde bald als Dpiumraucher, bald als Morphinisten und Coca'inisten, bald als verkappte Nihilisten und Freimaurer, kurz, je geheimnißvoller man von ihnen sprechen konnte, um so geheimnißvoller geschah es. Wohlmeinende Seelen konnten es nicht unterlassen, Rose einen Wink zu geben, sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen, in denen ihr Mann angeblich schwebte. Rose lachte anfangs über die allzugroße Fürsorge der Freundinnen. Als aber die Blicke der Wächterinnen des Capitols — paräon, der Ehre und Wohlfahrt aller Menschen immer mitleidiger auf ihr ruhten, als sich die Phantasie jener Märchenerzähler in immer höhere Regionen verstieg, beschloß sie, ihrem Robert eine diesbezügliche Mittheilung zu machen. Robert lachte, als er hörte, daß man sich also mit ihm beschäftige und sagte: „Aengstige Dich nicht, meine Rose; laß' sie schwätzen, was sie wollen." „Ist denn etwas Wahres daran?" fragte Rose gespannt. „Gewiß", entgegnete Robert. „Da Perl nicht mehr hierherkommen soll, gehe ich zu ihm. Ich hoffe, Du wirst darin keine Gefahr für mich erblicken." „Sprich' doch nicht so!" versetzte Rose. „Meinetwegen darfst Tu Perl so oft besuchen, als Du willst; aber —" „Run, aber?" „Aber Ihr kommt ja an einem dritten Drte zusammen; warum?" „Auch das weißt Tn! Warum? Um ungestört zu sein." Damit hatte die Uilterredung ein Ende. Rosa vertraute der Ehrenhaftigkeit ihres Mannes, und sein Wort hätte ihr genügen sollen. In den ersten Tagen dachte sie auch nicht weiter daran. Aber eS ist eine bekannte Thatsache, nichts haftet eher und besser als Mißtrauen, und es mag gesäet werden, wo es auch will, mit der Zeit faßt es Wurzel selbst auf dem härtesten Felsenboden, auf dem sich das Vertrauen eine Stätte errichtet hat und wuchert da langsam weiter, bis es dem Vertrauen allen Boden entzogen hat. Robert besuchte nach wie vor seinen Freund, und Rose sah mit immer scheeleren Blicken diese Besuche stattfinden. Wenn sie nur gewußt hätte, was dir beiden Herren in jenem Zimmer trieben! Gingen sie nicht auf verbotenen Wegen, so halten sie nicht nothig, so geheimnitzvoll zu sein. Robert sah seit einiger Zeit so blaß und kränklich aus; sollten sie wirklich Tpinm oder — das könnte nicht sein, denn auch am Sabbat ging ihr Mann hin und am Sabbat rauchte er sicher nicht. Tder sollte er sie täuschen? Sollte Perl ihn verleitet haben, den Sabbat zu entweihen? Sie ertrug diesen Zweifel nicht länger; sie mußte sich Gewißheit verschaffen. Es gelang ihr, ohne daß sie Verdacht erregte, sich mit Perl's Cousine zu befreunden und ihre einmal im Scherz gcthane Aeußernng, ihren Mann und seinen Freund belauschen zu können, fand Beifall bei der jungen Frau und als am nächsten Sonnabend die Freunde sich trafen, ahnten sie nicht, daß Rose, hinter einer spanischen Wand verborgen, jede Silbe, die sie sprachen, hören und verstehen konnte. Zuerst sprachen die Freunde englisch, und sie vernahm, wie Perl seinen Entschluß, Deutschland zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren, dem Freunde mittheilte. Dieser war sehr erschrocken darüber und fragte nach dem Grunde dieses Entschlusses. „Danach kannst nur Du fragen," antwortete Perl in deutscher Sprache. „Tn hast drüben Deine deutsche Natur nicht verloren und bist sehend blind. Ich muß nach Amerika zurück, wenn ich nicht ein Elender, ein Verräther an Dir und unserer Freundschaft werden soll." Robert sah Perl staunend an. Er verstand seinen Freund nicht und konnte sich das aufgeregte Wesen desselben nicht erklären. Dieser war vom Sopha aufgestanden und hatte sich an's Fenster gestellt, um dem Freunde seine Aufregung zu verbergen. Jetzt trat er wieder zu Robert hin, setzte sich neben ihn auf das Sopha und sprach: „Mein Entschluß ist gefaßt; ich reise morgen schon und will unser letztes Beisammensein benutzen, um Dir ein Bekenntniß, die Beichte meines Lebens abzulegen. Wir werden uns voraussichtlich nie Wiedersehen, denn ich kehre nicht nach Europa zurück und Du wirst mich in der neuen Welt nicht besuchen. Unsere Freundschaft jedoch möge weiterdaucrn und ich erwarte allmonatlich Nachricht von Dir durch eine Adresse, die ich Dir später mittheilen werde." „Was ist denn los, daß Du auf einmal solchen spieen bekommst?" „Nenne es spleeu; vielleicht triffst Du damit den Nagel