Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1891)
- Date
- 1891-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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261 Und der gleiche Text Jeremiah's in seiner an die Völker gerichteten Mahnung erwähnt der Allmacht Gottes und lehrt, daß die Menschen, als Diener Gottes, als Mittel in der Hand Gottes, die Aufgabe haben, die Welt zu ihrem sittlichen Endzweck zu führen. — Jede Nation, welche diese ihre Aufgabe aus dem Auge verliert, wird von der Weltbühne verschwinden. Und konnte der göttliche Seher Jeremiah ein passenderes Bild aus der Schöpfung sich zum Vorbild nehmen, als das Wasser, um einerseits Israels Weltsendung, als auch andererseits die Aufgabe der wellbeherrschenden Völker zu kennzeichnen? Glück- und segenbringend ist der Regen, wenn er, durch die Wolken vom Himmel herab die Erde befruchtet, den dürren Boden in einen grünen Rasen verwandelt, die Felder erfrischt, die in die Erde gelegten Samenkörner als fruchttragende Halme emporsprießen, den vielfarbigen Blumen einen angenehmen Wohlgeruch entströmen läßt — aber angst- und schreckenerregend, wenn durch die niederrauschenden Wassermassen Ueberschwemmungen entstehen, welche das Land verheeren und zu Grunde richten. So ist Israel, dem Wasser gleich, im Stande, der Welt Glück und Segen zu bringen, wenn es versteht, seine ihm durch die Offenbarung gewordene Lebensaufgabe zu wahren, jener Offenbarung, die unter „Wolken und Stimmen der Erde" gegeben wurde. So gleicht auch dem verheerenden Wasser Israel, wenn es aus seinen Schranken tritt, uivDQi und seine Stimme, seine Kraft vollständig dem Irdischen hingibt, wenn Israel, wie es im Midrasch heißt, seine Aufgabe varin sucht, die Theater und die Circusse zu füllen, und sich nicht erinnert, daß seine heilige Bestimmung ist, das wahre Menschenglück zu fördern und treue Anhänger Gottes zu sein. Labend, erfrischend, reinigend ist das Wasser, welches den himmlischen Quellen entströmt. Diesem Bilde gleichen die Völker, welche das allgemeine Wohl zu fördern suchen, immer sitteureinigend vorwärts -streben, um das Endziel der sittlichen Welt zu erreichen. Und wenn das Wasser verstecht, wenn die Völker dieser ihrer Aufgabe untreu werden, hdnj vb, dann hat das von Gott in sie gesetzte Vertrauen aufgehört: Sie haben sich dessen nicht würdig gezeigt. Und zur Erreichung des göttlichen Zweckes verschwinden die sittenlosen Völker von der Welrbühue und andere Culturvölker werden, ein göttliches Mittel, als Stellvertreter der erstereu erscheinen. — Die Weisen deS Midrasch entnehmen der Schöpfungsgeschichte den Willen des Allmächtigen, die Welt zn einer vollkommen sittlichen zu gestalten, die undurchdringliche Finsterniß zu erhellen, und das Weltall in einem strahlenden Lichte erglänzen zu lassen. Aber gerade deßhalb, weil Gott, als Er die Welt schuf, den Menschen einen freien Willen verlieh, durfte die Verführung, die Finsterniß nicht aus der Welt gebannt werden, sollte durch das erste Schöpfungswort Licht und Finsterniß mit einander abwechseln und zusammen die ganze Welt beherrschen. Aus dem freien Willen heraus soll die vollkommene Sittlichkeit erreicht werden, das o "nx am die Welt erhellen, das Licht, das, wie die Tradition dies ausdrückt, xib Tnj6 cpnifc, für die späteren Gerechten ausgehoben wurde. Am zweiten Tag sprach Gott: „Es werde eine Ausdehnung inmitten der Wasser und sie scheide zwischen Wasser und Wasser." — Mit dem zweiten Schöpfungstag fängt die Entwickelung der Welt an. Mit der Ausdehnung inmitten der Wasser E'ETi ■pro v'pi beginnt die Entwickelungsperiode und an jenen Text knüpft sich das Wort unserer Weisen: p auinnnn D’on ikod xV '»ans 'n lax .'222 xi?x □'o pcn mn xan p xomn 'i yoiw niro lax nxn noa »22 x^x i>ip pxi ü’dbo .onnon '22 »nj N. Berachja sagte: Als das untere Wasser sich von dem oberen schied, geschah dieses unter Weinen. R. Tanchuma bringt dazu einen Beweis aus folgenoem Texte (unserem Spruch): „Nach den Stimmen seines Gebens der Wassermsssen im Himmel." Pip bedeutet Weinen, wie es heißt: Eine Stimme wird zu Raum vernommen, wehklagend, bitterlich weinend. — Obschon uns die Gelehrten des Midrasch oft verschiedener Meinung zu sein scheinen, so ist dies in Wirklichkeit nicht der Fall. Der eine Gelehrte beleuchtet und erklärt die Meinung seines Vorgängers auf seine Weise, während der andere Gelehrte wieder die Meinung seines Lehrers mit seinen Ideen durchtränkt. So bestätigt auch hier R. Tanchuma nicht nur R. Berachja's Erklärung, sondern beleuchtet dieselbe auch. Das Wasser ist das Symbol für die Völker, welche als Mittel von Gott erwählt sind, die Cultur der Welt auf die Höhe zu erheben, die für uns Menschen überhaupt erreichbar ist. — Wenn die in der Welt sich bewegenden Völker crjirnn sich scheiden von den wenn die Culturvölker ihre göttliche Sendung nicht verstehen, bringen sie statt der segensreichen Cultur Klagen und Trauer in die Welt. Rabbi Tanchuma hat unseren Spruch gewählt als Beweis, wie der vom Himmel fallende Regen abhängig ist von der auf der Erde herrschenden Stimme, ^np bedeutet Weinen, so sagt er, denn es heißt: „Eine Stimme weinte in Rama" über das