Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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280 Erziehung des Volkes Zusammenhänge. Die große Masse besitze erst seit Kurzem politische Freiheiten und deshalb dürfe man sich nicht wundern, wenn dieselben nicht richtig gebraucht würden. Der Minister sagte, man habe aus seinen sozialpolitischen Aeußerungen Schlußfolgerungen gezogen, die übertrieben seien. Er werde alle finanziellen Angelegenheiten ohne jede Voreingenommenheit prüfen. Er sei ein Feind aller langwierigen schriftlichen Auseinandersetzungen. Wenn die Finanzinstitute ihm Vorschläge zu unterbreiten oder Beschwerden zu erheben haben, so mögen sie nur direct an den Minister sich wenden. Rußland. Warschau. Ueber die Bevölkerung der zehn Gouvernements des Zarthums Polen am 1. Januar 1890 veröffentlichte das Warschauer statistische Comit4 vor Kurzem neue Daten. Danach zählte das Weichselgebiet an dem bezeichneten Tage mehr als 8lU Millionen Einwohner, oder 74 Einwohner pro Quadratwerst. Der westliche Theil des Zarthums ist dichter bevölkert, als der östliche, jenseits der Weichsel. Die städtische Bevölkerung des Gebiets beziffert sich aus ca. l’/2 Mill. Einwohner; das Gebiet zählt 84 Kreise mit 1286 Gemeinden, ferner 114 Städte und über 300 Flecken. Im Zarthum überwiegt das römisch.katholische Glaubenskenntniß, dem 75,9 pCt. der Bevölkerung angehören: dann folgen die Juden mit 13,9 pCt., die Protestanten mit 5,4 pCt. und die Orthodoxen mit ca. 400,000 Seelen; in den Gouvernements Lublin und Ssedlez stellen letztere 22 und 20 pCt. Die Inden machen in den Städten 50,6 pCt., die Katholiken 42 pEt. und die Orthodoxen nicht ganz 2 pCt. der Bevölkerung aus; eine Ausnahme macht jedoch Warschau, wo 55 pCt. der Bevölkerung katholisch und 40 pCt. hebräisch sind. England. London, 11. Februar. Sir John Simon, der eigentliche silrheber der Guildhall-Kundgebung zu Gunsten der russischen Juden, theilt in einer Zuschrift an die „Daily News" mit, daß anfänglich Morier, der britanische Botschafter in Petersburg, dem Zaren die Bittschrift der Bürger Londons überreichen sollte, dies aber schließlich auf Weisung Saltsbury's unterließ. Simon glaubt, die britische Regierung habe, indem sie sich zum Werkzeuge der vom Zaren dem Lordmayor und den Bürgern Londons zugesügte Kränkung machte, der ganzen britischen Nation eine Beleidigung angethan. Man fängt jetzt hier an, einzusehen, daß der Beschluß, dem Zaren eine Bittschrift zu überreichen, ein Fehler war: die Veranstaltung einer Kundgebung und die Annahme von Beschlüssen der Theilnahme würde hingereicht haben, eine gewisse Wirkung zu erzielen. London, 12. Februar. Glaubhafte hier eingetroffene Berichte melden die Ausweisung von 617 russischen Juden aus Nowgorod. Ueberhanpt sollen anderweitige Meldungen entgegen, die harten Gesetze gegen die Inden in Rußland auf das strengste ausgeführt werden. -£» Vermischtes. Butzbach, 6. Febr. Tie heutige Verhandlung vor dem hiesigen Schöffengericht ist eine Folge des Beleidigungs- Prozesses des Lehrers Heinemann zu Niederweißel gegen das antisemitische „Kasseler Sonntagsblatt". Ueber die Verhandlungen in Kassel haben wir s. Z. berichtet. Als Verfasser des fraglichen beleidigenden Artikels hat der protestantische Pfarrer Bernhard in Niederweißel sich heute zu verantworten. Eine große Zahl Zeugen werden vernommen. Das Uriheil lautet aus zwanzig Mark Geldstrafe, Tragung der Kosten und Publikation des Urtheils. Homburg. Der hiesige isr. Armen-Holz-Verein, der nunmehr ein 25jährige segensreiche Thätigkeit hinter sich hat, brachte im vergangenen Jahre 522'/z Eentner Steinkohlen und 6 Raummeter verkleinertes Holz an 10 Familien und 5 alleinstehende Personen zur Vertheilung. Die Ausgabe hierfür, wie für 88 Eentner Steinkohlen für Hilferrrfende vom Lande betrugen 737 Mark. Der 1886 von diesem Verein ins Leben gerufene Ausstattungsverein für isr. Mädchen weist 64 Mitglieder mit einem Jahresbeitrag von 433 Mark auf und besitzt ein Vermögen von 6512 Mark. Kleinere Unterstützungen war der Verein schon jetzt in der Lage zu gewähren und wird für die nächsten fünf Jahre 2000 Mark auf einmal zu geben in der Lage sein. Basel, 6. Februar. Herr Julius Dreyfus, dahier ist zum Hauptmanii der Artillerie befördert wordene Kotvno, 20. Januar. Bor dem hiesigen Kreisgerichte gelangte folgender Proceß zur Verhandlung: Eine Bäuerin verlor auf.ihrem Heimgänge aus der Stadt in's Dorf einen Beutel mit 400 Rubeln, den Erlös eines verkauften Grundstückes. Diesen Beutel fand ein jüdischer Lehrer, und ohne ihn geöffnet, ohne von seinem Inhalt eine Ahnung zu haben, erstattete er ihn der Suchenden zurück. Anstatt Finderlohn zu zahlen oder auch nur zu danken, erstattete die Bäuerin gegen den redlichen Finder die Anzeige bei Gericht, der Beutel habe 800 Rubel enthalten, zurückerstattct seien ihr aber nur 400 Rbl. Da vier Zeugen die Angabe der Frau beschworen, wurde der Lehrer gefänglich eingezogen und schmachtete fünfzehn Monate in Untersuchungshaft. Bei der vorwöchentlichen Verhandlung wiederholte die Frau ihre Angabe, die vier Zeugeil beschworen dieselbe abermals, und der Staatsanwalt beantragte die Verurtheilung des Lehrers. Nun wandte sich der Gerichtspräsident abermals an die Bäuerin mit der Frage, ob der von ihr verlorene Beutel wirklich 800 Rbl. enthalten habe, und als sie dies bejahte, fuhr der Präsident fort: „Dann erhältst Du gar nichts von dem Gelde, denn der von dem Lehrer gefundene Beutel kann nicht der von Dir verlorene sein, der ja, wie Du sagst, 800 Rbl. enthalten hat." Kaum hört dies die Bäuerin, als sie in die Kniee sank und betheuerte, der von ihr verlorene Beutel habe in der That nur 400 Rbl. enthalten; ein Bösewicht habe ihr gerathen, von dem Finder noch 400 Rbl. zu fordern, wofür sie versprach, ihm 200 Rbl. abzugeben. Selbstverständlich zog der Staatsanwalt sofort die Klage zurück. Der Lehrer erhält für die erlittene Untersuchungshaft 130 Rbl., gegen die Zeugen wird wegen Meineid Anklage erhoben.