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Der Israelit · 1891-02-02 · Heft 10 (2.2.1891) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 10 (2.2.1891)
Date
1891-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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180 aber das trockene Stückchen Brod röthete und rundete ihre Wänglein so voll und so schön, wie kaum der beste Leckerbissen die Kinder der Reichen. Jankele und Rachele schienen fast wie verwachsen in einander, ohne das eine wollte das zweite nicht effen, nicht trinken, nicht schlafen gehen. Fast gleichzeitig erklang jeden Tag früh morgens aus ihrem Munde das liebliche „gut Morgen", mit welchem sie ihre schönen Aeuglein öffneten. Wie zwei Vögelchen spielten sie miteinander in einem Winkelchen des Zimmers, und als sie das fünfte Jahr erreicht hatten, besuchten sie ein und dasselbe Cheder, wo sie im hebräisch Lesen und Schreiben Unterricht nahmen. — O, wie lachte uns das Herz, wenn sie so Hand in Hand aus dem Cheder heimkehrten, er schlank und aufgeschossen wie ein junges Fichtenbäumchen, und sie voll und rundlich mit dem blühenden Gesichte und den großen, lachenden Augen, die gar allerliebst unter ihrer gestickten Kavutze hervorleuchteten. „Des Sommers spielten beide Kinder auf dem grünen Rasenplatze vor unserer Wohnung. Bisweilen gesellte sich ihnen ein kleiner Knabe bei, der Sohn eines Nachbars, den man den „rothen Wölwele" nannte. Diesen Zuwachs jedoch sahen beide Kinder als einen Eindringling an, was zwischen ihnen zu öfterem Gezanke, nicht selten auch zu einem kleinen Handgemänge führte. . . . Der rothe Wölwele war mein Erbfeind, denn seit Vorzeiten schleppte sich der Haß zwischen den Kindern unserer beiderseitigen Eltern, wie eine böse Krankheit, auf die spätesten Enkelkinder, bis zu uns herab. Ein gemeinschaftliches Erbhaus war es ursprünglich, das den wüthenden Haß zwischen unseren Eltern heraufbeschworen, und dieser Haß erbte sich wie eine schleppende Seuche aus die Kinder fort, so daß sie seit undenklichen Zeiten sich als Todfeinde gegenüberstanden. Da geschah es eines Sommertages, daß das kleine Rachele mit fliegenden Haaren und fieberhaft gerötheten Wangen mit dem keuchenden Rufe zu mir in's Zimmer stürzte: „Vater, . . . Vater! Schnell, . . . schnell! Der Rothe schlägt den Jankele!" Ich folgte der kleinen, mich am Rockschoße mit sich fortziehenden Rachele bis auf den Rasenplatz, und da war es mir, als wäre mein Blut auf einmal unter kochendes Feuer versetzt. Der rothe Wölwele, unser Nachbar, hält hoch in seiner Rechten meinen kleinen Jankele empor, dem das Blut zum Munde herauslief, und mit der zweiten Hand hieb er unbarmherzig auf ihn los, während seine Augen mörderisch blitzten, und sein rother Bart sich wie ein Flammenrad um sein Gesicht sträubte. Mein kleiner, armer Jankele zappelte unter den auf ihn niederhagelnden Schlägen, wie eine Fliege unter den Fängen einer Spinne. „Halten Sie ein!" schrie ich, ihm gewaltsam das Kind aus der Hand reißend. „Warum schlagen Sie dieses Kind hier?" „Das hat Sie nicht zu kümmern!" schäumte der Rothe und schlug nochmals auf das Kind los. „Das hat mich ja zu kümmern!" stampfte ich, mich kaum vor Zorn haltend, „das ist mein Kind, mein Jankele!" „Ah, Dein Kind!" stieß er mit höhnischem Gelächter aus, „das Kind des Todtenschneiders. So geh' Du nur lieber und nähe ihm ein Todtenkleid, denn ich werde Dir Dein Söhnchen todtschlagen!" „Ich konnte cs in mir nicht länger halten, das Blut kochte mir zum Kopfe hinauf. Wie ein leichtes Rohr packte ich ihn vor der Brust, schleuderte ihn zu Boden und versetzte ihm einen Fußtritt, daß er sich wie eine zertretene Schlange zu meinen Füßen krümmte." (Fortsetzung folgt.) „Jsmelit" und „ Irsch ur UN" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestenf Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 13 Reichs-Mark, für's Ausland IS Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Kuchhantet }U bekehr« bei E. F. Ktrinackrr. Leipzig, Roßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'8 Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franeo em-njende«. Inhalt (Hauptblatt) : Leitender Artikel: Zur Colonisationssrage. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Hamburg. Witten. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — England: London. — Rußland. Petersburg — Bulgarien: Sofia. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuely (Fortsetzung). Inhalt der Beilage r Zeitungsnachrichten und Corrcspondenzen: Deutschland: Frarrkfurt a. M. Hamburg. Breslau. Bamberg. Heilbronn. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Amerika: Washington. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohn (Schluß). Inhalt der Extra-Beilage: Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 3, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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