Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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192 Reden in der Versammlung in kleinen Artikeln und Annoncen warm gehalten wurden. Da erschien nach etwa einer Woche nachstehende Anzeige, den Bildungsgrad und die Zwecke der meisten Antisemiten kennzeichnend. Diese Kundgebung hatte einen vernichtenden Erfolg, gründlicher, als es die glänzendste Rede mit den triftigsten Gründen hätte bewirken können. Der Bann war von der neuen Firma gelöst, das Publikum strömte dem Geschäft zu, und Viele suchten den Staub, den die Antisemiterei aufgewirbelt hatte, von ihren Kleidern zu bürsten, sie schämten sich, mitgemacht zu haben. Hier die klassische Anzeige. Wie weit der Konkurrenz-Neid geht, beweist folgender Brief: „Herrn Cassel! Dringender Aufforderung meiner Kollegen bitte Ihnen schleunigst, Ihr scheusliche, unreelle Geschäft an den haken zu hängen, da es das größte Schwindelgeschäft ist, was je hehr ekssistirt hat. Sie werden keine ruhige Stunde haben, es wird Ihnen nach dem Leben getrachtet auf Irgend eine Art und Weise, wenn Sie nicht bald machen, daß Sie wieder an Ort und Stelle kommen, wo sic dem Publikum besser betrügen können. Ihr Geschäft und Ihre Waare soll eine Strafanstaltsarbeit sein, wo entgegen alle Ihre ausgestellten Waaren aus Fabrikwaaren sind. Sie denken wohlmöglich uns Handwerker zum Steinklopper zu machen, aber wehe Ihnen, daß gelingt Ihnen nicht, von so einen Schacheljude. Sie werden in Ihrer Hütte, mit sannt Ihr Personal, keinen ruhigen Schritt mehr machen können, da können Sie sicher von überzeugt sein, man wird Ihnen vertreiben, so weit wie möglich wo ein solcher Schwindeljude nach Palestrina gehört um dort sein trockene Stück Brod mit Waffer durch schwere körperliche Arbeit verdienen soll. Nochmals die Bitte, umgehend die Stadt Münster zu verlaßen und Ihre Niederträchtigkeiten aufzuheben. Einer für Viele. Brieflich auffordern thue ich nicht, aber am Körper abstrasen und Ihre Familie unglücklich machen bleibt Ihnen nicht aus. Wehe Wehe." Da ich nun den anonymen Absender trotz aller Mühe nicht ausfindig machen konnte, welches vielleicht der Königlichen Staatsanwaltschaft gelingt, so frage ich bei demselben an, ob er mir nicht einen anderen Ort als Palästina angeben kann, da ich sowohl wie mein ganzes Personal nicht der jüdischen Religion (obzwar ich glaube, daß es auch viele jüdische leistungsfähige Geschäfte giebt), sondern der christlichen Religion angehörc, also demnach nicht nach Palästina auswandern kann. Wie wenig die Konkurrenz über mein Geschäft eingeweiht ist, geht aus Vorgenanntem hervor. Es wird eben darauf losgeschimpft. M. Kaffel, Strafanstalts-Schuh-Magazin, Salzstr. Nr. 5. O esterr.-Un gar. Monarchie. 8. 8. Wien, 25. Januar. Unter der Ueberschrift: „Die Judenfrage in Rußland" schreibt der „Dziennik Polski" — Lemberger Journal —: „Wie bekannt werden in Petersburg Spezialgesetze gegen die Juden vorbereitet, die in erster Reihe darauf berechnet sind, die Söhne Jsrael's an die Wand zu drücken und sie durch diese Ausnahmsgesetze und Beschränkungen zu zwingen, daß sie en masse Rußland verlassen. Obwohl man Europa glauben machen will, daß der Czar diese Ausnahmsgesetze, resp. deren Activirung auf drei Jahre ausgehoben habe, können und werden sie am ersten besten Tage ins Leben treten, und wer da glaubt, daß die Londoner Bittschrift was bewirken könnte, der hat keinen Begriff von den Verhältnissen in Rußland und weiß nicht, was „für Factoren in der Judenfrage *eine Rolle spielen. Factoren, die nicht daniit rechnen, was man in Europa sagt oder schreibt. Es gibt kein zweites Land mit solch einer ausgesprochenen Judenfeindschaft, wie Rußland. Mit einer verschwindend kleinen Ausnahme schürt die russische Presse gegen die Juden auf Schritt und Tritt. Dieses Hetzen und Anfwiegeln findet man nicht bloß in den Zeitungsspalten, sondern auch in der belletristischen Literatur, indem täglich Novellen, Skizzen und Farcen hervorgebracht werden, die alle die Tendenz verfolgen, Haß und die Verachtung gegen Juden und Judenthum anzufachen. So stoßen wir in einer der letzten Nummern der „Nowoje Wremja" auf einen charakteristischen Artikel, der das Gesagte drastisch illnstrirt. Der betreffende Aufsatz ist in Form eines Jnterwievs gehalten, in welchem ein Mitarbeiter des genannten Blattes seine Unterredung mit dem bekannten russischen „Philosophen" Aftafiew zum Besten gibt. Dieser Herr Astafiew war seiner Zeit Director und Jnspector an Katkok/s Lyceum in Moskau, befaßt sich mit den sozialen Problemen, darunter auch mit der „jüdischen Frage", genießt in den Kreisen der russ. Pnblicisten den Ruf einer Autorität und gilt allgemein als Philosoph. Dieser Herr Astafiew sagt also, daß, um seinen Standpunkt in der Judenfrage zu verstehen, es vor allem nothwendig sei, sich klar zu machen, daß die derzeitige Psychologie Verstand, Gefühl und Willen nicht als drei abgesonderte Mächte ansieht, sondern sie als drei unzertrennliche Seiten des geistigen Prozesses betrachtet, die nur in verschiedenen Eombinationen ineinandergreifen, wobei in einem gegebenen Moment die Üeberlegenheit des Verstandes, des Gefühls oder des Willens sich bald stärker, bald schwächer erweisen kann, was eben den persönlichen nationalen oder Rassen-Eharacter repräsentirt. Die Juden, fährt der russische Philosoph fort — zeichnen sich, wie die übrigen Semiten, durch ein überaus schwaches Gesühlsvermögen aus, sind aber dafür hinsichtlich des Verstandes sehr entwickelt. Bei den Juden ist alles reell und positiv, von der Religion angefangen, die stark ausgeprägte Formen hat. Der Jude ist immer und in allem praktisch und positiv, was bei ihm einen Materialismus und tttilarität zur Folge hat Dieser praktisch-utilitäre Charakter macht sich sogar in den Psalmen David's geltend und in der jüdischen Gesetzgebung. Wo die Juden immer sind, führen sie mit den Nationen, unter welchen sie wohnen, Krieg, nirgends aber ist der Kampf ein so furchtbarer wie in Rußland, in welchem Staate die Juden in der geistigen Oekonomie des Volkes, ein absolut unnützliches Element bilden.