Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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281 Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samnelh. (Fortsetzung.) „Die Lost einer ganzen Gemeinde" begann der Regierer, indem er mir einen Sessel anbot, „drückt Einen nieder. Da heißt es den ganzen Tag nur lierumlanfen, vom Gemeindehaus in verschiedene Aemter, von diesen zn einer Beschneidnng, von der Beschneidung zu einer Trauung, so von einem zum andern, bis Einem der Tag vergeht, und man vergißt an das Essen und Trinken, daß Einem das Herz herausfällt." Und um cs sestznhalten, das herausfallende Herz, leerte er mit einem Zug das ganze Glas. — „Doch welche Angelegenheit führt Sie zu mir, Reb Benjamin?" fügte er hinzu. „Eine Bitte, Reb Wölwele," erwiderte ich demuthsvoll. „Ach, eine Bitte," wiederholte er, die rechte Bartspitze in den Mund langend. „Gewiß, betreffs Ihrer Kinder, daß wir ihnen etwas zu verdienen geben. Doch ich habe ja schon angeordnet, daß man all unfern Bedarf an Frauenkleidern bei Ihren Kindern besorge!" „Dafür tausend Dank, Reb Wölwele, — jetzt führt mich eine ganz andere Bitte zn Ihnen." „Eine andere," wiederholte er, indem er die rechte Bartspitze im Munde kaute und die linke sich unl den Finger wickelte — „welche andere Bitte?" „Mein Jaukele kommt jetzt in das zweiundzwanzigste Lebensjahr," fing ich an. „Zweiundzwanzig Jahre" — unterbrach er mich lebhaft und ließ zugleich beide Barlspitzen aus Mund und Finger fahren, während etwas Unheimliches in seinen Angen aufleuchtete. „Zweiundzwanzig Lebensjahre, also militärpflichtig!" „Ja militärpflichtig," bestätigte ich mit zitternden Lippen. „Richtig!" sagte er, gedehnt und nachdrücklich. „Ich sollte es ja wissen . . . Ihr Sohn ist mit meinem Aronleb gleichen Alters . . . Sie pflegten ja zusammen auf dem Rasenplatz zu spielen... Ist mir noch ganz lebendig. . . Weiß mich an Alles noch gut zu erinnern ... Hab für manche Dinge ein treues Gedächtniß . . ." Das Herz erbebte mir, denn in diesem Augenblick blitzen nicht allein seine beiden meergrünen Augen, wie die einer gereihten Schlange, sondern auch seine wulstigen Lippen verzogen sich und zeigten mir seine spitzen, scharfen, wie gezückte Schwerter blitzenden Zähne ... „Ich war ja nur Vater . . ." stammelte ich verwirrt, „ich war etwas hitzig . . Ich bitte vergessen Sie!" „Dumheiten!" erwiderte er und im Nu nahm sein Gesicht wieder den lammfrommen Ausdruck an. „Wer denkt mehr daran!" Hingerissen von einer unsäglichen Angst und meinen überguellenden väterlichen Gefühlen warf ich mich zu seinen Füßen hin. „Mein Jankele ist jetzt militärpflichtig," sagte ich ihm mit thränengefüllten Augen. „Er ist mein einziges Kind, wir sind ältere Leute. Wir haben Nichts, Nichts als unser einziges Kind. Nimmt man ihn von uns, so nimmt man unser Augenlicht, unser Leben, unser Alles! Erhören Sie die Bitte eines Vaters und Gott, der Vater des Weltalls, wir) auch Sie erhören, wenn Sie zu ihm für Ihre Kinder beten." „Stehen Sie doch auf, Reb Benjamin," erwiderte er weich, wie von meinen Worten ergriffen. „Wer denkt denn daran, Gott behüte, Ihnen Ihr Kind zn nehmen? Weiß ich doch, das er Ihr einziger Sohn ist! Kehren Sie nur ruhig nach Hause zurück. Niemanden von uns kommt cs in den Sinn, Ihnen Ihr Kind assentiren zu lassen!" So überzeugungstreu klangen seine Worte, daß ich mit beruhigtem Herzen wieder nach Hause kehrte. Die Atmosphäre in meinem stillen Heim war, wie immer, rein und sonnig . . . F i'l n f t e s .Kapitel. An demselben Tage, Nachmittag, hatte ich einen unheimlichen Besuch, dieser nannte sich „Stasch, der Barbier " Stasch Barbier, war ein kugelrundes Männlein mit einem großen Kahlkopfe, der ihm fast unmittelbar auf den breiten Schultern saß. mit einem verschmitzten Gesichte, in welchem zwei Pfiffige, nur zur Hälfte geöffnete graue Aeuglein blinzelten. Er trug den Rock immer offen, um beide Daumenfinger bequemer in die Hosentasche stecken zu können. Die übrigen Finger pflegte er während des Sprechens in verschiedenen Evolutionen, je nach dem Inhalte des Gespräches, zu bewegen. Stasch war der Vater aller schweren Herzen; liebesbedürftige Jünglinge fanden immer sein Ohr und sein Haus für ihre Bitte offen; fehlte es Jemanden an einem Belastungs- oder Entlastungszeugen, war Stasch bei der Hand; wo es galt Geld zu verdienen, war er für jeden argen Streich immer bereit. Mit einem Worte, er war gegen klingende Münze Allerweltshelfer. Wie sein Beruf, war seine Sprache immer derb und sein Witz brutal. „Freund Reb Benjamin," fing er an, nachdem er sich neben mich auf eine Bank niedergelassen und einige Minuten ausgeschnauft hatte, „ich habe Vielen geholfen, ich werde auch Ihnen helfen."