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Der Israelit · 1891-02-12 · Heft 13 (12.2.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 13 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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245 in unserer Gemeinde das religiöse Gefühl noch nicht erloschen und diesem zur Seite geht der große Wohlthätigkeitssinn. Afrika. Marokko. Der Sultan hat als Beweis seiner Huld bei Gelegenheit der Hochzeit seines Sohnes den hiesigen Juden ein Picnic veranstaltet, bei welchem nur koscher zubereitete Speisen aufgetragen worden sind. Amerika. Newyork, 8. Febr. Baron Hirsch telegraphirte an die Administration der Hirsch'schen Stiftung zur Unterstützung der jüdischen Einwanderung in Amerika, er habe derselben 12 Millionen Francs zur Verfügung gestellt und die Administratoren ermächtigt, falls die Zinsen dieser Summe nicht ausreichen sollten, um alle Zwecke der Stiftung zu erfüllen, einen Thetl des Kapitals mit zu verwenden; er werde letzteres dann wieder ergänzen. Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samrrcly. (Fortsetzung.) „Von diesem peinlichen Gefühl war ich jedoch bald befreit", fuhr der Blinde fort, „als ich nach Hause kam, wo still und bescheiden mir göttlicher Segen blühte. Hier sah es immer rein und niedlich aus, wie in einem Schmuckkästchen und Alles athmete süße Traulichkeit. Die neuen Verhältnisse, die unsere Kinder herbeiführten, gestatteten es uns, das Leben bequem einzurichtcu. Die Arbeit gibt dem Geiste Ruhe, dem Körper Kraft und Stärke. Jankele entwickelte sich zu einer kräftigen, stattlichen Gestalt, und Rachele — sie zu schildern, reichen mir die Worte nicht aus. Schön war sie, wie die Morgenröthe, klug wie der hellichte Tag und herzlieb wie die gute Stunde selbst. „Wenn sie sich an den Feiertagen auf der Gasse zeigten, dann brummte freilich mancher Geldaristokrat in den Bart: „Sieh' Dir nur an das Schnetderjüngel mit dem Schneidermädel!" aber nachgaffen mußte er ihnen dennoch und weniger Neidische gar, konnten den Ruf nicht unterdrücken: „Was ist das für ein reizendes Pärchen!" „Gar lieb und traulich waren die Stunden, die wir bei unserer Arbeit verlebten. Allerdings mußte es sich gar eigenthümlich ausnehmen, wenn so in dem einen Zimmer weiße Schlafgewänder für die letzte Ruhestätte und in dem zweiten Sammt- und Seidenkleider für Hochzeitsaussteuer angefertigt wurden — allein, wer von uns dachte daran? Und wenn Rachele während ihrer Arbeit ein Liedchen anstimmte, und ihr Bräutigam Jankele sie mit seiner ernsten, volltönenden Stimme begleitete, dann quoll uns, ihren Eltern, das Herz zu den Lippen herauf und wir sangen mit. „Seitdem der rothe Wölwele in der Gemeinde so hoch gestiegen, war er mir gegenüber in einen anderen Menschen umgewandelt. Nicht allein, daß er mich nicht mehr wie ehemals mit seinen giftigen Blicken verfolgte, that er auch sein Möglichstes, mich sein Uebergewicht in der Gemeinde vergeffen zu machen. Am Sabbat ließ er mich oft zur Thora aufrufen, und meinen Gruß erwiderte er immer mit einem lauten Gegengruß. Ja, er wehrte es auch nicht, daß die Hochzeitsaussteuer seiner Schwiegertochter — denn auch sein Sohn war zu jener Zeit bereits verlobt — bei meinen Kindern angefertigt werde. „Es fügte sich, daß die Trauung unserer beiden Söhne auf einen und denselben Tag zusammenfiel, auch ließen sie sich beide an einem und demselben Sabbat zur Thora aufrufen. Dieser freudige Anlaß war nicht frei von einem wehmüthigen Gefühl, das mich beschlich, beim Anblicke des großen Unterschiedes, der zwischen mir und Wölwele bestand. Umgeben von allen Vornehmen der Gemeinde, erschien Wölwele mit seinem Sohne an jenem Sabbat in der Synagoge, wo sie ihre stolzen Sitze in der Vorderreihe einnahmen. Auch die „Weiberschul" füllte sich in allen Räumen mit reichgeschmückten, in Sammt und Seide einherrauschenden Frauen, die als Theilnehmerinnen mit der Frau des reichen Wölwele erschienen. Ich, das arme Schneiderlein, hatte keine Freunde, keine Bekannten und kam nur mit meinem Jankele in die Synagoge, wo wir unsere bescheidenen Plätze gegenüber der Thüre einnahmen. — Von den Teilnehmern Wölwele's, die allesammt zur Thora aufgerufen wurden, fielen gar reiche Spenden, und als der Synagogendiener mit lauter, klingender Stimme den Bräutigam zur Thora aufrief, stürzte von der „Weiberschul" ein wahrer Hagelschauer von Rosinen und Mandeln über das Haupt des Bräutigams nieder, worüber sich die kleinen Kinder wie eine Schaar hungriger Hühnchen über die Brotkrümchen warfen, während von allen Seiten ein lautes: „Masel tow! Masel tow!" erscholl. — Mein Jankele hingegen wurde mit nur näselnder, schier verächtlicher Stimme zur Thora gerufen, keine Spenden sielen, und kaum eine Handvoll Rosinen und Mandeln warf meine Frau durch das Fenster der „Weiberschul" herunter, so daß kein einziges Kind es der Mühe Werth fand, sich danach zu bücken — auch erhob sich keine Stimme, um mich und mein Kind mit einem „Masel tow" zu beglückwünschen.

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