Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Ich blickte ihn verlegen an; wie kann der Mann mir helfen? „Was schauen Sie so verblifft?" sagte das Männlein, pfiffig mit den Augen blinzelnd. „So lange Stasch lebt, haben Sie nicht zu sorgen!" „Sorgen — was sorgen?" fragte ich immer befremdeter. „Erklären Sie sich doch deutlich!" „Ist es Ihnen nicht recht so," stieß er mit einem rohen, widerlichen Gelächter hervor, „dann drehen wir die Geschichte um und sagen: so lange Stasch sorgt, haben Sie nicht zu leben, jetzt aber lebt Stasch, haben Sie nicht zu sorgen. Ich werde Ihnen mit Gotteshilfe Ihren Sohn durchführen." „Durchführen?" fragte ich erstaunt. „Wie kommen Sie dazu, jetzt mit mir von Durchführen zu sprechen?" „So ..." sagte er und alle seine acht Finger — die beiden Daumen stacken, wie gewöhnlich, in den Hosentaschen — fingen an, sich wie Windmühlflügel zu drehen. „So, Sie scheinen also noch gar nicht zu wissen, daß der Vorstand in seiner heutigen Sitzung beschlossen hat, Ihren Sohn assentiren zu laffen. Gehen Sie nur früher sich danach erkundigen und dann werden wir darüber ausführlicher sprechen." Bei diesen Worten winkte er mir mit dem großen, kahlen Kopfe zu und bewegte sich zur Thüre hinaus. Ich und meine Frau, die bei der sonderbaren Unterredung zugegen gewesen, waren wie vom Donner gerührt. Sollte der rothe Wölwele mich nur irre geleitet haben? — Wir versäumten keinen Augenblick und liefen, als hätten wir Flügel an den Sohlen, auf die Gasse, um Näheres zu erfahren. Stasch, der Barbier, war gut unterrichtet. Der Vorstand hatte in der That in der heutigen Sitzung das Urtheil über unser einziges Kind gefällt. Wie Wahnsinn ergriff es uns, und in der ersten Verwirrung fanden wir keinen anderen Pfad, als direkt zu Wölwele nach Hause zu laufen. Vielleicht gelingt es uns doch, sein Herz zu erweichen, er könnte ja das Unglück von uns noch abwenden. Im Vorhaus fanden wir wiederum mehrere Verzweifelte, die von einem gleichen Unglücke betroffen waren, wie wir. Auch jetzt war von Wölwele keine Spur zu sehen; sein Weib mit der großen, juwelenbesetzten Stirnbinde auf dem Kopfe und dem Schlüsselbunde an der schmutzigen Schürze, erstattete für ihn Bescheid. „Ein wahres Unglück!" keuchte sie mit einer Stimme, die wie das Gekrächz einer heiseren Eule klang. „Keiner will Soldat sein. Wer denn soll dienen? des Rabbiners Sohn nicht, mein Sohn noch weniger, Ihr alle, lauter Bettelpack, möchtet Euch auch nicht assentiren lassen — da wird nichts anderes übrig bleiben, als daß ich Söldner werde!" Die Armen versuchten, jeder in seiner Weise, zu antworten, doch sie überklingelte sie mit ihren Schlüsseln . . . „Was wollt's nun Ihr wieder?" wandte sie sich hierauf an uns. „Unser Kind, unser armes, einziges Kind" — begann meine Frau mit thränenerstickter Stimme. Aber das schreckliche Weib ließ sie nicht weiter zu Worte kommen, sondern klatschte sich mit beiden Händen in die Hüften, und krähte: „Auch mir 'ne Sorge, wird ein Schneiderjüngel weniger in der Stadt sein!" Ich versuchte zu sprechen, allein die Frau des Regierers begann abermals geräuschvoll mit ihren Schlüsseln zu klingeln und zog sich während dessen in das zweite Zimmer zurück, dessen Thüre sie uns vor der Nase zuschlug. Das war der Bescheid, den wir von der Frau des Regierers erhielten. — (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich ztoeirnal» MontsgS und Touuerstags, jed-Sm«! in mnidrst-ns z Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark,' sür's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Aste Buchhandlnngei» unb Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel M begehen bei E. F. Steiuacher, Leipzig, ztohp!uh Ist. - Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterrcichische Banknoten laut Eours. -- Dirrcw Francouneudimg unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. ösrerr., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco eiu^rrscnde«. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Die vier Hüter (Schluß). — Zeitungsnachrichten und Earrefvondeilzeu: Deutschland: Aus Rheinhessen. Darmstadt. Berlin. — Oenerr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rußland: Warschau. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuel y (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Das Jndeiulmni und die Neige des 19. Jahrhunderts. Bon Dir. Dr. Mendel Hirsch, Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) — Lit. Bericht. — Zeitungsnachrichten und Eorre>pondeu;eit: Deutschland: Worms. Berlin. Dörnach. — Vermischtes Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Eorrefpoudcii;en: Deuischlaud: ReetzerNr.'Aniswalde). — Oesterr.- Ungar. Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — England: London. —^Vermischtes. Inhalt der belletristischen Beilage: Ein Bekenniniß. Erzähltuig v. H. Berger. — Rälhsel. Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Main;. — Expedition des „Israelis u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Main;. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. .Hieven drei Beilagen.