Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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276 liegen hat sich jeder Einzelne einst zu verantworten, wie jeder Hüter sich über ein ihm anvertrautes Gut zu verantworten hat. Jede Seite des dreifachen Hütereidcs erscheint unter diesem Gesichtspunkte in einem ganz besonderen Ernste. i“D tijwd nynv Wer könnte einst in der Stunde der Verantwortung vor dem Weltenrichter das Haupt erheben mit der Betheuerung, er habe die ihm anvertrauten Pfänder des göttlichen Vertrauens auch nur onöwn so gehütet, wie treue Wächter über den ihnen übergebenen Gegenstand wachen! Wenn Jemand Geld und Gut anvertraut erhält, so muß er darüber mit allen durch die Umstände gebotenen Vorsichtsmaßregeln wachen, wenn er für den Verlust nicht haftbar sein soll. Und uns könnte unser Judenthum im Laufe der Tage verkümmert, gestohlen und verloren werden, ohne daß in erster Reihe uns selber die Schuld träfe? Wer zählt die jüdischen Jünglinge und Jungfrauen, die treu und rein das elterliche Haus verließen, erzogen und erfüllt von der Macht des elterlichen Beispiels, und die dann draußen im Leben oft nach kurzer Zeit eine jüdische Eigenthümlichkeit nach der anderen einbüßten! Woher das kommt? ononwi *p*ü no» n^sp, weil sie ihr thenerstes Kleinod nicht hüteten, wie treue Hüter über ein anvertrautes Gut wachen. Was man zu thun hat, um dieser Hüterpflicht treu zu genügen? Aus der reichen Fülle der Anweisungen und Mahnungen, die unsere heiligen Urkunden uns darüber geben, mögen hier nur einige Winke folgen. „Mein Kind," mahnt in den Sprüchen Solomons der weiseste unter allen Menschen, „mein Kind, wenn Dich die Leichtsinnigen verführen möchten, so wolle nicht." Oberflächlich genommen, scheint diese Mahnung nicht die Weisheit des Mundes zu bekunden, dem sie entstammt, und doch enthält sie eine tiefe, tiefe Wahrheit. Sie tritt der allgemein verbreiteten Ansicht von der unwiderstehlichen Macht der Verführung und des schlechten Beispiels durch die Thatsache entgegen, daß Niemand schlecht wird, der nicht schlecht werden wollte. An dem festen, unbeugsamen Willen scheitern alle Verführungskünste. Wer ihnen erliegt, der hat einmal in einem schwachen Augenblick an die Möglichkeit geglaubt, er könne auf dem Wege des Leichtsinns und der Sünde leichter und sicherer das Glück seines Lebens finden, als auf dem eng gezogenen Pfad der Pflicht. Dieser Glaube war es, der ihn den ersten Versuch wagen, der ihn wollen ließ, auf das schlechte Beispiel seiner Umgebung einzugehen. Wer aber nicht will, den können die Leichtsinnigen nicht verführen. Das tägliche Leben bestätigt hundertfach diese Thatsache, daß in Wirklichkeit nicht die Verführung des Verführers, sondern daß es die nachgiebige Willensschwäche des Verführten ist, welche ihn von seinem Hüterposten fortlockte. Der junge Mann, der z. B. durch Unterricht und Erziehung von der Wahrheit der göttlichen Mahnung durchdrungen ist: „Seid mir heilige Männer und esset nicht ."sno, hütet den Sabbat, denn er ist das Zeichen zwischen mir und euch", den werden die Hunderte und Tausende, die sich draußen im Leben scrupellos über diese Mahnung hinwegsetzen, nicht berücken, so lange er nicht berückt sein will. Wie eignet man sich aber diese Willenskraft an, wie erfüllt und behält man sie, daß sie sich gerade in den heißesten Stunden der Versuchung in ihrer ganzen Kraft bewährt? Wie wird man der glückliche Mann, mit welchem das Buch der Psalmen beginnt, der niemals auf das Princip der Schlechten cingeht, nicht stille steht ans dem Wege der Leichtsinnigen und sich nicht niederläßt, wo Spötter sitzen? „Wenn man", wie die Antwort daselbst lautet, „an Gottes Thora seine Freude hat, und in seiner Thora Tag und Nacht sinnt." -nx-Q jnn nir wo m-n i^>. Hat Gott die Leidenschaft geschaffen, so hat er in seiner Thora uns auch das Mittel zu ihrer Bekämpfung gereicht. rwo nr on-Dtfi Hat uns daher Gott zu Hütern berufen, so hat er uns in erster Reihe zur Aneignung seiner Thora, als desjenigen Mittels verpflichtet, das uns den ganzen Ernst der Güter erst zum Bewußtsein bringt, welche durch unsere Willensschwäche Fahrlässigkeit gefährdet werden. — „Gewahrt daher Jemand", lehren in diesem Sinne unsere Weisen, „daß Leiden über ihn kommen, so durchforsche er sein Thun, findet er da nichts, so mag er es von der Vernachlässigung der Thora abhängig machen." Das dürfte uns sagen wollen: Wo ist der Meusch, der sein Thun und Lassen untersuchte, ohne etwas zu finden, das lückenhaft und mit Fehlern behaftet erschiene! Findet aber Jemand in der That nichts, dessen er sich zu schämen oder anzuklagen hätte, so mag er, nicht nur die über ihn hereingebrocheuen Schicksalsschläge, sondern vor allem die Thatsache, daß er keine Mängel und Fehler gefunden, dem Umstande zuschreiben, daß er die Thora vernachlässigt hat! Werden Ernst kennt, mit dem Gottes Wort auf seine Erfüllung dringt, der wird stets mehr als genug Anhaltspunkte finden, die dem redlichen Sucher seine Mangelhaftigkeit zum Bewußtsein bringen. Wer nicht lernt, wer sich nicht täglich neu mit den Pflichten vertraut macht, deren Beobachtung ihm obliegt, der hat bereits eine schwere Fahr-