Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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196 dem freundlichen „Gut' Schabbes" eutgegenkam, da wich jenes schreckliche Bild, wie ein schwarzes Gewölk vor der Sonne. Erst später, als Frau und Kinder im Schlaf versunken waren, erwachte es wieder, jenes furchtbare Bild, und da schien es mir, als spien die Sabbatlichter schwarze Flammen aus, und als stände wieder jener scheußliche Kopf mit seiner unheimlichen Prophezeiung vor mir. Ich fand keine Ruhe, bis ich meinen Jankele zu mir ins Bett nahm und ihn eng an mein Herz schloß. Es war mir, als müßte ich ihn gegen eine dunkle Macht schützen, die ihn mir zu entreißen drohte." Wie erschüttert von diesem Erinnerungsbilde brach der Blinde ab, legte sein Bündelchen, das er immer mit sich trug, auf den Tisch, stützte seinen Arm darauf und versank minutenlang in tiefes Schweigen. Zweites Kapitel. „Inzwischen," nahm endlich der Blinde seine Erzählung wieder auf, „verstrich Monat auf Monat, Jahr auf Jahr; die Kinder wuchsen und gediehen, wie es in der heiligen Schrift heißt, wie zwei gottgebenedeite Pflänzchen. Jankele besuchte während dieser Zeit das Cheder, stieg mit jedem Jahr eine Stufe höher, so daß er nicht allein bibelkundig war, sondern auch etwas vom Talmud wußte und nebenbei auch im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache so ziemlich beschlagen war. Rachele wieder erlernte während dieser Zeit, was eine Frau nöthig hat: Nähen, Stricken, etwas Schreiben und war nebenbei die lieblichste Wirthin der Welt. Damals hatten beide Kinder bereits das dreizehnte Jahr zurückgelegt." „Weißt Du," sagte mir um jene Zeit meine Frau, „es wäre Zeit, daß wir für die Zukunft unseres Jankele etwas thun." Sie fand immer das rechte Wort für die rechte Zeit, meine selige Frau. Ich fuhr wie aus einem Schlafe empor. „Wie meinst Du, soll das geschehend" fragte ich. „Etwas Ernstes soll er lernen, was ihm dann Brotberuf sein soll." „Und was soll dieses Etwas sein?" „Ein ehrliches Handwerk, das gibt alle Zeit Brot in Fülle." „Ein Handwerk?" starrte ich sie an. Damals galt das als ein sehr verächtlicher Beruf. „Freilich ein Handwerk," betonte sie, „waren nicht alle unsere großen Weisen der Vorzeit Handwerker? Ich weiß das aus meinem Deutschchumtsch. Warum soll nicht auch unser Jankele ein ehrlicher Handwerker werden?" Die warmen, eindringlichen Worte meiner Frau besiegten in mir alle Vorurtheile. „Und was für ein Handwerk soll er erlernen?" fragte ich. „Er soll die Schneiderkunst erlernen", sagte sie. „Ich fühlte mich abermals unangenehm berührt, — sie merkte es. . . . „Auch das," lächelte sie, „weiß ich aus meinem Deutfchchumifch, daß in der Regel jeder Handwerker Feind seines eigenen Berufes ist, aber geh', lieber Manu, er kann als Schneider sehr glücklich sein, freilich muß er dies Handwerk von Grund ans lernen." Ich war einverstanden, und es galt nur noch mit Jankele darüber ein Wort zu sprechen. „Mir ist ganz recht", sagte dieser, „aber ich möchte um etwas bitten, liebe Eltern," fügte er zögernd hinzu: „ich möchte auch, daß Rachele mit mir dasselbe Handwerk lernt." An Rachele haben wir garnicht gedacht, und er hatte ja recht, wir sollten ja auch an ihre Zukunft denken. . . Ich hatte einen alten Freund, einen Künstler seines Berufes, diesem trug ich mein Anliegen vor und ohne einen Augenblick damit zu zögern, erklärte er sich bereit, unsere Kinder zu sich in die Lehre zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) und „Jeschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstag-, jede»m«l in mindesten» S Bogen. Preis de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich iS Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Aurch br» Buchhandel s« beziehe« bet E. F. Klrinaütrr, Leipzig, Uvstpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder deren Raum. — Desterreichtsche Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco ein-ufntde«. Inhalt (Hanptblatt): Leitende Artikel: Die vier Hüter. (Zu Parafchat Mifchpatim.) — Das Judenthum und die Neige des 19. Jahrhunderts. Von Director Dr. Mendel Hirsch, Frankfurt a. M. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Münster. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Lemberg. — Rumänien: Bukarest. — Ägypten: Alexandrien. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutrrung. Erzählung von Nathan Samuely (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Bamberg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Pest. — England: London. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Niederwerrn. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Prag. — Amerika: Baltimore. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzetchnisse. Verantwortliche Rrdaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.