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Der Israelit · 1891-02-12 · Heft 13 (12.2.1891) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 13 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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246 Noch merklicher zeigte sich der Unterschied zwischen mir und ihm am Tage, da wir unsere Kinder unter den Trauhimmel führten. Was war das für ein glänzender Hochzeitszug, der Wölwele's Sohn zum Trauhimmel begleitete! Wieviel knisternde und flackernde Fackeln umgaben das Brautpaar, wie rauschten die Seidenkleider und wie blitzten die Perlendiademe vom Haupte der Frauen! Wie brausten die Fiedeln und ach, wie lustig tanzte der Marschalk in seinen bunten Lappen dem Hochzeitszuge voran! — Und bei meinem Jankcle? Nur eine kleine Gruppe von armseligen Verwandten mit abgeschabten Kleidern fand sich mit uns beim Trauhimmel ein, es klang keine Fiedel und es tanzte kein Marschalk, es war so still, so bescheiden, so prunklos! „Ja, meine lieben Kinder, das Glück ist nicht für Jeden gleich, und zeigt sich auch nicht Jedem in einer und derselben Gestalt. Der Eine findet es aus dem großen Tummelplatz des Lebens als Adler, der mit stolzem Gefieder hoch in den Lüften über seinem Haupte kreist, und ihn auf allen Lebenswegen begleitet — doch ist es zu stolz, sich unters Dach einsperren zu lassen, bei sich zu Hause findet er es nie und nimmer. Dem Zweiten wieder zeigt sich das Glück als eine stille, sanflgirrende Taube. Im großen Gewühle findet er es nicht, aber in seinem bescheidenen Kämmerchen lockt und ruft es ihn mit allen lieblichen Tonarten, girrt und spielt und flattert um ihn her mit den schönen, goldigen Flügeln. „Mein Glück war damals eine solche sanfte, stille Taube; in allen Winkeln des Zimmers war ihr sanftes, liebes Girren zu hören. Wir sahen unsere Kinder Hand in Hand nebeneinander sitzen, emsig schaffend und arbeitend und nur von Zeit zu Zeit unterbrachen sie sich, um einander liebestrunken in die Arme zu sinken. Jeder Nadelstich war von einem süßen Kosewörtchen begleitet. Durch ihr emsiges Schaffen gelang es ihnen, jede Woche ein kleines Sümmchen zu erübrigen. Wer war glücklicher als wird Die Welt, Himmel und Erde waren unser, uns leuchtete die Sonne, sangen die Vögel — wir waren glücklich in unserer Armseligkeit. Während wir uns unseres stillen Glückes freuten, fand der rothe Wölwele sein Glück im Gebrause des öffentlichen Lebens. Er stieg immer höher in der Gunst der Gemeinde, erlangte nach und nach alle ihre Ehrenstellen, und nichts geschah ohne seinen Beirath, so kam es, daß mich eines Tages die Neuigkeit überraschte — der rothe Wölwele sei erster „Regierer" geworden. „Erster Regierer bedeutet in der Mundart jener Zeit so viel, wie erster Gemeindevorsteher, aber der Name war für die damaligen Verhältnisse zutreffend, denn so ein Vorsteher war damals unumschränkter Gewalthaber, ein absoluter Herrscher. Er regierte in der Gemeinde mit der rohesten Willkiir und wehe dem, der sich ihm widersetzte, es war ihm ein Leichtes, den Verwegenen zu vernichten, sein Haus und Familenleben zu zerstören. „Der rothe Wölwele erster Regierer — ich fühlte mich, wie von einem Dounerschlag betäubt. Dazu schien es mir noch, daß er mich, als er mir nach seiner Wahl das erstemal in der Synagoge begegnete, mit einem gar giftigen Seitenanblick angesehen hatte, während seine spitzen Zähne sich zusammenfletschten, ganz, wie bei jener unheimlichen Prophezeiung. „Ich suchte mich zu bereden, daß es nur Täuschung war, was ich gesehen, allein der Gedanke wollte nicht von mir weichen, er ängstigte mich, wühlte und hämmerte in mir die Nächte lang und blies mir ein Wort ins Ohr, das alles Blut in mir erstarren machte. Dieses Wort nannte sich — R ecrutirung." (Fortsetzung folgt.) »J-raelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedermal in mindesten« S Sagen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel ju beziehen bei E. F. Kleinastrer, Leipzig. Zloßpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco emptfendc». Inhalt (Hanptblatt): Leitende Artikel: Die vier Hüter (Fortsetzung). — Das Judenlhnm und die Neige des 19. Jahrhunderts. Von Dir. Dr. Mendel Hirsch, Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — England: London. — Italien: Rom. Rumänien: Bukarest. — Afrika: Marokko. — Amerika: New-Uork. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan S a m u e l y (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Mainz. Metz. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Rumänien: Bukarest. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. Wiesbaden. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. VLr-Palota. — Palästina: Jerusalem. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdtuckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.

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